Wald

Borkenkäfer verursachen immenses Baumsterben

Der Borkenkäfer sucht derzeit die Wälder in grossem Ausmass heim. Vor allem Fichten sind betroffen. Die Invasion bringt Forstunternehmer an ihre Grenzen und verändert das Waldbild.

Kleiner Käfer – grosse Bedrohung: Wegen der heissen Temperaturen sind die Bäume anfällig für Borkenkäfer.

Kleiner Käfer – grosse Bedrohung: Wegen der heissen Temperaturen sind die Bäume anfällig für Borkenkäfer. Bild: Moritz Hager

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Ein Berg von Holzschnitzeln steht meterhoch aufgetürmt auf der Deponie Wiedag in Oetwil. Der Duft von frischem Holz liegt in der Luft. Ein eigentlich angenehmer Geruch, der jedoch nichts anderes als der Duft des Todes unzähliger Bäume ist. Hunderte gefällte und zerhackte Fichten werden dieser Tage auf die Deponie gebracht. Das Ende bereitet den bis zu 35 Meter hohen Nadelbäumen ein vier Millimeter kleines Wesen: Der Borkenkäfer.

Bereits am frühen Morgen kommt der erste mit Holzschnitzeln gefüllte Laster auf die Deponie. Es dient als Zwischenlager, bis die Holzschnitzel im Winter zum Heizen gebraucht werden können. Die Fichten standen einst in Stäfa, Männedorf oder Oetwil. Bäume aus Meilen und Uetikon folgen noch.

70'000 Käfer pro Stamm

Dass der Borkenkäfer Bäume zu Fall bringt, ist zwar nichts neues, das diesjährige Ausmass des Befalls ist jedoch ausserordentlich. «Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals so schlimm wie dieses Jahr war», sagt Alexander Singeisen, Revierförster Pfannenstiel Süd.

Grund für den starken Befall sind die heissen Temperaturen und Stürme aus den Vorjahren. «Je wärmer es ist, desto schlimmer wird es», sagt Singeisen. Die Bäume leiden unter Folgeschäden des Sturms Burglind Anfang 2018 sowie dem Hitzestress. Sie sind zu schwach, um die Bohrlöcher der Borkenkäfer mit Harz zu füllen. Sie vertrocknen und müssen schnellstmöglich gefällt werden, damit die Schädlinge nicht auf die gesunden Nachbarbäume übergehen.

Waldbild verändert sich

Im Jahr 2018 wurden schweizweit 5,2 Millionen Kubikmeter Holz gefällt, was 11 Prozent mehr sind als noch 2017. Grund für den Anstieg waren vor allem die Borkenkäfer. «Wir sind dieses Jahr noch einen Monat früher dran mit Fällen als 2018», sagt Singeisen. Daher dürfte das Ausmass heuer noch grösser sein.

«Ich kann mich nicht erinnern,
dass es jemals so schlimm wie
dieses Jahr war.»
Alexander Singeisen,
Revierförster Pfannenstiel Süd

Wie viele Bäume gefällt werden müssen, kann momentan noch nicht gesagt werden. «Das hängt von der Witterung und dem Bekämpfungserfolg ab», sagt Kreisforstmeister Res Guggisberg. Was aber bereits klar sein dürfte: Das Waldbild wird sich stark verändern. Denn betroffen vom Befall sind vor allem die Fichten. Diese bilden rund einen Drittel aller Bäume am Pfannenstiel.

Von den Borkenkäfern gibt es mehrere Arten. Weit verbreitet ist der Buchdrucker, dessen Leibspeise die Fichte ist. Lange suchen muss man die Tierchen nicht. Alexander Singeisen reisst ein Stück Rinde von einer gefällten Fichte ab. Darunter kommen ein Dutzend der braunen und schwarzen Käfer und Larven zum Vorschein. Rund 70'000 Käfer bohren sich in einen Stamm und legen dort ihre Eier.

Der Borkenkäfer legt seine Eier in den Stamm und verbreitet sich rasant. Bild: Moritz Hager

Die 60 bis 80 Larven pro Wurf fressen dann ihre eigenen Gänge. Ein Ende der rasanten Verbreitung ist nicht in Sicht. Sie fressen weiter bis im Herbst und überwintern danach unter der Rinde oder im Boden. «Das einzige, das helfen könnte, wäre Regen», sagt Alexander Singeisen. Durch abwechselnd nasse und trockene Witterung bildet sich ein Pilz auf den Käfern, der diese tötet.

Die Tierchen können eine Flugdistanz von 500 Metern zurücklegen. Deshalb muss ein befallener Baum möglichst schnell gefällt und weit weg von anderen Fichten gelagert werden. Erschwert wird die Situation dadurch, dass man den Bäumen einen Befall zu Beginn nicht ansieht. «Wenn die Bäume braun sind, ist es schon zu spät», sagt Alexander Singeisen. Auch grüne Bäume können bereits ihrem Schicksal geweiht sein.

