Samstagern/Richterswil

Bauzug fährt in Bagger – SOB-Linie bleibt gesperrt

Ein Bauzug hat unterhalb von Samstagern fast ungebremst einen Bagger gerammt. Der Unfall forderte einen verletzten Bauarbeiter und hohen Sachschaden. Der Streckenabschnitt der Südostbahn bleibt mindestens bis Montagabend gesperrt.

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«Zuerst war mehrmals ein Hornton zu hören als ob eine Sprengung bevorsteht. Dann krachte es infernalisch.» So beschreibt Marianne Bolt, Anwohnerin der SOB-Strecke unterhalb des Bahnhofs Samstagern die nächtliche Geräuschkulisse. «Es hat einen Höllenlärm gemacht und furchtbar gestaubt», beschreibt die ZSZ-Redaktorin, was sich um 4.15 Uhr vor ihrem Mehrfamilienhaus gleich neben dem Quartier Grüenfeld abspielte.

Ähnlich schildert ihr Nachbar Helmut Müller den Vorfall: «Ich wachte auf, weil es draussen gequietscht und gekracht hat, es tönte wie rollende Steine.» Sein erster Gedanke war: «Wieso haben die uns nicht gesagt, dass sie auch vor unserem Haus in der Nacht Gleisbauarbeiten machen?» Aber dann sei ihm schnell bewusst geworden, dass etwas passiert sein musste. «Ich lief in den Garten und sah die Bescherung», erzählt Müller.

Der Unfall hat sich direkt vor dem Bahnhof Grüenfeld in Richterswil ereignet. Video: SDA.

Bagger vor sich hergeschoben

Die Geräusche stammten von der Kollision einer Bauzugkomposition, die talwärts Richtung Wädenswil fuhr. Etwa 300 Meter vor der Haltestelle Grüenfeld rammte sie einen auf den Schienen stehenden Gleisbagger. Diesen schob der aus drei vollen Schotterwagen und einer Lokomotive bestehenen Bauzug vor sich her bis zum Stillstand knapp vor der Station Grüenfeld.

Carmen Surber, Mediensprecherin der Kantonspolizei Zürich erklärt die Folgen: «Durch den Unfall wurden Fahrleitungen auf einer Länge von mehreren hundert Metern heruntergerissen sowie die Geleise und Einrichtungen beschädigt.»

Keine Brems-Vollwirkung

Die Kollision ereignete sich im steilsten Teil der Strecke kurz vor einer kleinen Brücke in einer sanften Rechtskurve. Mit 50 Promille Gefälle ist dieser Abschnitt steiler als die Gotthard-Linie. Ein Bauarbeiter erlitt beim Unfall leichte Verletzungen und musste mit einem Rettungswagen ins Spital gebracht werden. Dem Vernehmen nach handelt es sich beim Verletzten um einen Zugsbegleiter, der auf dem vordersten Wagen stand und knapp vor der Kollision absprang. Beim Fallen über die Böschung zog er sich Prellungen zu. Lokführer und Baggerfahrer blieben unverletzt, wie sich bei einer medizinischen Kontrolle ergab. Auch der Verletzte konnte noch im Laufe des Vormittags aus dem Spital entlassen werden.

Mehrere hundert Meter weit schob der Bauzug den Bagger vor sich her. Dessen Schaufel knickte drei Leitungsmasten und riss die Oberleitung herunter. Bild: Manuela Matt.

Vier Stunden später sind Angestellte der Gleisbaufirma schon mit ersten Reparaturen beschäftigt. Vor allem die lecke Hydraulik des Baggers muss rasch ersetzt werden bevor das herauslaufende Öl das umliegende Wiesland verschmutzt. Der Bagger steht quer im Schotterbett zwischen den Schienen, während der Bauzug trotz der heftigen Kollision nicht entgleist ist. Die drei von der Baggerschaufel bizarr verbogenen Strommasten bieten ein Bild, als ob es sich um gekochte Macaroni handelt.

Polizei, Mitarbeiter der privaten Gleisbaufirma und der SOB beraten sich. Spezialisten der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST) prüfen die Räder und Bremsen. Untersuchungsleiter Markus Lüthi sagt, dass er «die Bremsen nicht auf Vollwirkung» vorgefunden habe». Ob dies auf einen Bedienungsfehler oder einen technischen Defekt zurückzuführen ist, werde nun ermittelt. «Das Gespräch mit dem Lokführer steht noch bevor», sagt Lüthi. Alle Fahrdaten hat er schon aus dem Fahrtenschreiber gesichert.

