Langnau

Architektur und Sonderpädagogik treffen aufeinander

Der Anbau der Langnauer Stiftung Tanne ist demnächst bezugsbereit. Vorher noch sind die zwei neuen Gebäude des Schweizerischen Kompetenzzentrums für Taubblinde der Öffentlichkeit frei gestanden.

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Holzreliefs, nostalgisch anmutende Kippfenster, dreifarbig gestaltete Treppen: Das sind nur einige der stilvollen Details, die im Neubau der Langnauer Stiftung Tanne auf Schritt und Tritt auffallen. Doch stilvolle Details sind dies nur für die Aussenstehenden. Für die anderen aber, um die es in der Tanne primär geht, stellen die architektonischen Elemente viel mehr dar, nämlich: wichtige Orientierungshilfen. Denn, die zwei neuen Gebäude an der alten Dorfstrasse sind für Menschen erstellt worden, die nicht oder kaum mit ihren Augen das Innen und Aussen der Räume betrachten – sondern vor allem durch ihren Körper: Für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit einer angeborenen Seh-Hörbehinderung. Sie leben, lernen und arbeiten in der Tanne, dem schweizweit einzigen Kompetenzzentrum für Taubblinde.

«Der bestehende Bau aus den späten Achtzigerjahren platzt aus allen Nähten», sagte Mirko Baur, der Gesamtleiter der Tanne am Samstagnachmittag an der Veranstaltung «Architekturdialoge». Hierbei hatte die Öffentlichkeit – darunter Architekten aus Studium und Beruf – Gelegenheit, die neuen Räume zu betrachten, bevor diese ab nächster Woche bezogen werden. Neben Baur berichteten die ausführenden Architekten Maya Scheibler und Sylvain Villard über Besonderheiten und Herausforderungen des Bauprojekts. Dieses hat 2014 mit dem Architekturwettbewerb begonnen.

Taktile Elemente

Statt sich an theoretischen Baunormen zuorientieren, habe man im regen Austausch mit der Bauherrschaft das Projekt Schritt für Schritt entwickelt, erklärte Scheibler, und Baur ergänzte: «Für unsere Bedürfnisse gibt es gar keine einheitlichen Normen.» Das heisst: Für eine Klientel mit einem grossen Spektrum an mehrfacher Sinnesbehinderung, zum Teil auch mit körperlicher und geistiger Beeinträchtigung. «Für diese Menschen ist der Tastsinn und überhaupt die körperliche Wahrnehmung zentral», sagte Baur. Dies widerspiegelt sich zum einen darin, dass der Anbau in zwei Gebäuden daher kommt: Das eine für Wohn-, das andere für Schul- und Therapieräume. «Zwischen Wohnen und Unterricht oder Arbeit in der Tagesstätte verdeutlicht der Weg durchs Freie einen klaren Übergang», sagte Villard.

Eine ähnlich körperliche Erfahrung zwischen innen und aussen bieten auch die manuell zu öffnenden Fenster. Dabei signalisieren Kippfenster, dass es sich um ein Schulzimmer handelt, im Gegensatz zu den Flügelfenstern im Wohnbereich. Andere taktil erfahrbare Elemente sind etwa die Reliefs an den Holzwänden in den Gängen. Sie markieren durch verschiedene Muster die Stockwerke, was sich auf den Fliessen in den Nasszellen fortsetzt. Die Raute als Emblem der Tanne ist zudem an den Aussenfassaden und in der Cafeteria sichtbar. Letztere wird öffentlich zugänglich und im September eröffnet.

Öffnung zu Quartieren

«Unsere Klienten schätzen Holz», sagte Baur. Durch seine Wärme vermittle es Geborgenheit, durch seine unebene Oberfläche interessante Tasterlebnisse. Helles Tannen- und dunkleres Eichenholz dominiert denn auch in Gängen und Zimmern, wohingegen der Kern der Gebäude und die Treppenhäuser aus Beton sind – die unterschiedlichen Materialen dienen auch hier zur Orientierung. «Wir hatten uns zur Herausforderung gemacht, statt auf Piktogramme oder Pfeile auf rein bauliche Elemente zu setzen», erläuterte Villard.

Dies verdeutlichen etwa die Treppen mit ihren weissen Stufenkanten und zwei Graukontrasten zur Aufmerksamkeitslenkung. «Hell-Dunkel-Kontraste spielen eine wichtige Rolle», sagte Baur. Auch indirekte Beleuchtungen und viele weitere Details entsprechen den Anforderungen durch die Seh-Hörbehinderten, aber auch architektonisch-ästhetischen Vorstellungen.

Mit dem zweiteiligen Neubau wolle die Tanne zudem den burgartigen Charakter des ursprünglichen Gebäudes aufbrechen, erklärte Baur. Ein zentraler Platz, das Café und der öffentliche Verbindungsweg zu den umliegenden Quartieren sollen dies bewerkstelligen, ferner ein eigener Laden im einstigen Postgebäude an der alten Dorfstrasse 1. Nun stehen noch Sanierungen im Altbau an. «Alles in allem werde sich die Kosten voraussichtlich auf 38,5 Millionen Franken belaufen», sagte Baur. 40 Prozent würden durch die öffentliche Hand gedeckt, der Rest durch Spenden.

Erstellt: 01.04.2019, 17:13 Uhr

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