Thalwil

Beim Stillen soll die Mutter nicht auf ihr Handy schauen

Die digitalen Medien sind ein Segen und eine Gefahr. Was die Bildschirme im Alltag von Familien bedeuten und welche Auswirkungen sie haben, zeigen Marlies Desarzens, Stellenleiterin von Samowar, und Präventionsfachmann Fabian Bächli auf.

Kinder brauchen die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern: Marlies Desarzens und Fabian Bächli machen Eltern fit im Umgang mit Handys.

Kinder brauchen die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern: Marlies Desarzens und Fabian Bächli machen Eltern fit im Umgang mit Handys. Bild: Manuela Matt

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Sie wollen Eltern fit machen im Umgang mit dem Handy. Was raten Sie ihnen?
Fabian Bächli: Es geht um Bewusstwerdung, wann schaue ich aufs Handy und wann lasse ich mich davon nicht stören. Reagiere ich sofort, wenn das Handy piepst?

Wann ist das Piep-piep des Handys zu negieren?
Bächli: Beispielsweise beim Stillen. Beim Stillen sollten die Müttern nur mit dem Kind sein. Das gilt auch für den Spielplatz. Allgemein ist es wünschenswert, dass man sich in Situationen, in denen man mit Menschen zusammen ist, nicht immer ablenken lässt. Neuste Studien weisen darauf hin, wie wichtig die Zuwendung der Mütter ist. Fütterungs- und Einschlafstörungen können bei Säuglingen resultieren, wenn Mütter während der Betreuung des Kindes zu sehr von digitalen Medien absorbiert sind.

Kinder haben es ja nicht gerne, wenn die Eltern durch die Zeitung oder das Handy abgelenkt sind.
Marlies Desarzens: Ja, denn Kinder wollen die ungeteilte Aufmerksamkeit und brauchen diese auch immer wieder

Was empfehlen Sie den Eltern?
Bächli: Ab und zu das Handy bewusst weglegen. Wenn es kaum gemeinsame Zeit von Eltern und Kind ohne Bildschirmmedien gibt, dann ist das prägend für das Kind. Wichtig sind Qualitätszeiten wie zum Beispiel, gemeinsame Unternehmungen in der Natur, freies Spiel, Raum und Zeit für Kreativität. Wenn nur Bildschirmmedien mit Spass verbunden sind und Natur mit Anstrengung, dann ist das beim Kind gespeichert. Wenn es hingegen Natur mit Spass verbinden kann, dann bleibt das auch erhalten.

Was geben Sie den Eltern mit auf den Weg?
Desarzens: Die Eltern sollen sich selber und ihre Kinder fit machen, mit den Risiken des Internets umzugehen. Zu Hause sollte übers Online-sein gesprochen und Regeln vereinbart werden, an die sich alle halten. Heute benützen Kinder selber immer früher digitalen Medien.

Ab welchem Alter?
Desarzens: Zum Teil besitzen Kinder bereits in der 5. Klasse ein Smartphone, wenige auch schon früher. Aber bereits das Kleinkind lernt das Handy als Foto- und Filmapparat kennen, ein Gerät, auf welchem Bilder und Filme bestaunt werden können.

«Das kindliche Gehirn nimmt alles wie ein Schwamm auf, es selektioniert nicht.»Fabian Bächli, Samowar-Stellenleiter

Manchmal kann man Eltern beobachten, die ihre Kinder mit dem Handy beschäftigen oder ablenken.
Bächli: Das Handy regelmässig als Babysitter zu benützen, kann zu einem Problem werden. In diesem Zusammenhang ist auch zu betonen, wie wichtig es ist, dass Kinder lernen, Langeweile auszuhalten und mit Frustration umzugehen.

Wie wirkt sich die Digitalisierung auf das Gehirn von Kindern aus?
Bächli: Das kindliche Gehirn nimmt wie ein Schwamm alles auf, es selektioniert nicht. Das beginnt erst im Alter von zwölf Jahren. Der Frontallappen ist derjenige Teil des Gehirns, dessen Reifung erst bis zum 20. Lebensjahr abgeschlossen ist. Er ist zuständig für die Vernunft und Planung und damit auch für die Fähigkeit. Konsum zu regulieren. Deshalb braucht es die Erwachsenen, die dem Kind und auch noch dem Jugendlichen bei der Regulation helfen und sie im Gebrauch der neuen Medien begleiten.

Wo läuten bei Ihnen die Alarmglocken für zu viel Zeit am Tablet oder Handy?
Bächli: Es gibt Faktoren die darauf hinweisen können, dass es zu viel ist: Wie lange sitzt ein Kind täglich vor dem Bildschirm, welchen Aktivitäten geht es sonst noch nach, sind die Leistungen in der Schule genügend, zeigt es ungewöhnliches Essverhalten, ist es übermässig müde, oder reagiert ein Kind sehr aggressiv, wenn man ihm das Handy wegnimmt?
Desarzens: Ein übermässiger Konsum zeigt sich zum Teil auch in der schlechteren Konzentrationsfähigkeit.

In den Schulen gibt es Regelungen zu welchen Zeiten Handys erlaubt sind.
Bächli: Im Moment ist man am Überlegen, ob es sinnvoll sei. das Handyverbot in den Schulen aufzuheben. Man beobachtet, dass die Kinder es in der Pause massiv oder zwischendurch versteckt benützen. Ziel sollte sein, dass die Kinder angeleitet werden, wann und wie das Handy in der Schule zum Einsatz kommen kann.
Desarzens: Ich stelle mir vor, dass ein Jugendlicher für sich entscheiden kann, dass er das Handy weglegt, oder dass eine Jugendliche zu ihrer Kollegin sagt, wir sind jetzt am Reden, leg bitte das Handy weg.

Es gibt auch Vorteile der neuen Medien
Desarzens: Ja klar! Sie eröffnen neue Wege der Kommunikation und Kreativität. Im Unterricht sollte jedoch darauf geachtet werden, dass eine Balance zwischen der Nutzung der digitalen Medien und mit den Sinnen erlebbarem Lerninhalt gefunden wird.

Was wollen Sie am Elternabend vermitteln?
Desarzens: Das Verständnis für die Wechselwirkungen zwischen den digitalen Medien, den Eltern und der Entwicklung des Kindes.

Freitag, 27. Oktober, 19.30 bis 21.30 Uhr, samowar, Bahnhofstrasse 24, 8800 Thalwil. Samowar, die regionale Suchtpräventions- und Jugendberatungsstelle des Bezirks Horgen will mit dem neuen Info-Abend «Tablet statt Schaukelpferd» Eltern ansprechen, die Kinder im Alter zehn haben. Anmeldung bis: 23. Oktober. Für Eltern, wohnhaft im Bezirk Horgen ist die Teilnahme kostenlos, für Auswärtige 10 Franken. Beschränktes Platzangebot. Anmeldung mit Angabe der Anzahl Teilnehmer und Wohnort über Telefon 044 723 18 18 oder info@samowar.ch. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.10.2017, 15:46 Uhr

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