Zürichsee

Das Gipfelischiff braucht mehr Geld und Zeit

Das historische Motorschiff Etzel bringt die Mitglieder der Genossenschaft ins Schwitzen. Das hat mit dem heissen Sommer, Verspätungen und den überbordenden Kosten zu tun.

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Die Herbstkühle lässt vergessen, welche Schinderei die Sanierung des Motorschiffs Etzel bisher war. Seit Juni steht das 32 Meter lange und fast 6 Meter breite Schiff am Hafen des Baggerei- und Schiffbetriebs JMS in Schmerikon an Land, eingerüstet und unter einer dichten Plastikplane.

Bei Hitze, Dreck, Staub und in oft unbequemen Körperhaltungen rackerten die Profis und Freiwilligen bis in die hinterste Ecke der Schiffsschale.«Es war unerträglich heiss», sagt Oliver Morel, Präsident der Genossenschaft MS Etzel. Schiffsbauingenieur Jonas Panacek aus Thalwil erzählt, dass unter dem Plastikdach bis zu 48 Grad gemessen wurden. An manchen Tagen musste gar die Arbeit eingestellt werden.

Wie die Dominosteine

Zweiter Grund für die Verzögerung waren die Überraschungen, je mehr das Schiff demontiert wurde. Die alten Farbschichten enthielten Blei und PCB. Das bedingte ein mit Unterdruck hermetisch geschlossenes Zelt um das Schiff. Wie bei einer Gebäudesanierung mit Asbest wurde so verhindert, dass beim Sandstrahlen Schadstoffe in die Umwelt gelangen. Die Folge davon war, dass man gleich sämtliche alte Farbe entfernte, weil das Baukokon mit fast 100'000 Franken zu Buche schlägt und eine einmalige Ausgabe bleiben soll.

Damit begann das Dominoprinzip: Ein Stein brachte den nächsten zu Fall. Ohne Farbe und mit Ultraschallmessung offenbarten sich grössere, unerwartete Rostschäden am Rumpf, an der Tragkonstruktion und im Kabinenaufbau. Also musste noch mehr vom Innenausbau abmontiert werden um die Stahlkonstruktion freizulegen. «Dabei kamen auch Holzteile in schlechtem Zustand zum Vorschein», erzählt Jonas Panacek. Auch in den Fünfzigerjahren eingebaute Kunstharzplatten wurden entfernt. Und weil schon alles offen lag, entschloss man sich zum Ersatz aller Elektrokabel. Eine beachtliche Bilanz, wenn man bedenkt, dass der Ursprung der Sanierung ein undichtes Dach war.

Es geht nicht ohne Darlehen

Das Budget zur Restaurierung ist aus dem Ruder. Statt 800'000 Franken in zwei Etappen (2018 und 2023) sind es alleine für dieses Jahr schon 900'000 Franken. Wenigstens ist die Antriebsanlage mit dem einst revolutionären Verstellpropeller in viel besserem Zustand als gedacht. Daher kann diese Sanierungsetappe 2023 entweder fallengelassen oder noch ein paar Jahre aufgeschoben werden. «Trotzdem müssen wir dieses Jahr 900'000 Franken finanzieren», sagt Oliver Morel.

Bisher liegen erst 540'000 aus Rückstellungen, Eigenkapital, Beiträgen und Spenden auf der hohen Kante. Gerechnet werden darf mit 120'000 Franken aus dem Lotteriefonds des Kantons Zürich. Die verbleibende Viertelmillion suchen Genossenschaft und der Verein Pro MS Etzel mit weiteren Spenden. Vorläufig aber geht es nicht ohne eine Finanzierungsart, auf die der Vorstand gerne verzichtet hätte: Darlehen. Einige Privatpersonen haben sie angeboten, so dass die nötigen flüssigen Mittel nun vorhanden sind.

Originaler als zuvor

In diesen Tagen hätte die Etzel wieder ins Wasser gehievt und in Betrieb gesetzt werden. Doch derzeit präsentiert sich das Schiff in Schmerikon noch skelettiert in weisser Grundierungsfarbe. «Wir schaffen das, auch wenn das eine Herkulesaufgabe wird», beruhigt Jonas Panacek, der früher Präsident der Genossenschaft war.

Bis 12. Dezember muss das Schiff wieder ins Wasser, weil die JMS den Platz im Hafen benötigt. Immerhin trete jetzt nach dem Sandstrahlen endlich ein fixer Zeitplan für all die anderen Handwerker in Kraft. Viele Teile sind auch bereits einbaufertig. Am 31. Dezember geht das MS Etzel zur Silvesterfahrt erstmals wieder auf die Reise.

«Es gab einige schlaflose Nächte», kommentiert Oliver Morel den hektischen Sommer. Dennoch zweifelte der in Meilen aufgewachsene, heute im Aargau lebende Verkehrsingenieur nie an der Richtigkeit des Entschlusses, das Schiff zu restaurieren. «Alles was gemacht wird, ist nötig.» Dass die Etzel in Zukunft originaler und schöner unterwegs sein wird als in den vergangenen 60 Jahren, ist die Belohnung. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 03.10.2018, 16:56 Uhr

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MS Etzel

Schwimmende Technikgeschichte

Bis 1999 stand das Motorschiff Etzel im Dienst der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft. Dann wurde es ausgemustert und der Genossenschaft MS Etzel überlassen. Diese erhält mit finanzieller Unterstützung des Trägervereins Pro MS Etzel ein geschichtsträchtiges Schiff.

1934 gebaut von Escher Wyss in Zürich war es das erste Passagierschiff auf dem Zürichsee mit geschweisstem statt genietetem Rumpf. Ausserdem erhielt es als erstes Schiff den revolutionären Verstellpropeller. Bei diesem Antrieb hat die Schraube Blätter, deren Neigungswinkel während der Fahrt verändert werden können. Das erhöht die Wendigkeit und lässt das Schiff ohne die Motordrehrichtung zu wechseln von Vorwärts- auf Rückwärtsfahrt wechseln.

Als Gipfelischiff steht das MS Etzel fahrplanmässig morgens im unteren Seebecken im Einsatz und ist bei Pendlern nach Zürich beliebt. Ausserdem wird das Schiff jährlich von Privaten rund 100 mal für Ausflugsfahrten gechartert. (di)

Infos über Restaurierung, Wiederinbetriebnahme und Spendenaktion auf www.msetzel.ch.

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