Wädenswil

Auf den Spuren des Neuen Bauens in Wädenswil

Im Grossen und im Kleinen zeigt sich an Wädenswiler Bauten die Sprache der Bauhaus-Architektur. Eine Stadtführung schärfte den Blick für die Merkmale des Baustils.

Rund 40 Interessierte liessen sich zeigen, wie die Bauhaus-Architektur in Wädenswil ihre Spuren hinterlassen hat.

Rund 40 Interessierte liessen sich zeigen, wie die Bauhaus-Architektur in Wädenswil ihre Spuren hinterlassen hat. Bild: André Springer

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Wer in Wädenswil Schiff oder Zug besteigt, hat sie womöglich schon verpasst: diesen oder jenen Zeugen des sogenannten Neuen Bauens. Aus heutiger Sicht wirken sie denn auch geradezu unspektakulär. Oder wie wollte man sonst etwa das Stahlrohrgeländer am Schiffssteg bezeichnen? Doch in seiner gebogenen Form war es damals schon fast revolutionär – zumindest für das auf Architektur und Design geschärfte Auge. «Damals», das heisst: um 1920/1930. Erstmals war da das Biegen von Stahlrohren technisch überhaupt möglich.

Dies erklärte am Sonntagnachmittag an genannter Stelle Hermann Krauthahn. Er, lokal als «Hermann vo Wädi» bekannt, hat mit dem Historiker Michael Schmid unlängst das Projekt «Bau-Raum Wädenswil» gegründet. Damit verfolgen die beiden das Ziel, die Wädenswiler Geschichte im Bereich Architektur, Design und Raum der Öffentlichkeit näherzubringen. Nun haben sie die erste Veranstaltung durchgeführt. Ausgehend vom heurigen 100-Jahr-Jubiläum der Bauhaus-Bewegung machten sie deutlich, wie die Lehre der deutschen Kunsthochschule in Wädenswil ihre Spuren hinterlassen hat. Dafür führten sie die gut 40 Teilnehmenden zu markanten Exempeln dieses Neuen Bauens, aber auch zu weniger eindeutig zuordenbaren Vertretern des Bauens zwischen 1920 bis 1950.

Leiteten die Tour: Hermann Krauthahn (links) und Michael Schmid.

Rundungen typisch

Dabei fand auch der Bahnhof mit seiner Umgebung Erwähnung. Und dies mitunter eben im gemeinhin Übersehenen. So machte Krauthahn auf die abgerundeten Ecken beim Treppenaufgang in der Unterführung aufmerksam. Rundungen sollten den Führungsteilnehmern im weiteren Verlauf der Tour immer wieder als eine typische Charakteristik des Bauhaus-Stils begegnen. Dies etwa an den Balkongeländern des Kronenblocks aus den frühen Dreissigerjahren – sein Name ist dem Gebäude vom einst darin befindlichen Restaurant geblieben. Erbaut vom Stäfner Albert Kölla und von Heinrich Brähm, dominiert es, in Blickrichtung zum See, den linken Rand des Bahnhofplatzes.

Quasi als Antipode steht auf dessen rechter Seite das Haus Merkur. Als Vertreter des Historismus des 19. Jahrhunderts manifestiert es, wovon sich das Bauhaus damals radikal abgewandt hat: vom Baustoff Ziegel zugunsten von Beton, von filigranen Zierelementen und Giebeldächern.

Ausstellungsobjekte der geschichtsträchtigen Wädenswiler Blattmann Metallwarenfabrik AG

Paradebeispiel Spital

Indes, Neues Bauen quasi in Reinkultur sei selten, hielt Schmid fest. «Häufig treffen wir auf Hybridisierungen von Stilen.» Ein Beispiel hierfür ist das Bahnhofgebäude, ebenfalls ein Werk von Kölla und Brähm. Nur ein Teil der Fenster ist ohne Läden und damit im Stil des Neuen Bauens, und auch das dafür typische Flachdach fehlt. «Das Walmdach gibt von der Nähe aus gesehen aber den Eindruck eines Flachdaches», erläuterte Schmid. Der Blick auf Details lohnte sich auch am Haus an der Ecke von Schlossberg- und Seestrasse. Mit seinem Giebeldach verweist es auf den Landhausstil; die betonierten und teils nach innen gerichteten Balkone wiederum auf das Neue Bauen. «Man könnte es für einen Umbau halten», sagte Krauthahn. Aber es wurde um 1939 von Brähm neu erbaut.

Das Spitalgebäude-Modell mit den gerundeten Balkonen.

Derselbe zeichnete ein paar Jahre zuvor für das ehemalige Spitalgebäude verantwortlich. Dieses kann mit seinen augenfällig gerundeten Balkonen an der Quer- und den grossen Fensterfronten auf der Längsseite, dem schwebenden Vorbau und dem grosszügigen Treppenhaus – wieder mit Stahlrohrgeländern – als ein Hauptwerk des Neuen Bauens am Zürichsee bezeichnet werden. «Original ist aber nur wenig an dem Gebäude», sagte Krauthahn. Man habe sich beim Umbau stark auf den damaligen Stil bezogen.

Bauhaus wäre nicht Bauhaus ohne Industriearchitektur. So führte der Rundgang auch zum Mewa-Fabrikgebäude. Der Wädenswiler Architekt Hans Fischli hat es in drei Bauetappen zwischen 1934 und 1965 geschaffen. «Sichtbare Konstruktionselemente, die Shed- und späteren Schmetterlingsdächer stehen für die Funktionalität des Bauhauses», erklärte Schmid. Sie lässt sich noch an manch ehemaligem Fabrikgebäuden am See ablesen.

Erstellt: 08.10.2019, 08:51 Uhr

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