Horgen

Pionierarbeit mit Horgner Senioren

«Ambulant vor stationär» hat sich der Horgner Sozialvorstand auf die Fahne geschrieben. Wie aber gelingt es, dass Senioren möglichst lange in ihren eigenen vier Wänden leben können? Ein Besuch bei der Siedlungs- und Wohnassistentin Rebekka Casillo gibt Einblick in alltägliche Herausforderungen.

Moralisch und organisatorisch eine Stütze: Wohn- und Siedlungsassistentin Rebekka Casillo auf Hausbesuch bei der ältesten Bewohnerin der Alterssiedlung Tannenbach, Cordula Fuchs.

Moralisch und organisatorisch eine Stütze: Wohn- und Siedlungsassistentin Rebekka Casillo auf Hausbesuch bei der ältesten Bewohnerin der Alterssiedlung Tannenbach, Cordula Fuchs. Bild: David Baer

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Wenn Rebekka Casillo in ihrem Büro arbeitet, klopft es scheinbar fast im Viertelstundentakt an die Bürotür. Da spukt eine Waschmaschine, dort fehlt ein Schlüssel, da brauchts eine Unterschrift. «Wir sind Generalisten», sagt die Gefragte schmunzelnd, als sie den nächsten Überraschungsgast begrüsst. Die sonnengebräunte Horgnerin mit dem Gemüt eines Sonnenscheins ist eine von drei Wohn- und Siedlungsassistentinnen in Horgen. Direkt, unkompliziert, niederschwellig – das ist das Erfolgsrezept der Wohn- und Siedlungsassistenz. Das Büro von Casillo befindet sich deshalb direkt in der Alterssiedlung Tannenbach, mitten im gleichnamigen Quartier. «Oft sind Senioren zu stolz oder zu ­zurückhaltend, um sich Hilfe zu holen – auch wenn sie an ihre Grenzen kommen», sagt Casillo. Deshalb sei die Nähe zu ihnen wichtig, damit es nur die innere Hemmschwelle zu überschreiten gelte.

«Horgen nimmt eine Pionierrolle ein», hält Casillo fest. Senioren sollen hier so lange wie möglich in ihrer eigenen Wohnung leben können. Der Gemeinderat wollte neue Wege gehen, indem er etwa auch das gemeindeeigene Pflegeheim Tödi privatisieren wollte. Eine Abstimmung, die im Dorf hohe Wellen schlug. Die Stimmbürger sprachen sich schliesslich für eine Auslagerung aus. Kritischen Stimmen trat Sozialvorstand Hans-Peter Brunner (FDP) während des Abstimmungskampfes mit der Devise «ambulant vor statio­när» entgegen. Die Anfänge dieser Parole reichen in Horgen weit zurück: Bereits 2011 startete die Gemeinde ein erstes Pilot­projekt mit einer Wohn- und Siedlungsassistenz, 2014 wurde sie definitiv eingeführt.

Aufgeräumt und rausgeputzt

Wo heute Casillos Büro ist, be­fanden sich damals noch Waschräume für Siedlungsbewohner. «Mein ganzes Büro war mit weissen Fliesen ausgelegt», erzählt Casillo auf dem Weg zur Wohnung von Cordula Fuchs – mit 94 Jahren die älteste Bewohnerin des Tannenbachs. Hausbesuche, ob spontan oder an­gekündigt, sind keine Seltenheit im Alltag der Wohnassistentin.

Die Wohnung der 94-jährigen Ur-Horgnerin ist heimelig und aufgeräumt, am Rande des Lavabos sind fein säuberlich ausgewaschene Behälter von Fertigmüesli ineinandergestapelt. An den Wänden hängen Stickereien, den Fenstersims säumen Orchideen. Deren zartgefärbte Zierde spiegelt sich in der wolkigen Pracht der Frisur der Bewohnerin wider.

Frau Fuchs ist verwitwet, leicht schwerhörig und angewiesen auf einen Rollator. Ein paar Türen weiter wohnt Gabriele Sabella. Der charmante Italiener zeigt erste Anzeichen einer Alters­demenz. Als Casillo an seiner Tür klingelt, ist ihm die Freude über ihren Besuch ins Gesicht geschrieben – doch ihr Name will ihm partout nicht über die Zunge kommen.

«Wir gehen auf die Bedürfnisse von Senioren ein. Braucht jemand Hilfe beim Einkaufen? Oder beim Ausfüllen eines Formulars? Wir suchen Lösungen.»Rebekka Casillo, Wohn- und Siedlungsassistentin

Trotz Einschränkungen, im Tannenbach leben Fuchs und Sabella in ihren eigenen vier Wänden. Wie ist das möglich? Nur mit den vereinten Kräften der Familie und der Nachbarschaft. Diese Ressourcen koordiniert die Wohn- und Siedlungsassistenz.

