Notfall

Akribisch vorbereitet auf die Katastrophe

Der Zürichsee quillt über die Ufer oder ein Stromausfall hüllt die Schweiz in Dunkelheit. Die Katastrophe hat viele Gesichter. Dagegen wappnen sich «Prepper». Einer von ihnen wohnt am Zürichsee.

Pascal T. ist für den Ernstfall vorbereitet. Damit ihm dann niemand in die Quere kommt, möchte er anonym bleiben.

Pascal T. ist für den Ernstfall vorbereitet. Damit ihm dann niemand in die Quere kommt, möchte er anonym bleiben. Bild: Patrick Gutenberg

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Ein Gedankenexperiment: Sie sitzen gemütlich im Wohnzimmer beim Frühstück, das Radio trällert und der Kaffee brodelt vor sich hin. Plötzlich gehen die Lichter aus, das Radio verstummt und der sorglos scheinende Morgen wird durch das schrille Dröhnen einer Sirene durchbrochen. Ein Stromausfall hüllt die Schweiz in Dunkelheit. Kein warmes Wasser, kein funktionierender Kochherd, keine Heizung und ein Tumult auf den Strassen – vier Wochen lang.

Was für viele einer fantasierten Apokalypse eines Hollywood-Blockbusters ähnelt, ist für die Gemeinschaft der «Prepper» ein plausibles Szenario. Die weltweite Bewegung setzt sich mit möglichen Katastrophenfällen auseinander und rüstet sich mit Vorräten, Werkzeugen und Waffen gegen Krisenfälle. Der Name «Prepper» stammt vom englischen Verb «to be prepared», was auf deutsch so viel wie «vorbereitet» heisst. Aber worauf bereiten sich die «Prepper» in der als sicher geltenden Schweiz überhaupt vor? Die «Prepper» sind die Gemässigten unter den Vorbereiteten. Anders als die sogenannten «Doomer» befürchten sie keine Apokalypse, sondern sind lediglich gegen vorübergehende Krisen wie Hochwasser, langanhaltende Stromausfälle oder auf einen Bankencrash, der Geld wertlos machen könnte, gewappnet.

Der «Get-Home-Bag» wiegt drei Kilo und bietet alles, was man fürs Erste zum Überleben braucht.

«Ich habe keine Bedenken, dass ein Atomkrieg oder ein Zombievirus der Welt den Untergang bringt», sagt der am Zürichsee lebende Pascal T. Wie die meisten Prepper möchte er anonym bleiben. Zu gross ist die Sorge, dass Nachbarn im Falle einer Katastrophe seine Vorräte und Vorbereitungen ausnutzen und ihn in Gefahr bringen könnten. Der 39-Jährige ist nicht nur selber auf den Ernstfall vorbereitet, sondern hilft auch anderen, sich für Krisenfälle zu rüsten. Im Kanton Aargau hat er mit Gleichgesinnten eine Firma gegründet, die unter anderem Vorräte und Beratungen für jene anbietet, die vorsorgen wollen.

«Der Vorsprung zählt»

Falls es zu einer Katastrophe kommt, hat Pascal T. einen detaillierten Plan bereit. «Zuerst gilt es, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen», sagt er. Dafür trägt er stets einen olivgrünen, rund drei Kilogramm schweren Rucksack mit den notwendigsten Utensilien mit sich – den sogenannten «Get-Home-Bag». Er ist unter anderem gefüllt mit Kleidern, einem Wasserfilter, Militärkeksen, Seilen, zu Würfeln komprimierten Handtüchern, einer zusammenfaltbaren Säge, Klebeband, einer Stirnlampe und einer kleinen Solarzelle. Auch ein multifunktionales Messer ist dabei. Pascal T. verfügt ebenfalls über einen Waffenschein.

«Bricht die Katastrophe aus, muss man schnell sein. Jede Minute Vorsprung zählt», sagt er. Es gehe nicht lange, bis Tumult und Chaos auf den Strassen ausbrechen und sich die Menschen um eine Flasche Cola prügeln würden. «Wenn es um die Nahrung geht, stirbt die Zivilisation.» Die Moral stellt sich hinter dem Überlebenswillen an.

«Wenn es um Nahrung geht, stirbt die Zivilisation.»Pascal T., Prepper

Im Krisenfall zuhause angekommen, kümmert sich Pascal T. als erstes um den sogenannten «Home Defense», also den Schutz seines Zuhauses und seiner Familie. «Rolladen runter und nicht auffallen. Bei Lärm kommen die Menschen wie Motten zum Licht», sagt er. Seine Vorräte reichen für einen Monat. Pulver, Dosen und Wasser sind genau abgezählt. Zudem hat er je eine Kiste mit Kleidern und Werkzeugen zuhause. «Wichtig sind auch Spiele zur Ablenkung oder ein Haustier als emotionale Stütze.» Das helfe der Psyche, die nach drei Wochen in der dunklen Wohnung schon genug angeschlagen sei.

