Wädenswil

«Auf die 1.-August-Rede könnte ich verzichten»

Seit gestern ist André Zürrer (SVP) Gemeinderatspräsident. In seinem Amtsjahr will er mehr Humor im Ratssaal – und gegenseitiges Zuhören. Ernst ist es ihm um den Steuerfuss und die Energiepolitik.

Den Erholungsort hat er von seinem Zuhause aus im Blick: André Zürrer über dem Zürichsee, den er gerne mit seinem Boot befährt.

Den Erholungsort hat er von seinem Zuhause aus im Blick: André Zürrer über dem Zürichsee, den er gerne mit seinem Boot befährt. Bild: Michael Trost

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An den Gemeinderatssitzungen sind Sie bis jetzt kaum aufgefallen, denn als Vizepräsident beobachten Sie das Geschehen im Saal, bleiben aber stumm. Was geht Ihnen jeweils durch den Kopf?
Während der Sitzungen fällt mir auf, dass sich viele Gemeinderäte wiederholen, etwa um das Votum einer Fraktion zu bestätigen. Ich nehme an, dass das in der Politik nun mal so läuft. Im Geschäftsleben ist es anders, da müssen Gespräche zielorientiert und effizient sein. Dadurch, dass ich mich an den Sitzungen nicht aktiv beteiligen muss, kann ich allen aufmerksam zuhören und von beiden politischen Seiten zu lernen. Auch ein Linker kann mal eine gute Idee haben.

Gab es Momente, in denen Sie dachten: «Wäre ich doch schon Präsident», oder umgekehrt, waren Sie je froh, noch nicht Gemeinderatspräsident zu sein und lediglich zuhören zu können?
Bestimmt gab es Momente, in denen ich mir dachte, dass ich da eingegriffen hätte, die Zeit wäre abgelaufen. Im Nachhinein fand ich es dann aber doch in Ordnung, dass man die Person fertig erzählen liess. Leben und leben lassen ist hier das Motto.

Was schauen Sie sich von Ihren Vorgängern Angelo Minutella (GLP) und Beatrice Gmür (SP) ab?
Ich hoffe, dass ich es gleich gut kann wie sie. Abschauen will ich mir aber nicht viel, ich will keine Kopie sein.

Wie wollen Sie das Parlament führen?
Es sollen Anstand und Fairness herrschen, die Parlamentarier sollen einander zuhören. Allfällige Sprüche unter der Gürtellinie werde ich unterbinden – ob sie von unserer Seite kommen oder von einer anderen. Zudem soll ein wenig Humor Platz haben. Ich bin nicht sicher, ob das in so einem formalen Rahmen goutiert wird. Es geht aber auch in anderen Bereichen des Lebens ernst zu und her, Humor braucht es dennoch.

Welche politischen Themen liegen Ihnen am Herzen?
Die Finanzen, dass Wädenswil einen stabilen Steuerfuss hat. Als Bürger von Schönenberg möchte ich zudem den Schönenbergern und Hüttener eine Stimme im Rat geben, bis sie selber auf den Listen erscheinen können. Dafür müssen sie aber auf mich zukommen. Allgemein ist es wichtig, dass sich mehr Leute öffentlich engagieren. Das beginnt schon bei der Wahlbeteiligung, die liegt ja oft bei unter 30 Prozent. Für anderes geht man dann aber gleich auf die Strasse.

Wieso haben Sie sich für die SVP als Ihre Partei entschieden? Gab es Alternativen?
Ich war früher im Bürgerlichen Forum positives Wädenswil (BFPW), positioniere mich also Mitte-rechts. Meine Meinung deckt sich aber mit derjenigen der SVP, etwa in Sachen EU-Beitritt oder Immigration. Wir können nicht die ganze Welt bei uns aufnehmen. Es soll denjenigen geholfen werden, die Hilfe brauchen. Dazu gehören beispielsweise auch ältere Leute in der Schweiz.

