Wädenswil

Zwei Schiffe, ein Signalhorn und eine Schnapsflasche

Taucher haben zwei Wracks aus dem 19. Jahrhundert untersucht. Sie gehören wohl zu den ersten Ledischiffen, die für den Zürcher Städtebau eingesetzt wurden. Ein Ausflug in die Tiefen des Zürichsees.

Seit über 100 Jahren auf dem Seegrund: Einer der aus Tannenholz gefertigten Kähne vor Wädenswil.

Seit über 100 Jahren auf dem Seegrund: Einer der aus Tannenholz gefertigten Kähne vor Wädenswil. Bild: PD / Markus Inglin

Gesunkene Schiffe hat der Taucher und Hobby-Unterwasserarchäologe Adelrich Uhr schon viele gesehen, doch die beiden Wracks vor Wädenswil sind anders. «Sie unterscheiden sich deutlich von jenen, die vor Stäfa und Freienbach liegen», sagt der Taucher.

Zwar handelt es sich auch bei diesen Exemplaren um Schleppkähne beziehungsweise um Ledischiffe, die im 19. Jahrhundert Baumaterial – vor allem Sand, Kies und Stein – nach Zürich brachten. Doch die beiden Kähne sind etwas einfacher gebaut, wie eine eingehendere Untersuchung gezeigt hat. So sind selbst ihre Poller sowie diverse Halterungen aus Holz gefertigt, während bei den bisher bekannten Ledischiffen Eisen für diese Bootsteile verwendet wurden. Zudem sind die Wädenswiler Schiffe kleiner. Gemäss Uhrs Berechnungen vermochten sie 130 Tonnen Material zu laden – bei den Wracks vor Stäfa und Freienbach waren es 170 Tonnen.

Ein Ausflug in die Tiefen des Zürichsees – gefilmt mit der Unterwasser-Kamera. Quelle: Adelrich Uhr

«Das alles deutet auf einen älteren Schiffstyp hin», sagt der Taucher. Er vermutet sogar, dass die beiden Wädenswiler Schiffe, die in einer Tiefe von 20 beziehungsweise 23 Metern ruhen, zu den ersten grossen Schleppkähnen gehören, die für den Städtebau in Zürich eingesetzt wurden. Er glaubt, dass sie vor 1880 von der Stadtverwaltung in Auftrag gegeben worden sein müssen, die zwischen 1881 und 1888 die Quais baute und von weither Baumaterial herbeischaffen liess.

Eine Spur führt ins Verkehrshaus

Im Archiv des Verkehrshauses Luzern hat der Hobbyforscher Bilder von Schleppkähnen gefunden, die den beiden rund 27 Meter langen Wracks sehr ähnlich sind. Uhr geht sogar einen Schritt weiter und sagt: «Das Bild zeigt mit ziemlicher Sicherheit dieselben Schleppkähne.» Die Luken in den Mannschaftsräumen und die Zahl der Holzverstärkungen würden eindeutig mit der undatierten Fotografie übereinstimmen. Er vermutet, dass das Bild vor 1880 entstanden ist. Zu dieser Zeit wurden auf dem Zürichsee etwa 30 Schleppkähne eingesetzt.

Weshalb die beiden Exemplare vor Wädenswil gesunken sind, ist unklar. Ursache war vermutlich ein Sturm. Denn die 17 Taucher des Vereins Swiss Archeodivers, die unter Leitung von Adelrich Uhr im Einsatz waren und in mehreren Tauchgängen die Wracks erkundeten, haben auf einem der Schiffe eine sogenannte Lenzpumpe gefunden. Mit dieser hatte die Mannschaft vermutlich versucht, Wasser aus dem Laderaum zu pumpen. Die Kähne waren vermutlich aneinandergehängt und wie damals üblich von einem Dampfschiff gezogen worden. Bei aufkommendem Sturm wurden die Leinen jeweils gekappt, damit sinkende Kähne nicht den ganzen Verbund mit in die Tiefe zogen.

Was aber wurde aus der Mannschaft? Das bleibt unklar. Gefunden haben die Taucher nebst der Ladung – mehreren Tonnen Sand – ihren gusseisernen Ofen. Denn die Besatzung bereitete damals auf den Schiffen ihre Mahlzeit zu.

Im Schlamm begraben

Und sie trank offenbar auch gerne: Die Hobby-Archäologen fanden nämlich auch eine zerborstene Glasflasche, wie sie damals für Wein, Most oder Schnaps gebraucht wurde. Die mundgeblasene Flasche befand sich im Mannschaftsraum, im Schlamm begraben. Zum Vorschein kam dort auch ein 6o Zentimeter langes Signalhorn, das selbst nach über 100 Jahren im Wasser einwandfrei funktioniert.

Die Arbeit der Taucher, die das Schiff im vergangenen Sommer entdeckt und es mit Einwilligung der Kantonsarchäologie untersucht haben, gewährt somit Einblick in die Schifffahrt des 19. Jahrhunderts. Einige Geheimnisse um die gesunkenen Kähne bleiben aber wohl für immer auf dem Seegrund.

3sat strahlt am 14. und 21. Januar um 20.15 Uhr die Dokumentation «Wasserwelten» aus, die unter anderem die Swiss Archeodivers beim Erkunden von Schiffswracks zeigt.

(Michel Wenzler) (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 08.01.2019, 16:35 Uhr

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