Thalwil

Blasorchester unterstrich Stummfilmszenen mit Hörgenuss

Die Harmonie Thalwil spielte die passenden Melodien zum Stummfilmklassiker «Die Weber». Der Film wurde zum Abschluss der Kulturtage Thalwil unter freiem Himmel vorgeführt.

Auf dem Vorplatz des Gemeindehauses untermalten 45 Musiker der Harmonie Thalwil den Stummfilmklassiker.

Auf dem Vorplatz des Gemeindehauses untermalten 45 Musiker der Harmonie Thalwil den Stummfilmklassiker. Bild: Moritz Hager

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Beim Eindunkeln am späten Freitagabend bildet der Vorplatz beim Gemeindehaus Thalwil das perfekte Ambiente für ein Open-Air-Kino. Wer in der Tropennacht keinen Platz mehr in den Sitzreihen findet, macht es sich auf dem leicht ansteigenden Rasenstück bequem, wo sich eine Reihe an die nächste reiht. Jeder der rund 150 Kinogänger hat schliesslich freie Sicht auf die grosse Leinwand. Zum Abschluss der Kulturtage wurde auf dieser der Stummfilmklassiker «Die Weber» gezeigt. Erstmals musikalisch begleitet von der Harmonie Thalwil.

Halbes Jahr geprobt

Die 45 Musikerinnen und Musiker der Harmonie Thalwil mit den Registern Klarinette, Querflöte, Saxophon, Trompete, Horn, Posaune, Tuba sowie die Rhythmussektion mit Schlagzeug und Perkussion nehmen unterdessen ihre Plätze auf dem Podium ein. Etwas nervös tigert Dirigent Christian Bachmann herum. Er stellt den Timer auf dem Handy auf Null. «Wenn der Film beginnt, lass ich die Zeit laufen.»

Synchron zum Geschehen auf der Leinwand zu spielen, sei eine Sekundenangelegenheit. Bevor er sich durch die Sitzreihen zum Filmoperateur durchschlängelt, sagt er noch: «Wir haben die Musik von verschiedenen Komponisten selbst zusammengestellt und arrangiert und dann sechs Monate lang. einmal pro Woche, geprobt.»

Weltpremiere mit Freizeitmusikern

Dem Publikum die Plätze zugewiesen haben fleissige Helfer, die ein T-Shirt mit dem aufgedruckten Namen «Filmpodium Thalwil» tragen. «Wir entschlossen uns, ‹Die Weber› zu zeigen», weil der Filmtitel so gut zum Motto ‹Verwoben› der diesjährigen Thalwiler Kulturtage passt», sagt Vereinspräsidentin Verena Biedermann. Nach Absprache mit Jean-Michel Passaplan, dem Vereinsräsidenten der Harmonie Thalwil, sei die Zusammenarbeit mit dem Blasensemble rasch zustande gekommen.

Das Filmpodium Thalwil wählte schliesslich die Version des Films, welche die Wiesbadener Filmstiftung Murnau 2012 für das ZDF und für Arte restauriert hatte. «Bei unserer Aufführung handelt es sich wahrscheinlich um eine Weltpremiere», fügt Verena Biedermann nicht ohne Stolz an. Die Murnau-Stiftung sei der Meinung, dass nur zwei Mal ein Orchester live zum Stummfilm gespielt habe. Das seien aber Profimusiker gewesen. «Nun sind Freizeitmusiker am Werk.»

Dramatische Klänge

Mit dem deutschen Pianisten Günter Bachmann steht allerdings auch ein Profimusiker auf der Bühne. Dank seinen Soloeinlagen können sich die Harmoniker während des 93-minütigen Meisterwerks auch mal eine Pause gönnen. Die teils traurigen und dramatischen Klänge passen sich dem Geschehen auf der Leinwand an.

