Zürichsee

Dampfschiff Stadt Zürich fällt die ganze Saison aus

Eine defekte Wellenanlage und ein brüchiger Kolbenschieber führen beim historischen Dampfer zu einer Zwangspause.

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Stolz liegt das Dampfschiff Stadt Zürich im Werfthafen der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG). Das prächtige Frühlingswetter würde eigentlich dazu einladen, mit der alten Dame eine Rundfahrt zu unternehmen. Doch das über hundert Jahre alte Schiff wird in diesem Sommer keine Passagiere an Bord begrüssen. Zwei defekte Teile verhindern einen Einsatz im Publikumsverkehr.

Grösstes Problem ist ein defekter Kolbenschieber im Bauch des Schiffs. Diese zentrale Steuerungseinheit, quasi das Gaspedal, ist brüchig. Das ist ein Sicherheitsrisiko. Geht das Bauteil – es stammt noch von 1909 – während der Fahrt kaputt, ist das Schiff manövrierunfähig. Auf offener See wäre das weniger problematisch, doch beim Anlegemanöver könne es schnell gefährlich werden, erklärt Roman Knecht, Direktor der ZSG, im Gespräch mit der Zürichsee-Zeitung. «Der Kolbenschieber regelt über das Einströmen von Dampf auch das Vor und Zurück des Schiffs.» Im schlimmsten Fall könnte das Schiff beim Anfahren eines Steges nicht mehr gebremst werden. «Dieses Risiko wollen wir nicht eingehen», meint Knecht.

Schäden 2012 entdeckt

Die Altersschäden am Kolbenschieber hat die ZSG schon länger entdeckt. Bei der Revision vor sieben Jahren habe man bereits gesehen, dass mittelfristig Reparaturen notwendig sein werden, erst jetzt wurde das Problem akut. Die Experten des Unternehmens gehen davon aus, dass auch die 2012 erstmals festgestellten «Klopfgeräusche der Maschine» im Zusammenhang mit dem Kolbenschieber stehen könnten. Damals verpasste das Schiff bereits die ganze Saison. Erst 2016 hatte man das Gefühl, das Problem gelöst zu haben.

«Wahrscheinlich hätte man auch noch ein Jahr ohne Probleme weiterfahren können», meint Knecht. «Aber die Sache holt uns ohnehin ein.» Weil sich die Lieferung der neuen Wellenanlage – an dieser waren im November bei der jährlichen Revision Abnutzungserscheinungen festgestellt worden – verzögert, wird die Reparatur des Kolbenschiebers ebenfalls diesen Sommer durchgeführt.

Für die ZSG kein einfaches Unterfangen: «Unsere Werftmitarbeiter sind im Sommer auch auf den Schiffen unterwegs», erklärt Knecht. Entsprechend wenig Zeit hätten sie eigentlich, solch grosse Reparaturarbeiten auszuführen. «Wir müssen deshalb von Fall zu Fall entscheiden, ob wir die Reparatur priorisieren oder eine lukrative Extrafahrt durchführen», sagt der ZSG-Direktor. Anders als etwa die Schifffahrtsunternehmen auf dem Vierwaldstättersee oder dem Genfersee verfügt die ZSG aufgrund ihrer Grösse nicht über eine Ganzjahreswerft.

Flickwerk eliminieren

Besonders schwierig wird die Planung der Reparatur deshalb, weil für den neuen Kolbenschieber Testfahrten durchgeführt werden müssen, um die Grösse des Bauteils exakt bestimmen zu können. «Über die letzten Jahre haben wir immer mit Zusatzscheiben gearbeitet, um das Schiff optimal betreiben zu können.» Dieses Flickwerk wolle man nun gleich eliminieren. Für die Testfahrten muss allerdings erst die neue Welle eingebaut werden können.

Die 100000 Franken Reparaturkosten sind für die ZSG zwar überschaubar – «aber gerechnet haben wir damit natürlich auch nicht», sagt Knecht. Nebst den Reparaturkosten gibt es auch finanzielle Ausfälle, weil das Schiff für Sonderfahrten wie am 1. August oder am Züri-Fäscht nicht zum Einsatz kommen kann. Zur Weinausstellung Expovina im Herbst soll das Schiff, zumindest als stehende Ausstellungsfläche, wieder einsatzbereit sein.

Viel mehr als die Finanzen beschäftigt den ZSG-Direktor nebst der Dienstplanung für die Werftmitarbeiter die Suche nach einem Hersteller für den defekten Schieber. «Ein solches Bauteil kann man nicht ab Stange kaufen.» Und auch beim Dampfschiff Stadt Rapperswil kann die ZSG-Crew nicht abschauen – denn das fünf Jahre jüngere Schiff verfügt über gar keinen Kolbenschieber. Dort wird der Antrieb über Ventile gesteuert.

