Zürichsee-Fähre

Alles wie gehabt und doch ganz neu

Seit einem Monat schwimmt die neue Fähre. Während das grösste Schiff auf dem Zürichsee schon fast einsatzbereit ist, steht das Personal erst am Anfang seiner Ausbildung. Bis in drei Wochen muss jeder Handgriff sitzen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Schulferien sind vorbei, die Fährenschule beginnt. Adrian Meier, Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter Technik der Zürichsee-Ffähre Horgen-Meilen AG, ist der Lehrer. Seine Klasse besteht an diesem Vormittag aus sechs Schiffsführern und Maschinisten.

Meier zur Seite steht Werkstattchef Adrian Hauser. Die beiden haben den Bau der Fähre seit Kiellegung vor 20 Monaten in der ÖSWAG-Werft in Linz an der Donau begleitet. Sie kennen ihr «Baby» aus dem FF. Jetzt liegt das 60 Meter lange, 13,5 Meter breite und rund 370 Tonnen schwere Schiff am Horgener Ufer. An Bord werden letzte Arbeiten erledigt – zum Beispiel die Beschriftungen von Feuerlöschkästen, Toiletten und die Anweisungen für die Benutzer.

Wie zwei riesige Rundbürsten

Ein Mitarbeiter der ÖSWAG klebt behutsam den Schriftzug «Handbremse anziehen» auf ein Blech. Es wird später unterhalb des Dachs am Deck befestigt um die Autofahrer zu instruieren. Die Folien mit «Gang einlegen» und «Motor abstellen» liegen auf der Werkbank bereit. Es sind nur Kleinigkeiten zur restlosen Fertigstellung der Fähre. Kein Vergleich mehr mit der Riesenbaustelle in der Zürcher Werfthalle noch vor wenigen Wochen.

«Nicht alles ist jetzt schon für immer gemacht.»Adrian Meier, Leiter Technik Zürichseefähre Horgen-Meilen

Meier und Hauser verschwinden mit ihrer Schulklasse durch eine Luke und steigen über eine Leiter in den Bauch der Fähre. Dort schlägt das doppelte Herz: Zwei je rund 600 PS starke Dieselmotoren für die beiden Voith-Schneider-Propeller an den Stirnseiten des Rumpfs.

Diese haben nichts mehr mit Schiffsschrauben gemeinsam. Ihre fünf senkrecht ins Wasser gerichteten und verstellbaren Schaufelblätter erinnern an eine riesige Rundbürste. Mit ihnen lässt sich die Fähre zentimetergenau manövrieren. Neu fürs Personal ist das Antriebsystem allerdings nicht. Auch die alten fünf Schiffe sind damit ausgerüstet.

Bildschirm statt Schalter

«Diesel ablesen – das machen wir beim Start am Morgen hier», erklärt Meier und deutet auf ein Messglas. 20 000 Liter fasst der Tank. Komplizierter wirkt der Steuerkasten für Heizung, Lüftung und Klima. «Die Einstellungen und Kontrolllämpchen werden über ein Display geregelt», sagt Meier und geht gebückt durch die Schotttüre in den Maschinenraum «Meilen». Der heisst so, weil statt Bug und Heck hat die symmetrische Fähre ein Meilemer und ein Horgner Ende – es wird nie gewendet.

Mit Knopfdruck wirft er den mächtigen Diesel an. Schlagartig ist es vorbei mit der Ruhe. Jetzt erklärt Meier vor allem mit Fingerzeigen die Bedienung. Auch hier hat ein kleiner Bildschirm mit vielen Tasten die Funktion von Schaltern übernommen. Als der Motor wieder verstummt kommen die Fragen.

Vor allem der Unterschied zwischen manuellem und automatischem Betrieb interessiert die künftige Besatzung. Beruhigend inmitten all des noch blitzblanken Neuen wirkt ein Satz, den Meier mehrmals spricht: «Eigentlich alles wie gehabt.» Soll heissen: Keine Hexerei, ihr schafft das.

Praxis löst letzte Probleme

Wieder an Deck werden weitere Luken geöffnet und die Hohlräume darunter inspiziert. Adrian Hauser zeigt, wie der 600 Kilogramm schwere Anker bedient wird. Dann geht es nach oben. Der Fahrgastraum entlockt einem Maschinisten ein anerkennendes Pfeifen. Hier lässt es sich mit heimeligem Plankenboden, Holzstühlen und Glaswänden gut leben. Schade, dauert die Überfahrt zwischen den Ufern nur zehn Minuten. Der Raum erlaubt sogar kleine Veranstaltungen und Apéros samt Unterhaltung auf einem Grossbildschirm. Damit hier drinnen niemand vergessen wird, mahnt Meier zu Betriebsschluss einen Kontrollblick zu machen.

