Bildung

«Bei manchen hapert es schon beim Telefonieren mit dem Chef»

Seit einem Jahr leitet Markus Riesen die Berufswahlschule (BWS) Bezirk Horgen. Der 62-Jährige sieht seine Aufgabe nicht nur darin, die Schüler auf den Berufsalltag vorzubereiten, sondern er will den Jugendlichen auch mehr Selbstvertrauen geben.

Markus Riesen erzählt von seinem ersten Jahr als Rektor der Berufswahlschule des Bezirks Horgen.

Markus Riesen erzählt von seinem ersten Jahr als Rektor der Berufswahlschule des Bezirks Horgen. Bild: Michael Trost

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2016 traten Sie die Nachfolge von Thomas Wagen an, der18 Jahre lang die BWS in Oberrieden leitete. Wie haben Siedas erste Jahr als Rektor erlebt?
Markus Riesen: Das erste Jahr ist als Führungsperson entscheidend. Es geht darum, die Lernenden und die Lehrpersonen kennen zu lernen und sich im neuen Alltag zurechtzufinden. Da ich jedoch sehr viel Unterstützung von den Lehrpersonen erhalten habe, fiel mir der Einstieg relativ leicht. Zudem ist die Atmosphäre in diesem Schulhaus für mich einzigartig.

Inwiefern?
Die Schule ist relativ klein, der Umgang mit den Jugendlichen und den Lehrpersonen ist familiär. Dadurch, dass ich hier im Gegensatz zu meiner vorigen Stelle als Prorektor der Fachschule Viventa auch unterrichte, habe ich näheren Kontakt zu den Schülern und kann besser auf ­ihre Bedürfnisse eingehen.

In erster Linie geht es an der BWS darum, die Jugendlichen auf den Berufsalltag vorzubereiten. Spüren Sie einen gewissen Druck, so viele Jugendliche wie möglich in einer Lehre unter­zubringen?
Klar spürt man die Erwartung, dass nach dem Berufsvorbereitungsjahr auch eine Lehrstelle herausspringt. Der Kanton schreibt uns diesbezüglich auch eine Quote vor, die wir erfüllen müssen. Bisher hatten wir es ­jedoch geschafft, fast alle Jugendlichen unterzubringen. Die Anschlussquote – ohne Sprache/Integration – liegt bei rund 97 Prozent, im letzten Jahr konnten nur vier Lernende nicht unter­gebracht werden.

Weshalb fällt es einigen Jugendlichen so schwer, eine Lehrstelle zu finden? Ausbildungsstellen wären ja genügend vorhanden.
Die Gründe, warum sie keine Lehrstelle finden, sind vielfältig. Einerseits können sicher schlechte Noten und mangelnde Reife dazu führen, dass es mit der Stellensuche nicht klappt. Viele Schüler sind noch nicht in der ­Lage, Verantwortung zu übernehmen oder selbstständig zu arbeiten. Bei manchen Jugend­lichen hapert es beispielsweise schon beim Telefonieren mit dem zukünftigen Arbeitgeber. Auch schwierige Familiensituationen können sich negativ auf die Berufswahl auswirken. Wieder andere haben zu spät gestartet mit der Suche oder hatten schlicht Pech.

Und was ist mit unrealistischen Berufsvorstellungen? Heutzutage wollen doch die meisten eine kaufmännische Lehre antreten.
In der Tat haben einige Jugend­liche ein falsches Berufsbild. Das liegt zum Teil daran, dass sie die Berufswelt gar nicht kennen oder die Eltern kaum Unterstützung geben können. Wir versuchen den Jugendlichen Perspektiven aufzuzeigen, was ja meistens gut klappt. Es gibt jedoch gewisse ­Jugendliche, die bis kurz vor Schluss an ihrem Traumberuf festhalten, auch wenn sie kaum eine Chance haben, damit eine Lehrstelle zu finden.

Trotzdem haben viele Schüler die Erwartung, durch ein zehntes Schuljahr ihre Noten zu verbessern und so ihre Traumstelle zu bekommen.
Einige wenige Jugendliche haben diesbezüglich tatsächlich falsche Erwartungen. Unser Ziel ist es primär, die Fähigkeiten der Jugendlichen in Bezug auf die Fächer zu festigen und wo möglich zu fördern. Die Werkstattpraxis in der praktischen Abteilung ist für alle Lernenden neu. Seit kurzem haben wir eine Lehrperson, die für zusätzliche individuelle Begleitung (ziB) zuständig ist, sowie eine Klassenassistenz. Durch diese zusätzliche Unterstützung kann gezielter und vermehrt auf Lücken einzelner Lernender eingegangen werden.

Warum braucht es diese zusätzliche individuelle Begleitung?
Wir haben zunehmend Lernende, die bereits in der Volksschule sonderpädagogische Un­ter­stützung hatten. Die Einzel­begleitung hilft herauszufinden, in welchem Bereich ihre Lernhemmnisse liegen. Jeder Jugendliche hat irgendwo gute Fähig­keiten. Das zeigte sich im letzten Jahr etwa im Projekt einer Klasse, die erfolgreich eine Schülerfirma aufgebaut hat. Die Klasse baute Handyständer aus Plexiglas und verkaufte sie anschliessend. Die Schüler übernahmen verschiedene Rollen, ob bei der Produktion, in der Werbung,im Verkauf oder als Geschäfts­leitung.

Mittlerweile hat bereits Ihr zweites Jahr an der BWS ­begonnen. Welche Pläne haben Sie für die Zukunft der Schule?
Die Heterogenität der Schüler nimmt zu. Sowohl leistungsmässig wie auch verhaltensmässig unterscheiden sich die Schüler stark. Dies macht weitere inte­grative Massnahmen, wie sie aus der Volksschule bekannt sind, notwendig. Deswegen möchte ich die Individualisierung bzw. Personalisierung des Unterrichts generell ausbauen. Aus­ser­dem soll der Unterricht stärker auf die Digitalisierung und ihre Konsequenzen für die Berufswelt ausgerichtet werden. Den Jugendlichen ist kaum bewusst, dass gewisse Berufe sich in Zukunft stark verändern werden. Mein persönliches Anliegen ist es schliesslich, dass die Jugend­lichen in ihrem Selbstvertrauen wachsen und dass wir ihnen ein positives Schulerlebnis ermöglichen.

Erstellt: 03.09.2017, 20:05 Uhr

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