Kein Dampfschiff-Zuschlag

Immer wieder hat die ZSG Probleme mit ihren Dampfschiffen. Nebst den angesprochenen Schäden am Dampschiff Stadt Zürich stand das Schwesterschiff Stadt Rapperswil nach einem Unfall 2015 fast zwei Jahre lang still. Die damalige Sanierung kostete rund 350000 Franken. Für Roman Knecht ist es dennoch kein Thema, die historischen Schiffe auszumustern oder die Passagiere nur noch gegen einen Zuschlag auf die Dampfschiffe zu lassen. «Unsere Investitionen sind ein Bekenntnis für die Dampfschiffe.» Gemeinsam mit dem Zürcher Verkehrsverbund, dem Verein Pro Raddampfer und dem Lotteriefonds sei man bestrebt, die historischen Zeitzeugen auch zukünftig zu pflegen. «Dampfschiffe brauchen Liebe», sagt Knecht und fügt gleich als Beweis an: «Die Stadt Rapperswil haben wir für diese Saison gründlich geputzt und instand gestellt.»

Die Arbeit geht der ZSG bei ihrer Flotte ohnehin nicht aus. Im kommenden Winter werden die Motorschiffe Forch und Zimmerberg neu motorisiert, im Winter darauf steht beim Motorschiff Wädenswil die Innenraumsanierung an. Und im Fünfjahresplan der ZSG und des ZVV kommt auch das Thema von neuen Schiffen wieder aufs Tapet. «Mit dem Fahrplanwechsel 2020/2021 präsentieren wir unser neues Angebotskonzept», sagt Knecht. Je nachdem wie dieses vom Markt angenommen werde, habe dies auch Einfluss auf die zukünftige Flotte. Auch weil sich die Kundenbedürfnisse änderten.

Neue Schiffe denkbar

Das Motorschiff Bachtel und die Limmatboote stehen bis 2023 als Nächstes auf der Liste dafür, deren Zukunft zu prüfen. Ob dabei neue Schiffe beschafft werden oder die alten generalüberholt werden, sei noch offen, sagt Knecht. «Möglich ist auch, dass wir Visionen für neue Schiffe ausarbeiten lassen und erst danach entscheiden, welchen Weg wir gehen.» Einen konkreten Zeitplan dafür kann Knecht noch nicht nennen. Erst einmal will der ZSG-Direktor das Dampfschiff Stadt Zürich wieder auf Kurs bringen. Denn Knecht weiss: Die Emotionen der Fahrgäste holen die alten Damen noch immer am besten ab.

Erstellt: 23.04.2019, 21:01 Uhr

Die Letzten einer grossen Ära


Der erste Raddampfer mit dem Namen «Stadt Zürich» fuhr von 1856 bis 1893 auf dem Zürichsee – im Bild beim Halt im Hafen von Rapperswil. Foto: Stadtarchiv Rapperswil-Jona

Dampf brachte Bewegung in die Menschheit. Im 18. Jahrhundert in England erfunden, wandelte diese Technik mittels Wasser und Hitze Energie in Antrieb um. Dieses Prinzip fand zuerst auf dem Wasser seine praktische Anwendung, bevor die Eisenbahnen das Verkehrswesen revolutionierten.

Das erste Dampfschiff in der Schweiz war 1823 die Guillaume Tell auf dem Genfersee. Bis auch über dem Zürichsee schwarzer Rauch aufstieg, dauerte es noch zwölf Jahre. 1835 ging die in Grossbritannien gebaute Minerva auf Jungfernfahrt. Es war der Beginn einer Ära. Rasch dampfte eine ganze Flotte von Schiffen auf dem Zürichsee – insgesamt sollten hier bis 1914 33 Dampfer in Betrieb gesetzt werden. Bis auf zwei entstanden alle in der Werft von Escher Wyss in Zürich.

Weniger einheitlich ging es bei den Besitzern zu. Um die Gunst der Passagiere und Touristen buhlten viele Unternehmen, darunter auch die «Dampfschiffgesellschaft vom linken Seeufer» mit Sitz in Horgen und die «Republikaner AG» in Richterswil. Die Konkurrenz der Eisenbahn auf der linken Seeseite führte schliesslich 1890 zur Flurbereinigung mit der Gründung der Zürcher Dampfbootgesellschaft. Sie besteht heute noch – unter dem Namen Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG).

Die beiden letzten Zeugen der Raddampfer-Ära sind die «Stadt Zürich» (erbaut 1909) und das Schwesterschiff «Stadt Rapperswil» (1914). Allerdings gab es zuvor schon Dampfer gleichen Namens. Die erste «Stadt Zürich» wurde 1856 in Betrieb genommen und 1893 ausser Dienst gestellt. Das DS Rapperswyl – schon damals als baugleiches Schwesterschiff gebaut – folgte 1858 und fuhr bis 1895 auf dem Zürichsee. Vor 50 Jahren schien auch den letzten beiden Raddampfern der Schrottofen zu drohen. Doch öffentlicher Druck stimmte die ZSG um. Der 1970 gegründete Verein Aktion Pro Raddampfer sorgte für ein Umdenken und hilft seither, die «Stadt Zürich» und die «Stadt Rapperswil» mit Enthusiasmus und finanziellen Mitteln zu erhalten. Der Verein hält auch einen Sitz im Verwaltungsrat der ZSG. (di)

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