«Wir gehen auf die individuellen Bedürfnisse der Senioren ein. Braucht jemand Hilfe beim Einkaufen? Oder beim Ausfüllen eines Formulars? Wir suchen Lösungen.» Sei dies ein Nachbar, der hilft, die Wäsche zu tragen, ein Freiwilliger, der die Einkäufe erledigt oder das Planen eines Kafi-Nachmittags.

«Eine Herkulesaufgabe»

Casillo fühlt der älteren Bevölkerung in der Alterssiedlung Tannenbach den Puls, kennt alle persönlich und ist mit den meisten per Du. Sie beobachtet, ob jemand sich verändert, ob vielleicht Demenz ein Thema wird und wägt ab, welche Konsequenzen solche Gebrechen mit sich bringen. «Die Altersbetreuung ist eine Herkulesaufgabe – und die Politik hat noch viel zu tun.»

Casillo spricht sich für die Vergütung von Freiwilligenarbeit aus – in welcher Form auch immer. Denn: «Die Politik hat noch zu wenig realisiert, dass sich die Vergütung von Freiwilligen längerfristig auszahlt – wenn Senioren mit deren Unterstützung bis ins hohe Alter nicht ins Pflegeheim einziehen müssen.»

In Zukunft müsse man zudem noch mehr auf das Engagement von Freiwilligen zählen, ist Ca­sillo überzeugt. «Ich merke: Die Mieterschaft der Alterswohnungen wird immer älter. Also brauchen sie auch mehr Unterstützung – das ist eine Herausforderung, nicht nur für mich und die Anlaufstelle Alter und Gesundheit, sondern auch für die ganze Gemeinde und letztlich für die Gesellschaft.» Künftig sind in Horgen noch mehr Alterswohnungen geplant, zum Beispiel im Zentrum Tödi und in Käpfnach. Das bedeutet: mehr Arbeit für die Wohn- und Siedlungsassistenz, ergo für Freiwillige. Die Stellenprozente aber werden nicht im gleichen Masse erhöht, wie die Anzahl Alterswohnungen ansteigt.

«Die Bewohner sind mir ans Herz gewachsen.» Manchmal hadere sie mit einem schwierigen Schicksal eines ihrer Schützlinge. Oder damit, einen von ihnen zu verlieren. Oftmals ist Casillo die erste, die mit dem Tod eines Bewohners konfrontiert ist, wenn sie einen spontanen Hausbesuch macht. Die Mittvierzigerin sagt, sie könne mit schwierigen Situationen gut umgehen, «auch wenn mir solche Erlebnisse unbestritten nahegehen».

Doch ihr schlägt auch jeden Tag grosse Dankbarkeit entgegen. «Ich habe einen sehr guten Draht zu Senioren und kann mich gut in sie einfühlen – ja, ich bin am richtigen Ort angekommen.»

Erstellt: 18.05.2018, 15:15 Uhr

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Die Gesellschaft wird älter – das ist mittlerweile Allgemeinwissen. Doch welche Konsequenzen bringt eine ältere Gesellschaft für die Gemeinden und ihre Bewohner mit sich? Nicht zuletzt die ­Alterspflege befindet sich im Umbruch. Die «Zürichsee- Zeitung» wirft mit Reportagen, Porträts und Interviews Schlaglichter auf neue Strategien der Gemeinden, spricht mit Betroffenen, pflegenden ­Angehörigen und Experten.

Die unterschiedlichen Quartiere Horgens und ihre Organisation

Die drei Horgner Wohn- und Siedlungsassistentinnen sind Teil der Anlaufstelle Alter und Gesundheit Horgen. Nebst dem Tannenbach ist im Baumgärtlihof wie auch im Strickler-Areal ein Büro integriert.

Anzutreffen sind die drei Multitaskerinnen in ganz Horgen. Sie haben denn auch alle Horgner Quartiere genau unter die Lupe genommen. Das Resultat: Sie funktionieren ganz unterschiedlich. Das Quartier Tannenbach weist eine genossenschaftliche Prägung auf; hier unterstützen sich die Bewohner generationenübergreifend, ­ohne Scheu und Berührungsängste. Käpfnach zeichne sich wie­der­um dadurch aus, dass es eher dezentral organisiert sei. «Man hilft sich im Kleinen, also seinem unmittelbaren Nachbarn», sagt Wohn- und Siedlungsassistentin Rebekka Casillo. Kalchofen und der Schnegg wiederum zeichnen sich durch viele Mieterwechsel und einen hohen Anteil an Migranten aus. «Hier fanden wir jedoch kulturelle Zusammenschlüsse, die äusserst gut funktionieren.» Will heissen: Man unterstützt vorwiegend denjenigen, der dieselbe Sprache spricht.

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