Finanzielle Konsequenzen

«Wir kommen mit dem Fällen kaum mehr nach», sagt Forstunternehmer Michael Gujer, Geschäftsleiter der Regi Holz GmbH in Oetwil. Normalerweise ist die Jahreszeit für das Holzfällen im Winter. «Wir stossen zur Zeit auf viel Unverständnis bei Spaziergängern, weil wir mitten im Sommer Waldwege sperren müssen», sagt er.

Wer nun meine, dass sich die Forstunternehmer über die vielen Aufträge freuen, liege falsch. «Es ist viel zu heiss, um zu arbeiten und unsere Mitarbeiter würden eigentlich gerne in die Sommerferien», sagt Gujer. Zudem werde man mit dieser Arbeit nicht reich. «Mit dem Holzpreis haben wir sonst schon Mühe. Mit dem Überangebot, das jetzt entsteht, sinkt der Preis brutal.» Michael Gujer rechnet damit, dass der Absatz in drei bis vier Wochen komplett eingebrochen ist.

Durch das Fällen der befallenen Bäume verändert sich das Waldbild. Bild: Moritz Hager

Normalerweise liegt der Preis für einen schönen Fichtenstamm bei 120 bis 140 Franken. Momentan erhalte man noch etwa einen Drittel davon, sagt er. Zudem sei das Holz der Fichten für Heizschnitzel ungeeignet, da das Holz einen tiefen Brennwert hat. Für andere Zwecke als Heizschnitzel kann man das vom Borkenkäfer befallene Fichtenholz jedoch schlecht gebrauchen. Der Käfer injiziert dem Stamm einen Pilz, der den Stamm blau färbt. Das Holz bleibt zwar stabil, durch die Verfärbung ist es für Schreinerarbeiten wie Tische oder Stühle jedoch nicht mehr ästhetisch genug.

Kanton stellt Geld zur Verfügung

Die Regi Holz GmbH hat ihre eigenen Lager bereits gefüllt. «Wir haben in der Deponie Wiedag Asyl erhalten», sagt Gujer. Dies habe jedoch Mietkosten zur Folge. Dass die Holzschnitzel überhaupt auf einer Deponie gelagert werden können, ist der momentanen Ausnahmesituation geschuldet. «Wir brauchten das Einverständnis des AWEL, des Forstdienstes und der Anwohner», sagt er.

Aufgrund der grossen Menge an gefällten Bäume, müssen die Holzschnitzel auf einer Deponie gelagert werden. Bild: Moritz Hager

Die Waldstücke im Kanton Zürich gehören zu etwa zwei Dritteln Privateigentümern und Korporationen und zu einem Drittel Kanton und Gemeinden. Um die Bekämpfung finanzieren zu können, stellt der Kanton Zürich jährlich einen Beitrag von einer Million Franken zur Verfügung. Im letzten Jahr wurde dieser fast restlos aufgebraucht. «Ob er dieses Jahr ausreicht, ist nicht sicher», sagt Res Guggisberg.

Inwiefern die Lichtungen, die diesen Sommer entstehen werden, wieder aufgeforstet werden, ist noch unklar. «Das ist mit enormem Aufwand und Kosten für die Waldbesitzer verbunden», sagt Alexander Singeisen. Eine sogenannte Naturverjüngung, bei der die Bäume ihre Saat ohne menschliche Hilfe verbreiten, sei die geeignetere Methode.

Bis dahin geht das Fällen tausender Fichten weiter. Ob es in den nächsten Jahren besser wird, ist angesichts des Klimawandels fraglich.

Erstellt: 22.07.2019, 14:47 Uhr

Waldbesitzer machen Defizit

Auch am Zimmerberg spürt man die Ausbreitung der Borkenkäfer.

Hasi Schwarzenbach ist Präsident der Holzkorporation Banegg, welcher das Waldstück in Thalwil zwischen der Autobahn und dem Gewerbegebiet Böni gehört. «Es liegen bereits 1000 Kubikmeter Holz am Boden», sagt er.

Das sind ungefähr 100 Lastwagen voll und entsprechen vier Jahresernten, die nun mehr oder weniger wertlos wurden. Denn durch den tiefen Holzpreis sind die Erntekosten höher als der Ertrag. «Rein privatwirtschaftlich lässt sich das kaum tragen», sagt Schwarzenbach. Die Korporation, bestehend aus einigen wenigen Privatpersonen und der Gemeinde Thalwil, muss für den Grossteil der Mehrkosten aufkommen.

Kanton zahlt nicht genug

Zwar zahlt der Kanton für den Transport der Fichten zehn Franken. «Dies nützt uns aber wenig, da wir in der Region praktisch keine geeigneten Lagerplätze ausserhalb des Waldes haben», sagt Schwarzenbach. Er sieht die öffentliche Hand in der Pflicht. «Der Kanton müsste den Waldbesitzern für ihren Aufwand wenigstens das Defizit bezahlen.» Er hofft nun, dass die Fichten als Energieholz verkauft werden können. (hid)

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