«Falls jemand in unsere Wohnung will, gilt es abzuschätzen, wie viele es sind und was sie von uns wollen», erklärt Pascal T. Sind sie feindlich gesinnt und bewaffnet, solle man die Wohnung verlassen. Auch darauf ist er vorbereitet. Für jedes Familienmitglied steht ein gepackter Rucksack bereit mit allen wichtigen Dokumenten, Nahrung und einem Regenschutz, der je nach Funktion gleichzeitig auch ein Zelt sein kann.

Muss man die Wohnung verlassen, sei ein Quad oder ein Motorrad bei der Flucht von grossem Nutzen. «Die Autobahnen sind im Krisenfall vermutlich blockiert. Mit einem Quad oder Motorrad kann man problemlos direkt durch den Wald fahren», sagt er.

Ein geheimer Treffpunkt

In seine Pläne miteinbezogen hat Pascal T. nur eine Handvoll Auserwählter. Falls ein sicherer Aufenthalt in der Wohnung nicht mehr möglich ist, trifft er diese Gruppe an einem geheimen Treffpunkt. Dies kann beispielsweise eine Stelle im Wald sein. «Wichtig bei solchen Gruppen ist, dass Leute mit möglichst nützlichen und unterschiedlichen Fähigkeiten dabei sind.» Als Beispiele nennt er Mechaniker, Ärzte, Psychologen, Bauern oder Metzger. Im sicheren Versteck angekommen, gelte es auszuharren und zu überleben.

Mit dem Pläneschmieden konfrontiert wurde Pascal T. bereits als Kind. «Ich kenne es aus den Nahrungsmittelvorräten meiner Grosseltern, die in einer Zeit aufgewachsen sind, in der dies noch Gang und Gäbe war», sagt er. Der Schlüsselmoment, mit der seine Prepperkarriere begann, sei ein brennendes Nachbarhaus gewesen. «Da habe ich mich gefragt, was ich machen würde, wenn mein Haus brennt und ich zuerst noch alle wichtigen Dokumente und Wertsachen überall in der Wohnung zusammensuchen müsste.»

Mittlerweile ist das Preppen seine Leidenschaft geworden und die Leidenschaft sein Beruf. In seinem Geschäft in Remigen (AG), der «Urban Doomsday Prepper GmbH», verkauft er nicht nur Dosen, funktionale Kleider, den olivgrünen «Get-Home-Bag», Fluchtfahrzeuge oder Nachtsichtgeräte, sondern bietet ein auch individuelles Schutzpaket an. «Jemand der in der Stadt wohnt, benötigt andere Gegenstände zum überleben, als jemand, der auf dem Land lebt», sagt Pascal T.

Video: Sind Sie sicher? Bei Gefahr richtig reagieren

Ein Geschäft mit der Angst?

«Ein Notfallvorrat ist schön und gut. Man muss aber auch wissen, wie er eingeteilt und ohne Strom zubereitet wird», sagt er. Für solche Fragen bietet er Ausbildungskurse an.

Ist das Vorbereiten auf Katastrophenfälle ein Geschäft mit der Angst? Pascal T. verneint. «Wir wollen den Menschen keine Angst machen», sagt er. «Aber ein Vater mit zwei Kindern schläft nun mal besser, wenn er weiss, dass für alle Fälle vorgesorgt ist.»

Er verweist auch auf das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS). Dieses macht im Internet nicht nur mit Videos auf mögliche Katastrophen aufmerksam, sondern hat auch einen Notfallplan publiziert. Das BABS empfiehlt einen Notvorrat aber nicht für längere Krisen, sondern zur «Überbrückung eines kürzeren Versorgungsengpasses.» Zum Notvorrat gehören gemäss BABS in erster Linie Lebensmittel für rund eine Woche und neun Liter Wasser pro Person.

Die Prepper Gemeinschaft nahm ihren Anfang in England und den USA. Wie viele Prepper es in der Schweiz gibt, ist schwierig zu benennen, da es eine grosse Dunkelziffer geben dürfte. Viele von ihnen halten sich bedeckt und bleiben wie Pascal T. lieber anonym – auch dies ist Teil ihrer akribischen Vorbereitung, wenn die Welt für einen Moment aus den Fugen gerät.

Erstellt: 19.07.2019, 12:48 Uhr

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