Was sagen Sie zu den in Wädenswil neu entstehenden Gewerbeparks wie der Werkstadt Zürisee oder dem Gewerbepark im Appital?
Die finde ich super, ein starkes Gewerbe ist wichtig. Wir müssen diese lokalen Unternehmen aber nutzen, auch wenn sie vielleicht zwei Franken teurer sind als andere. Sie bezahlen dafür hier ihre Steuern. Ich komme vom Bau und sehe deshalb auch den Vorteil, dass Wädenswiler Firmen allfällige Mängel viel schneller beheben als auswärtige, weil für sie der gute Ruf in der Stadt besonders wichtig ist.

Auf welchen Anlass ihres Präsidialjahres könnten Sie verzichten?
Auf die 1.-August-Rede. Die kommen überall Werbeveranstaltungen der Parteien gleich, die ihre Politiker durch das ganze Land jagen und schlussendlich über Parteipolitik sprechen lassen. Es wäre doch viel besser, wenn ein Komiker auftreten würde.

Können wir uns an der diesjährigen Bundesfeier also auf ein Comedy-Programm Ihrerseits freuen?
Wohl eher nicht, dazu bin ich ein zu wenig guter Rhetoriker.

Und worauf freuen Sie sich besonders?
Es ist mir eine Ehre, dass ich an den Festen zur Eingemeindung von Schönenberg und Hütten teilnehmen kann. Ersteres fällt nur deshalb auf meine Amtszeit, weil die vier Schönenberger damals Einsprache eingereicht hatten gegen den Zusammenschluss.

Sie kandidieren auch für den Kantonsrat, sind geschäftlich oft im Ausland unterwegs. Haben Sie noch Freizeit?
Natürlich, die nehme ich mir. Im Beruf bin ich flexibel und kann von zu Hause aus arbeiten. An den Wochenenden bin ich oft mit der Familie auf dem See, wir haben ein Boot. Mit anderen Mitgliedern der «Zouft Fäldchuchi 39» gehe ich meinem Hobby, dem Kochen, nach. An der Viehschau bereiten wir jeweils 400 Portionen Ratsherrengeschnetzeltes zu.

Ihre Vorgänger sind mit Tesla und Elektrovelo unterwegs, Sie fliegen viel und besitzen ein Boot. Energiepolitik ist wohl nicht Ihr Steckenpferd.
Das würde ich so nicht sagen. Ich bin Realist. Im Moment können wir die Atomkraftwerke nicht ausschalten, sonst kann auch Herr Minutella sein Auto nicht mehr aufladen. Sicherlich gibt es in Sachen Energiepolitik viel zu tun. Im Sommer veranstalte ich mit dem Gemeinderat und einer technischen Hochschule einen Informationsanlass über Solarpanels.

Wie informieren Sie sich über das Tagesgeschehen?
Eure Zeitung habe ich abonniert. Ich informiere mich aber vor allem themenspezifisch über verschiedene Medien hinweg. In der letzten Woche reiste ich nach Paris. Da musste ich beispielsweise wissen, ob sich die Situation mit den Gelbwesten beruhigt hatte – oder ob ich selber eine Weste mitnehmen musste, um sicher zu sein. In Schweizer Medien informiere ich mich zum Rahmenabkommen und versuche, mir ein eigenes Bild der Dinge zu machen. Auch hier gilt für mich, verschiedenen Meinungen Aufmerksamkeit zu schenken.

Erstellt: 18.03.2019, 14:18 Uhr

Zur Person

André Zürrer ist 49 Jahre alt. Er ist in der Au aufgewachsen und mit 20 nach Wädenswil gezogen. Zürrer hat eine Lehre als Elektromonteur absolviert und ist heute technischer Leiter (Head of Engineering) bei der britischen Bank Barclays. Dort ist er zuständig für Europa und den Mittleren Osten: England, Irland, Frankreich, Dubai, Israel und Russland sind nur einige seiner geschäftlich besuchten Destinationen. André Zürrer ist verheiratet und hat einen Sohn im Primarschulalter. Er ist seit 2013 Mitglied der SVP Wädenswil, seit 2015 im Gemeinderat. Nach einem Jahr in der Bürgerrechtskommission schaffte er den Sprung auf den «Bock» und war zweiter respektive erster Vizepräsident des Gemeinderats unter Angelo Minutella (GLP) und Beatrice Gmür (SP). (cob)

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