Sihlwald / Langnau

Alles dreht sich um den Krug

Die Premiere der Eigenproduktion des Turbine-Theaters ist gelungen. In Heinrich von Kleists Lustspiel «Der zerbrochene Krug» brillieren vor allem die im Sihltal noch unbekannten Schauspieler.

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Ein schlichtes Objekt, das doch so viel auslöst: ein zerbrochener Krug. Nur, wer war der Täter? Das ist die zentrale Frage in Heinrich von Kleists Lustspiel «Der zerbrochene Krug», der diesjährigen Eigenproduktion des Turbine-Theaters Langnau. Am Donnerstag war Premiere vor ausverkauftem Haus.

Im Stück muss der zwielichte Richter Adam unter den gestrengen Augen des Gerichtsrats Walter darüber urteilen, wer den wertvollen Krug von Marthe Rull zerbrochen hat. Diese beschuldigt Ruprecht, den Verlobten ihrer Tochter Eve. Doch nach und nach verdichten sich die Indizien, dass der Richter selber der Täter ist: Sein Konstrukt aus Lügen und Ausflüchten fliegt auf.

Die Sicht des Kruges

Colette Studer führt zum ersten Mal Regie im Turbine-Theater. Ihre Verpflichtung tut der diesjährigen Freilichtaufführung gut. Davon konnten sich die 180 Zuschauer im Pavillon beim Besucherzentrum Sihlwald überzeugen. Studer hat nicht nur neue Schauspieler, sondern auch frische Ideen mitgebracht. So ist zum Beispiel im zerbrochenen Krug eine Kamera platziert. Die Aufnahme wird auf eine Leinwand projiziert, das Geschehen kann nebst dem Schauspiel auch aus der Sicht des Kruges verfolgt werden. Das ergibt interessante Perspektiven: Detailbetrachtungen der Darsteller sind im Theater mit seinen naturgemäss grossen Gesten und Bewegungen sonst nur selten möglich.

Das Bühnenbild ist einfach: Zwei übergrosse Richterstühle verwandeln die Bühne in eine Gerichtsstube des 18. Jahrhunderts. Da ist der Richtertisch, ein Holzgitter symbolisiert die Gerichtsschranken. Auf grosse Kulissenverschiebungen wird verzichtet, was der Aufführung erfreulich viel Tempo verleiht. Wenn doch einmal Szenenwechsel nötig sind, wird dies durch Musikeinlagen der Schauspieltruppe aufgefangen. Das gesangliche Niveau ist beachtlich.

Spürbare Leidenschaft

Anders als in früheren Jahren wird die Umgebung im Besucherzentrum – die Sihl, der Wald – weniger, ja fast gar nicht bespielt. Das stört deshalb nicht, weil die Schauspieler in der überraschend ernsten Inszenierung über genügend Qualität verfügen, um die karge Gerichtsstube mit Energie zu füllen. Tatsächlich hat die Regisseurin bei der Besetzung ein äusserst gutes Händchen bewiesen. Peter N. Steiner agiert – einmal mehr – in der Hauptrolle einer Turbine-Theater-Eigenproduktion. Und einmal mehr ist es eine Rolle, die ihm auf den Leib geschrieben ist. Als Richter Adam kann er boshaft sein, aber auch wirr und verletzt – herrlich ambivalent und widersprüchlich eben.

Das zweite bekannte Gesicht in einer Hauptrolle ist Beat Gärtner. Mimte er in den letzten Eigenproduktionen oft komische und skurrile Rollen, so spielt er jetzt den strengen Gerichtsrat Walter. Eine Rolle, die er glaubhaft interpretiert.

Wahre Entdeckungen sind aber Schauspieler, die erstmals im Ensemble mittun. Überragend spielt Peter Bocek den Gerichtsschreiber Licht. Eine Mischung aus Ehrgeiz, Spott und Ironie umgibt den doch eigentlich seriösen Charakter des Gerichtsschreibers. Viel Leidenschaft bringen Elisabeth Graf (als Marthe Rull), Antonia Michalsky (als deren Tochter Eve) und Simon Jan Roffler (als Ruprecht) auf die Bühne. Wut, Enttäuschung, Angst, die ganze Gefühlspalette legen sie offen, intensiv, aber trotzdem äusserst glaubhaft. Einen kurzen, aber furiosen Auftritt hat Mirjam Buess als Zeugin Brigitte. Man wünscht sich, Kleist hätte ihr eine grössere Rolle zugedacht.

Anspruchsvolle Sprache

Die tolle Leistung der Schauspieler überstrahlt die Herausforderung, welcher sich das Publikum stellen muss. Denn Kleists Sprache – die in der Inszenierung sinnvollerweise nicht verändert wurde – ist gewunden. Man muss sich zuerst daran gewöhnen. Wohl dem, der das gelbe Reclam-Büchlein mit Kleists Klassiker gelesen hat oder sich die Handlung kurz in Erinnerung ruft. Er startet mit einem wertvollen «Vorsprung» in die Aufführung. Doch auch alle anderen sind bis zur Pause mitten im intensiven Geschehen und dem Sprachfluss drin. Die Pause selbst führt leider zu einem kleinen Bruch. Es braucht anschliessend doch einige Minuten, bis das Stück und die Schauspieler wieder volle Fahrt aufgenommen haben. Bei einer reinen Spieldauer von über zwei Stunden ist eine Pause für die Akteure aber unverzichtbar. Denn eines wird rasch klar: Das komplexe Kleist’sche Sprachgeflecht ist für die Schauspieler eine riesige Herausforderung, welche diese umso bravouröser meistern.

Genaue Spieldaten und Tickets im Internet unter www.turbinetheater.ch. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 10.07.2015, 15:36 Uhr

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