Richterswil

Assistenztrainer rettet Junior das Leben – und wird geehrt

Am Donnerstag zeichnet die Gemeinde den 22-jährigen Jonathan Cavaliere an der Sportlerehrung aus – aber nicht wegen sportlicher Leistung. Er reanimierte einen Fussballjunior, als dieser auf dem Platz zusammenbrach.

Seit dem Militärdienst weiss Jonathan Cavaliere genau, was in einem medizinischen Notfall zu tun ist.

Seit dem Militärdienst weiss Jonathan Cavaliere genau, was in einem medizinischen Notfall zu tun ist. Bild: Moritz Hager

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Jonathan Cavaliere war gerade dabei, den Goalie seiner B-Junioren für den anstehenden Match aufzuwärmen – als Assistenztrainer beim FC Richterswil eine seiner Aufgaben. Plötzlich hörte er aufgeregte Rufe an seine Adresse: «Johnny, Ale liegt am Boden!»

Cavaliere kann sich an viele Details der aufwühlenden Situation erinnern, die sich an jenem Samstagmorgen im September des letzten Jahres auf dem Fussballplatz Chalchbüel abgespielt hat. Bei einem Treffen am Ort des Geschehens sagt der 22-Jährige in Bezug auf die Rufe der Spieler: «Ich glaubte zuerst, das sei ein Witz.»

Einer der jungen Fussballer, der 16-jährige Alessandro Parrella, lag bewusstlos auf dem Rasen. «Er machte merkwürdige Geräusche, eine Art Summen, und war nicht ansprechbar», erzählt Cavaliere. Also habe er Parrellas Puls geprüft – er war schwach – und ihn in Seitenlage positioniert.

In der Zwischenzeit sei auch der Haupttrainer der Mannschaft, Sandro Parrella, auf den Platz zurückgekehrt, den er kurzzeitig verlassen hatte. Der Schock muss für ihn besonders gross gewesen sein, denn beim bewusstlosen Spieler handelte es sich um seinen Sohn.

Militär war hilfreich

Es war Jonathan «Johnny» Cavaliere, der die Ruhe behielt. Als der gelernte Automobilmechatroniker feststellte, dass der Puls des Bewusstlosen schwächer wurde, wusste er, was zu tun war: «Ich beginne jetzt, Alessandro zu reanimieren», habe er zum panischen Vater gesagt. Dreissig Brustkorbkompressionen, zwei Beatmungen Mund zu Nase.

Doch woher stammt Cavalieres Wissen in Erster Hilfe? «Der Militärdienst lag zu jenem Zeitpunkt noch nicht lange zurück. Als Wachtmeister musste ich unzählige Lektionen in Erster Hilfe leiten», erzählt er. Der Einsatz bei seinem ersten Ernstfall im Chalchbüel sei instinktiv erfolgt. «Auch wenn ich keine Freude hatte am Militär – in diesem Fall war hilfreich, was ich gelernt hatte», sagt Cavaliere.

«Auch wenn ich keine Freude hatte am Militär – in diesem Fall war hilfreich, was ich gelernt hatte»Jonathan Cavaliere

Dazu gehörte nicht nur die Reanimation, sondern auch das Delegieren von Aufgaben. Er habe einen der Junioren angewiesen, den Rettungsdienst zu benachrichtigen, einen anderen, im Clubhaus nach einem Defibrillator zu suchen. Ein solches Gerät war aber nicht vorhanden. Weil an jenem Samstag eigentlich ein Fussballmatch gegen Kilchberg-Rüschlikon hätte stattfinden sollen, seien einige Zuschauer vor Ort gewesen, erinnert sich Cavaliere. Ein Mann und eine Frau hätten ihm bei der Herzmassage geholfen. «Es handelte sich wohl um Angehörige der Gastmannschaft, denn ich weiss bis heute nicht, wer das war.» Nach einigen Minuten – «gefühlt waren es zwei», sagt Cavaliere – erreichte die Stadtpolizei Wädenswil den Ort des Geschehens, und auch der Rettungsdienst und die Rega trafen im Chalchbüel ein.

Keine Erinnerung an Vorfall

«Ich realisierte erst, was eigentlich geschehen war, nachdem ich abgelöst worden war», sagt Cavaliere. Zwar habe die Polizei ihn gelobt. «Aber ich wusste zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht, dass Alessandro ohne bleibende Schäden aus der Sache herauskommen würde.» Nachdem die Rettungskräfte vor Ort per Defibrillator sein Herz wieder hatten zum Schlagen bringen können, lag Parrella im Universitätsspital Zürich eine Woche lang im künstlichen Koma. «Danach verbrachte ich drei weitere Wochen im Spital und einen Monat in der Reha», sagt Alessandro Parrella am Telefon.

Die Ärzte hätten festgestellt, dass sein Herz gleichzeitig mehrere Signale erhalten habe, was zu einer Art «Kurzschluss» geführt habe. Parrella konnte operiert werden und ist heute gesund. Seine Lehre als Elektroinstallateur konnte der mittlerweile 17-Jährige wiederaufnehmen. Auch auf den Fussballplatz kehrte Parrella zurück, er spielt weiterhin unter seinem Vater als Trainer und Cavaliere als Assistenztrainer bei den Junioren A+.