Wichtigster Ort des Rundgangs sind die beiden Führerhäuschen. Von hier aus wird mit Joystick, Computermaus und Touchscreen die Fähre gesteuert und überwacht. Auch dieses System ist dem Personal nicht völlig neu, obschon dank der Touchscreens alles noch moderner ist als auf den älteren Schiffen. Entsprechend betreffen die Fragen den Arbeitskomfort. So wird etwa das Fehlen von Sonnenblenden über der grossen einteiligen Frontscheibe bemerkt.

«Kommen die noch?», fragt einer. «Nein, sind nicht vorgesehen», antwortet Meier. Fenster- und Dachkonstruktion sollten das grelle Aussenlicht abhalten. Zur Beruhigung fügt der Technikchef an: «Nicht alles ist jetzt schon für immer gemacht.» Die Praxis hat das letzte Wort.

Die Reifeprüfung steht bevor

Nach zwei Stunden ist der Rundgang abgeschlossen. Die «Schüler» sind beeindruckt, der Lehrer prüft seine Unterlagen. Er hat alle Punkte abgehakt. Noch ein halbes Dutzend Mal wird er in den nächsten Tagen dem Personal gruppenweise die neue Fähre zeigen. Dann folgt die Reifeprüfung: die Fahrausbildung.

Auch hier ist korrigiert Meier zuversichtlich. «Ein paar Mal hin- und herfahren, das genügt.» Er weiss, dass er eine gelehrige und wissbegierige Klasse führt. Lehrer Meier ist nicht der Einzige, der sich über das neue Flaggschiff der Fährenflotte freut. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 01.09.2017, 15:58 Uhr

Testfahrten bereits absolviert

«Das Schiff fährt sich wunderbar»

Bis zur Inbetriebnahme der neuen Fähre braucht sie noch die endgültige Zulassung durch das Bundesamt für Verkehr. Die ersten Probefahrten haben aber die Experten bereits überzeugt. Fähren-Geschäftsführer Martin Zemp erzählt von den Tests, bei denen das Schiff auf Sicherheit und Leistung geprüft wurde. Einseitig an Deck platzierte Wassertanks bestätigten dessen Neigungsstärke. Aus voller Fahrt wurde ein Notstopp eingelegt. «Nach genau zwei Fährenlängen standen wir still», erzählt Zemp mit stolzem Unterton. Ebenso betriebssicher erwiesen sich Feuerwehr-Schläuche, Überwachungssysteme, Alarmierung und Ankerauslösung. «Prinzipiell ist das Schiff vom Bundesamt abgenommen, es fehlen nur noch Kleinigkeiten, vor allem bei der Beschriftung.»

Die Testfahrten waren auch für die Fährengesellschaft wichtig, die rund 10 Millionen Franken in die Neuanschaffung investiert. «Wir sind das ganze Pflichtenheft und sämtliche Funktionen durchgegangen um zu sehen, ob alles so ist wie wir es bestellt haben», sagt Zemp. Davon hat sich auch Technik-Leiter Adrian Meier überzeugt: «Wir haben das Schiff mit Herumreissen und harten Manövern echt geplagt. Es fährt schön geradeaus und lässt sich wunderbar steuern.» (di)

Artikel zum Thema

Die neue Fähre schwimmt jetzt im Zürichsee

Zürichsee-Fähre Langsam aber sicher hat die neue Fähre am Donnerstag ihren Arbeitsort, den Zürichsee, erreicht. Während einer Viertelstunde sank der riesige Koloss aus seiner «schwebenden» Position ins Wasser ab. Der Moment der Wahrheit war gekommen. Mehr...

Das Fährenpuzzle nimmt Form an

Zürichsee Die neue Zürichsee-Fähre wächst aus einem riesigen Bausatz zum Ganzen. Alle Teile sind aus der Werft in Linz an der Donau eingetroffen. Auf Deck wird geschweisst, geschliffen und gehämmert, im Rumpf werden Leitungen und Kabel verlegt. Mehr...

Fährentransport wurde erst kurz vor dem Ziel gebremst

Zürichsee-Fähre Das neue Flaggschiff der Zürichsee-Fähre Horgen-Meilen AG kommt in 17 Teilen an seine Wirkungsstätte. Am Freitag traf der erste Spezialtransport vom österreichischen Linz in Wollishofen ein. Die letzten zwei der 680 Kilometer langen Reise bescherten den Spediteuren die grössten Herausforderungen. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!