Wädenswil

Als der «Löwen» zum «Volkshaus» wurde

Vor 100 Jahren erstand die frisch gegründete Volkshausgenossenschaft den Gasthof zum «Löwen». Heute blickt das letzte «echte» Volkshaus auf eine bewegte Geschichte voller Geldsorgen und Pächterwechsel zurück.

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Lang ist die Schlange jeweils am Mittagsbuffet des Restaurants «Coriander Leaf» im Wädenswiler Volkshaus. Wie vielen der zahlreichen Hungrigen wohl bewusst ist, in was für einem geschichtsträchtigen Gebäude sich das Thai-Restaurant befindet?

Das Haus an der Ecke Oberdorfstrasse/Schönenbergerstrasse mit elegantem Türmchen und Erkerfenstern ist eines der letzten Volkshäuser der Schweiz. «Es ist sogar das einzige, welches nach wie vor als Genossenschaft geführt wird», sagt Willy Rüegg, der 2018 das Präsidium der Wädenswiler Volkshausgenossenschaft übernommen hat. Heuer feiert die Genossenschaft ihr 100-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass hat der Historiker Christian Winkler die Geschichte der Genossenschaft und des Gasthauses, welches einst «Löwen» hiess, in der Festschrift «100 Jahre Volkshaus Wädenswil» festgehalten.

Eine Parallelgesellschaft

«Um 1900 waren Volkshäuser Ausdruck einer Parallelgesellschaft», sagt Rüegg. Damals kam die Arbeiterbewegung in der Schweiz in Schwung. Ihr Ziel war, den bis dahin vernachlässigten Belangen der Arbeiterschaft Gehör zu verschaffen und ihre Mitglieder in Notlagen zu unterstützen.

Links der Gasthaus zum Löwen um 1910, rechts das Volkshaus heute. Verschieben Sie den Regler und sehen Sie, wie sich das Gebäude und die Umgebung verändert hat.

Arbeitervereine waren weder Gewerkschaft, noch Partei. Zudem gehörten die Arbeiter nicht zum finanzstarken Teil der Bevölkerung. All das machte es für die einfachen «Büezer» auch in Wädenswil schwierig, Versammlungsorte zu finden. Ein eigenes Volkshaus sollte Abhilfe schaffen. Dieses würde «der organisierten Arbeiterschaft durch entsprechende Einrichtungen; Versammlungs-, Speise-, Restaurationslokalitäten und Logisräume» dienen, heisst es in den Statuten der Wädenswiler Volkshausgenossenschaft.

In Wädenswil dominierten zwei Arbeiterorganisationen: dem 1860 gegründeten Grütliverein gehörten vor allem Handwerker an. Die Fabrikarbeiter waren im 1888 gegründeten Arbeiterverein zusammengeschlossen. «Man blieb mehrheitlich unter sich und traf sich in Lokalen, in denen Vereinsmitglieder wirteten», sagt Rüegg. Wädenswil war damals ein bedeutender Industriestandort.Neben Textilien, Münzen und Metallwaren wurden auch Stärke, Öle, Fette, Seifen, und Bier hergestellt. Entsprechend hoch war die Zahl der hiesigen Fabrikarbeiter.

«Um 1900 waren Volkshäuser Ausdruck einer Parallelgesellschaft.»Willy Rüegg, 
Präsident Volkshausgenossenschaft

Wie Christian Winkler schreibt, hielt sich der Andrang bei der Gründungsversammlung am 15. März 1919 dennoch in Grenzen. Gerade einmal 30 Personen folgten der Einladung. Wenig später schaltete die frisch ins Leben gerufene Volkshausgenossenschaft ein Inserat, um ein geeignetes Lokal zu erwerben.

Neben einer Offerte vom Lokal «Morgensonne»— dem heutigen Theater Ticino— ging auch das Angebot vom «Löwen» ein. Während dem Landesstreik hatte das Lokal den Wädenswiler Arbeitern als Zentrale für das Streikkomitee gedient.

110000 Franken wollte der damalige Besitzer Hans Zimmermann für die 1901 erstellte Liegenschaft haben, die er seit 1905 besass. Der Volkshausgenossenschaft fehlte jedoch das Kapital für den Kauf — mit dem Verkauf von Anteilsscheinen waren lediglich 3140 Franken zusammengekommen.

So setzte sich der Kaufpreis schliesslich aus sieben Schuldscheinen im Wert von 8000 Franken bis 34000 Franken zusammen. Allein für die Zinsen fielen jährlich Kosten von über 5000 Franken an.

Uhrenmacher wird Wirt

Als Pächter für das Restaurant im Erdgeschoss und die darüber liegenden Pensionszimmer bewarb sich mit dem Uhrenmacher Otto Vollrath ein in der Gastronomie gänzlich unerfahrener Kandidat, der es zudem mit der Pachtzahlung nicht allzu genau nahm. «Die Volkshausgenossenschaft ging mit einer grossen Portion Idealismus ans Werk. Doch es fehlte an Fachwissen», resümiert Rüegg.