Der Vorfall habe die Mannschaft zusammengeschweisst, sagt Cavaliere rückblickend. Und auch die Beziehung zwischen seiner Familie und derjenigen Parrellas, die sich schon länger kennen würden, sei enger geworden. «An der Chilbi sind Alessandros Grosseltern zu mir gekommen und haben sich bedankt», erzählt Cavaliere. Und trotzdem: Für ihn ist seine Tat «selbstverständlich». Die Gemeinde sieht das anders und ehrt den jungen Assistenztrainer am Donnerstag, 5. Dezember, im Haaggeri-Saal im Rahmen der Sportlerehrung und des Freiwilligenapéros.

Vorbild für Gesellschaft

«Was dieser junge Mann geleistet hat, ist eben gerade nicht selbstverständlich. Er hat hingeschaut und reagiert», sagt Melanie Züger (FDP), Richterswiler Gemeinderätin und Ressortvorsteherin Gesellschaft. Cavaliere sei ein «wichtiges Vorbild für die heutige Gesellschaft», in der die Anonymität oft grösser sei als die Solidarität. «Dass Jonathan Cavaliere in der Lage war, selber Erste Hilfe zu leisten, ist ein Zusatz zu seiner grossen Leistung», sagt Züger. Alessandro Parrella hat keine Erinnerungen an den Vorfall und weiss nur aus Erzählungen, was sich rund um ihn abgespielt hatte an jenem Samstagvormittag. «Johnny hat gut reagiert und verdient die Anerkennung», sagt er.

«Was dieser junge Mann geleistet hat, ist eben gerade nicht selbstverständlich. Er hat hingeschaut und reagiert»Melanie Züger

Der Vorfall im Richterswiler Chalchbüel hat auch bei der Gemeinde einiges ausgelöst: «Die Anschaffung von Defibrillatoren, die öffentlich zugänglich sind, stand schon länger auf unserer Pendenzenliste», sagt Gemeinderätin Melanie Züger. Bisher seien erst in Schulhäusern und einzelnen Firmen Geräte vorhanden.

Auch die Südostbahn stelle an allen Haltestellen zwischen Samstagern und Wädenswil einen Defibrillator zur Verfügung. Nun sei man daran, verschiedene Standorte zu prüfen, an denen die Geräte ab einem noch unbestimmten Zeitpunkt im nächsten Jahr rund um die Uhr zugänglich wären, sagt Züger: Die Gemeindehäuser, das Zentrum Drei Eichen in Samstagern, der Coop Obermatt, das Hornareal und die Sportanlage Burgmoos würden in Erwägung gezogen. Vier bis fünf Geräte sollen es schliesslich sein, wobei der Preis für ein einzelnes Gerät zwischen 1200 und 3000 Franken variiert.

Defibrillator angeschafft

Im Clubhaus des FC Richterswil ist mittlerweile ein Defibrillator Teil des Inventars. Angeschafft hat diesen der Vater des Betroffenen, Sandro Parrella. Cavaliere sieht aber einen Nachteil: «Das Gerät ist nicht öffentlich zugänglich.» Um zum Defibrillator zu gelangen, muss man zuerst mehrere Türen aufschliessen. Im Notfall können diese Sekunden entscheidend sein – insbesondere dann, wenn kein beherzter Helfer wie Jonathan Cavaliere vor Ort ist, der Erste-Hilfe-Massnahmen beherrscht.

Mit der Beschaffung eines eigenen Defibrillators scheint der FC Richterswil zurzeit noch eine Ausnahme zu sein. So stützen sich der FC Thalwil und der FC Herrliberg etwa auf das Angebot der Gemeinden. In Herrliberg stehe bei der Sportanlage Langacker ein Gerät zur Verfügung, sagt Lars Haussmann, Präsident des FC Herrliberg. Gebraucht habe der FC ihn noch nie.

In Thalwil steht auf der Sportanlage Brand 1 ein Defibrillator bereit. Die Trainer würden von der Gemeinde laufend geschult, wie das Gerät zu bedienen sei, sagt FC-Thalwil-Präsident Roger Leutwyler. Man habe sich aber auch schon Gedanken gemacht, einen vereinseigenen Defibrillator anzuschaffen. An der nächsten Sitzung werde er das wieder thematisieren.

Erstellt: 02.12.2019, 17:26 Uhr

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Bewahren Sie Ruhe und gehen Sie nach dem Prinzip «Schauen, denken, handeln» vor. Je nach Unfallstelle gilt es, diese abzusichern, um den Schutz der eigenen als auch der verunfallten Person zu gewährleisten. Setzen Sie einen Notruf ab (144 in der Schweiz, 112 international). Sprechen Sie die betroffene Person an, um festzustellen, ob sie bei Bewusstsein ist.

Ist dies nicht der Fall, kontrollieren Sie deren Atmung und prüfen Sie, ob die Atemwege frei sind. Atmet die bewusstlose Person, ist sie in stabiler Seitenlage zu positionieren. Die Atmung muss regelmässig überprüft werden. Ist die Person bewusstlos und atmet nicht, beginnen Sie mit der Herzdruckmassage: abwechselnd 30 Thoraxkompressionen, bei denen fünf bis sechs Zentimeter tief mit einer Frequenz von zwei Wiederholungen pro Sekunde in die Brustkorbmitte zu drücken ist, und zwei Beatmungen. Blutet die verunfallte Person, ist mit der Hand, einem Handtuch oder einem Stück Stoff Druck auf die Wunde auszuüben. Diverse Organisationen bieten Erste-Hilfe-Kurse an. (cob)

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