Bauplan ist in Gefahr

Über die Schadenshöhe konnten bisher weder SOB noch Polizei Angaben machen. Der Bauzug und der Bagger standen im Einsatz für die komplette Sanierung der Gleise und Bahninfrastruktur enlang der in Samstagern abzweigenden Linie nach Wollerau und Wilen Richtung Pfäffikon.

Die SOB berechnete dafür fünf Wochen. Dieser Zeitplan kommt nun aus den Fugen, wie SOB-Sprecherin Ursel Kälin sagt: «Das bringt die Logistik für diese Baustelle aus dem Fahrplan.»

Rechtzeitig Busse organisiert

Kälin spricht von «Glück im Unglück». Damit meint sie nicht nur den glimpflichen Ausgang mit nur einem Leichtverletzten. «Weil der Unfall lange genug vor dem Bahnbetrieb passierte, konnten wir auch rechtzeitig einen Bahnersatzverkehr mit Bussen organisieren», sagt sie.

Dieser Bus-Service wird den Reisenden mit der S13 zwischen Wädenswil und Samstagern noch mindestens bis Montagabend als Ersatz dienen müssen. So lange würden gemäss Informationen der SOB am Donnerstagnachmittag die Instandsetzungsarbeiten an der eingleisigen Strecke dauern. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 13.07.2017, 17:10 Uhr

Unfall im Bahnhof Wädenswil forderte 21 Tote

«Furchtbare Eisenbahnkatastrophe in Wädenswil»: So titelte damals der «Anzeiger vom Zürichsee». (Bild: Manuela Matt)

22. Februar 1948:

Strecke war schon einmal Auslöser einer Bahnkatastrophe

Am 22. Februar 1948 fuhr ein Sonderzug mit Skitouristen vom Sattel Richtung Zürich. Am späten Nachmittag passierte er die Station Samstagern. Auf der danach folgenden steilsten Stelle der Linie Richtung Wädenswil, wo gestern der Bauzug in den Gleisbagger fuhr, nahm das Unglück seinen Lauf. Der Sonderzug konnte nicht mehr gebremst werden. Mit weit höherer Geschwindigkeit als die für diesen Streckenabschnitt vorgeschriebenen 35 km/h donnerte der Zug mit einer Ce 6/8-Lokomotive («Krokodil») zuvorderst, die Rampe runter zum Zürichsee.

Die Durchfahrt durch den Bahnhof Burghalden erfolgte bereits gegen «Halt» zeigende Signale. Der Lokführer signalisierte gegenüber dem dortigen Fahrdienstleiter noch mit Handzeichen, dass ein Notfall vorliege, und machte mit Pfeifsignalen fortlaufend auf die Notfallsituation aufmerksam.

Wädenswil war alarmiert

Der mitgefahrene Betriebschef der Südostbahn (SOB) stieg inzwischen auf den ersten Wagen um, um dort zusätzlich die Handbremse anzuziehen, nachdem er das auf beiden Führerständen der Lokomotive schon getan hatte, wie es in zeitgenössischen Berichten heisst.

Im Bahnhof Wädenswil war der Fahrdienstleiter bereits alarmiert. Da aber die Durchgangsgleise 1 und 2, in die aus Richtung Einsiedeln eingefahren werden konnte, bereits durch zwei andere Züge besetzt war, konnte er nur noch die Weichen auf das bergseitige Abstellgleis stellen lassen.

Mit etwa 60 km/h traf der Zug auf den Prellbock auf und donnerte in das dahinter stehenden Verwaltungs- und Betriebsgebäudes der Obst- und Weinbau-Genossenschaft. Das Gebäude (heutige Wohnanlage «Seeresidenz») stürzte zur Hälfte ein. Durch die Wucht des Aufpralls schoben sich der erste und der dritte Zugswagen über den zweiten. 21 Menschen starben, 131 wurden verletzt.
Zu den Toten zählte auch der Betriebschef der SOB. Er wurde zwischen Lokomotive und erstem Wagen zerquetscht. Der Lokomotivführer überlebte, vor allem weil er durch den langen Vorbau der Ce 6/8 geschützt war. (di)

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