Finanziell stand die Genossenschaft von Anfang an auf wackligen Beinen. Ein Problem, welches sich wie ein roter Faden durch die kommenden Jahrzehnte ziehen sollte.Bereits 1920 versuchte der Vorstand die Situation durch eine Erhöhung der Pacht zu stabilisieren. Dagegen wehrte sich der Wirt. Er argumentierte, dass eine höhere Pacht höhere Preise im Gasthaus mit sich bringen würde, was angesichts der wenig zahlungskräftigen Klientel des Volkshauses kaum sinnvoll wäre. Schliesslich einigte man sich auf einen Kompromiss.

«Die Volkshausgenossenschaft ging mit einer grossen Portion Idealismus ans Werk. Doch es fehlte an Fachwissen.»Willy Rüegg

Bald rächten sich auch die beim Kauf des Volkshauses übernommenen Schuldscheine. In den frühen 1920er Jahren verlangten verschiedene private Gläubiger ihr Geld zurück. Dies zwang den Vorstand der Genossenschaft, die Buchhaltung professioneller zu organisieren. So trat man mit verschiedenen Banken und Industriellen in Verhandlungen. Neben der Volksbank und der Kantonalbank übernahm auch die Brauerei Weber einen Schuldschein. Dies unter der Bedingung, dass das Volkshaus sein Bier künftig von ihr zu beziehen hatte.

Dringend nötige Renovationen mussten dennoch oft auf die lange Bank geschoben werden, weil das Geld fehlte. Wenn auch immer möglich, versuchte die Genossenschaft die anfallenden Arbeiten mit Fronarbeit zu erledigen. Man lebte «effektiv von der Hand in den Mund», zitiert Christian Winkler aus einem Jahresbericht der Volkshausgenossenschaft. 1970 war die Pendenzenliste bereits lang: ein klemmender Warenlift, ein verkalkter Boiler, undichte Türen und Fenster, sowie ein durchgerosteter Backofen waren nur die Spitze des Eisberges. Nicht zum ersten mal wurden Stimmen laut, die eine Auflösung der Volkshausgenossenschaft forderten.

Die Wende

1980 kam schliesslich der erste grosse Umbau des Gebäudes. Wegen der denkmalpflegerischen Bedeutung, die dem Volkshaus inzwischen beigemessen wurde, beteiligte sich sowohl der Kanton Zürich als auch die Stadt Wädenswil finanziell daran.Neben dem Parterre und dem ersten Stock wurde die Fassade saniert. Den Haupteingang verlegte man von der Strassenkreuzung an seine heutige Position an der Schönenbergstrasse. 1999, nach dem zweiten grossen Umbau, war der «verrauchte Spunten» dann kaum wiederzuerkennen, wie diese Zeitung schrieb. Der Gastraum und das separate Säli im Erdgeschoss sind seither zu einem Raum vereint. Unter dem Erker erinnert ein Fenster an den ehemaligen Haupteingang.

Ende der 90er Jahre wurde die Steinplastik unter dem Erker durch ein Fenster ersetzt.

Mit den Restaurant-Pächtern hatte das Volkshaus indes nicht immer ein glückliches Händchen. Allein zwischen 2007 und 2009 wechselte das Lokal dreimal den Wirt. Seit 2009 befindet sich das Restaurant «Coriander Leaf» im Volkshaus.

Die Pensionszimmer in den oberen Etagen wurden nach und nach aufgelöst. Seit 2008 sind die drei Stockwerke an die Stiftung Bühl vermietet, die darin betreute Wohngruppen für Menschen mit Behinderung eingerichtet hat. «Der Wechsel zu festen Mietverhältnissen war vor allem finanziell ein wichtiger Wendepunkt für die Volkshausgenossenschaft», sagt Willy Rüegg.

Das Letzte seiner Art

Nach einem turbulenten ersten Jahrhundert, sind für das Volkshaus ruhigere Zeiten angebrochen. Willy Rüegg ist stolz, dass das Volkshaus bis heute erhalten geblieben ist. «Es hätte durchaus anders kommen können.» Gab es zum Ende des letzten Jahrhunderts noch an die 40 Volkshäuser, bestehen heute neben dem in Wädenswil nur noch fünf: in Zürich, Bern, Basel, Bellinzona und Biel. «Diese Volkshäuser sind jedoch nicht mehr als Genossenschaft organisiert, sondern wurden zu Stiftungen und Aktiengesellschaften umgewandelt, oder vom Staat übernommen.»

Den meisten Volkshäusern erging es jedoch wie jenen in Winterthur und St. Gallen: sie wurden aufgegeben und abgebrochen. «Dem Volkshaus Wädenswil kam wohl auch zugute, dass die Bodenpreise weniger markant gestiegen sind, wie etwa in der Stadt Zürich», sagt Rüegg.

Erstellt: 15.08.2019, 16:29 Uhr

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