Die Handlung lässt sich auch ohne Dialoge leicht verfolgen. Die Bilder sprechen eine Sprache für sich. Im finsteren Keller des in Saus und Braus lebenden Fabrikanten Dreissiger stehen die armen, hungernden Weber, um ihre «Webe» abzuliefern. Es ist stets das gleiche Ritual: Waage, Prüfung, karger Lohn mit Abzug.

Weber gehen auf die Barrikaden

Nach einem Eklat mit einem Arbeiter wird die ganze Belegschaft bestraft und soll für den halben Lohn weiterarbeiten. Jetzt reicht es den Webern endgültig. Sie gehen auf die Barrikaden, der Aufstand, die Revolution beginnt. Das Ende des Films lässt einiges offen. Die Weber schlagen das auf sie angesetzte Bataillon Soldaten nur mehr oder weniger in die Flucht, und die Geschichte lehrt, dass sie den Kampf gegen das maschinelle Weben nicht gewinnen werden.

Der nicht enden wollende Applaus, nachdem die Beleuchtung auf dem Vorplatz wieder angegangen ist, betrifft zum einem Teil den Film, der das Publikum in seinen Bann gezogen hat, zum Grossteil aber den Musikerinnen und Musikern der Harmonie Thalwil und ihrem Dirigenten Christian Bachmann, denen schlicht und einfach ein Bravourstück gelungen ist.

Erstellt: 30.06.2019, 16:40 Uhr

Verwobene Schlussfeier

Getreu dem Motto «Verwoben» sind auch an der Schlussfeier am Samstagabend verschiedene Elemente verknüpft worden. Es gab viel Musik, Theaterkunst, Dankesreden und ein mitreissendes Schlusslied.

Den Anfang und das Ende des 15-tägigen Kulturspektakels markierte auf der Bühne beim Gemeindehaus ein zweiteiliges, skurril verwobenes Musiktheater. Es wurde eigens für die Kulturtage von der Sängerin Julia Schiwowa, der Pianistin Simone Baumann und dem Choreografen Oliver Dähler gemeinsam mit dem Sängerverein Thalwil und weiteren Akteuren der Kulturtage erarbeitet. Das Stück spielt im Thalwil der 1930er-Jahre und spinnt seine Erzählfäden rund um die kroatische Sängerin Hermine Schumowska, alias Julia Schiwowa, eine charismatische Thalwiler Persönlichkeit aus jener Zeit.

Misslang bei der supponierten Hauptprobe so ziemlich alles, was schief gehen konnte, verlief der zweite Teil des Musiktheaters am Samstagabend wie aus einem Guss. Russische Lieder waren zu hören. Unter seiner Dirigentin, der Ukrainerin Zoryana Mazko, lief der Sängerverein Thalwil zu Bestform auf. Simona Baumann und der Thalwiler Saxofonist Lukas Heuss jammten, dass es eine Freude war. Zwischendurch hiess es Bühne frei für Dankesworte von Gemeinderat Hanspeter Giger (GLP) an alle Beteiligten der Kulturtage. Später schloss sich Simon Niederhauser, Leiter der Thalwiler Fachstelle für Kultur, seinem Vorredner an.

Grandios verlief die Schlussnummer: Alle Künstlerinnen und Künstler standen auf der Bühne und spielten auf tänzerische, musikalische und gesangliche Art mit dem Motto «Verwoben», das im Refrain auch zu verweben, verlieben, verbinden und beleben wurde. Auch mit Gesten wurden die Begriffe dargestellt. Der Funke sprang ins Publikum über, das seinerseits tanzte und sang, ehe es die Schlussfeier frenetisch beklatschte.

Vom Theaterstück zum Film

«Die Weber» war ursprünglich ein Drama des deutschen Schriftstellers Gerhart Hauptmann aus dem Jahr 1892. Es bezieht sich auf die realen Weberaufstände im Jahr 1844 in den schlesischen Provinzen. Rund 80 Jahre später nahm sich der in der Ukraine geborene und später in Berlin lebende Regisseur Friedrich Zelnik mit seinem 1927 erschienenen Stummfilm der Thematik wieder an. (uz)

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