Wädenswil

Als «Körnlipickerin» eine Legende

Als Biokost noch gleichgesetzt wurde mit Körnlipickerei, hat Ida Herter das Biofachgeschäft «Drüegg»in Wädenswil gegründet. Jetzt plant die bald 70-Jährige ihre Nachfolge.

Ida Herter ist eine Pionierin in Sachen Biokost. Jahrzehntelang führte sie ein Geschäft in Wädenswil. Obwohl sie sich demnächst zurückziehen will, ist sie noch voller Ideen.

Ida Herter ist eine Pionierin in Sachen Biokost. Jahrzehntelang führte sie ein Geschäft in Wädenswil. Obwohl sie sich demnächst zurückziehen will, ist sie noch voller Ideen. Bild: Moritz Hager

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Wäre in den späten Siebzigerjahren die Frauenemanzipation schon weiter gewesen, hätte sich womöglich in manchen Kochtöpfen von Wädenswil und Umgebung nicht so bald etwas geändert. In jener Zeit nämlich arbeitet die gut 30-jährige Ida Herter als Hochbauzeichnerin in einem Büro. Doch wie sie da tagein, tagaus am Schreibtisch sitzt, realisiert sie: Das ist nicht das Wahre.

Sie will mit den Händen zupacken, draussen, auf der Baustelle. Bauführerin wird ihr Ziel. Die Reaktionen auf ihre Bewerbungen sind indes ernüchternd: «Als Frau – unmöglich!» Sie werde nur angepöbelt und nicht ernst genommen, hiess es unisono. Herter muss ihren Traum begraben.

Fast täglich im Geschäft

Vorläufig zumindest. Denn, als eines ihrer Leitmotive könnte man nennen: Wenn ein Vorhaben schwierig wird, muss man etwas daran ändern – nicht aber gleich aufgeben.» Und so hat sie sich den Wunsch, fern von Schreibtisch und Computer mit den Händen zuzupacken und dabei mit unterschiedlichsten Menschen in Kontakt zu kommen, doch noch erfüllt: Als Geschäftsführerin ihres Biofachladens an der Wädenswiler Gerbestrasse gegenüber des Bahnhofs.

Noch immer ist sie fast täglich dort und macht dabei alles andere als den Eindruck, eine Notlösung getroffen zu haben.

Start zu dritt

35 Jahre sind es her, seitdem sie das «Drüegg» gegründet hat. Der Name des Geschäfts spielt auf das Dreiergespann an, das die Wädenswilerin zu Beginn mit zwei Kolleginnen vom Hirzel gebildet hat. Wie sie wollten diese etwas Eigenes in Gang bringen. «Wir alle haben naturnah gegärtnert», erklärt Herter. Dadurch sei die Biothematik auf der Hand gelegen. «Für mich war der enge Bezug zur Natur aber ohnehin von klein auf selbstverständlich.»

Bis zum Alter von sieben Jahren wächst Herter auf der chilenischen Insel Chiloé auf, wo ihr Vater als Bauer tätig ist, zwei Stunden Autofahrt von der nächsten Kleinstadt entfernt. Es folgen sieben Jahre in Valparaiso auf dem Festland. Herter besucht dort die deutsche Schule, ihre Mutter arbeitet als Haushälterin. Von ihr habe sie abgeschaut, beim Kochen respektvoll mit den Lebensmitteln umzugehen.

Eine weitere Schiene, die ihre Tatkraft in Richtung Bioladen lenkt, legt ihr Lebenspartner Bruno Stutz vor. Er betreibt eine Stepperei, wobei er für seine Decken und Hirse-Dinkel-Spreu-Kissen biozertifizierte Materialien verwendet. Die Produkte, hergestellt in der alten Fabrik in Wädenswil, gehören nach wie vor zum Sortiment des Biofachgeschäfts.

Risiko scheut sie nicht

«1983 wusste man allgemein noch nicht sehr viel über Bio», illustriert Herter die Anfänge. Fachgeschäfte wie das ihrige seien dünn gesät gewesen. «In der Öffentlichkeit hat man Biokonsumenten meist als Körnlipicker wahrgenommen.» Das rühre daher, dass Körner, Flocken und Hülsenfrüchte damals in der ganzen Breite ihrer Sortenvielfalt erst aufgekommen und hauptsächlich bei Vegetariern beliebt gewesen seien. «Wir mussten uns selber erst über die verschiedenen Produkte und ihre Verwendung informieren», sagt sie. Nicht zuletzt darum achte sie bei ihren Lieferanten möglichst auf lokale Kleinbetriebe.

Das Risiko, als Branchenfremde mit einem Betrieb für eine Spartenkundschaft zu scheitern, hat sie nie abgehalten. «Nichts ist ohne Risiko» meint sie, «ich mache einfach.» Dies gilt umso mehr, als ihre zwei Kolleginnen kurz nach der Geschäftsgründung wieder aussteigen, aus familiären Gründen die eine, umzugsbedingt die andere. Herter baut sich ein Team auf – und eine treue Kundschaft.

Letztere bewirkt, dass sie eine der neusten Herausforderungen ziemlich gelassen nehmen kann: Die zunehmende Positionierung der Grossverteiler und Discounter im Biosegment mit selbstredend tieferen Preisen. Die Leute, die seit Jahren zu ihr kämen, seien meist gut informiert über die verschiedenen Zertifizierungen und wüssten, dass sie strenger kontrollierte Ware anbiete als die meisten Grossverteiler. Zudem unterstützten sie sie generell als kleines und unabhängiges Geschäft.

Nachfolger gesucht

So beschäftigt Herter derzeit ganz anderes: Zum einen die Umsatzeinbussen vom Sommer aufzuholen. Dadurch, dass der Laden im Herzen von Wädenswil der Sonne zugewandt liege, sei die Hitze besonders zum Tragen gekommen. Zum anderen plant die bald 70-Jährige, sich per 2020 aus dem Geschäft zurückzuziehen. «Ich suche nach einer geeigneten Nachfolge», erklärt sie. Und bis dahin? Ist sie noch voller Ideen, wie sie ihren Laden den modernen Bedürfnissen anpassen könnte. Sei es etwa mit einer Cafébestuhlung im Freien oder mit einer neuen Einrichtung des Geschäfts. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 14.09.2018, 15:43 Uhr

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