Richterswil

Zu Fuss von Sizilien an den Zürichsee

Die beiden Hobbywanderer Heinz Reichen und Werner Steiner liefen in 84 Tagen von Catania nach Hause nach Richterswil. Auf dem Weg hatten sie Mühe mit abgenutzten Schuhe und unvorsichtigen Autofahrern.

Werner Steiner (links) und Heinz Reichen mussten ihre Wanderschuhe mehrmals ersetzen.

Werner Steiner (links) und Heinz Reichen mussten ihre Wanderschuhe mehrmals ersetzen. Bild: Patrick Gutenberg

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Die Zahlen zur Leistung von Heinz Reichen (65) und Werner Steiner (62) sind eindrücklich: Über 2235 Kilometer haben die beiden vom 12. April bis am letzten Mittwoch zu Fuss zurückgelegt. Das macht 27,5 Kilometer verteilt auf durchschnittlich acht bis neun Stunden pro Tag. Dazu haben sie über 33 000 Höhenmeter überwunden. Am Ende der zwölfwöchigen Fernwanderung zeigte die Trackinguhr des Richterswilers Werner Steiner knapp 4 Millionen Schritte an.

Einen Tag nach ihrer Rückkehr sieht man den beiden Herren die Strapazen überraschend wenig an. Eine gewisse Müdigkeit können sie allerdings nicht verbergen. «Es war schön, wieder einmal im eigenen Bett zu schlafen», sagt Steiner. Allzu viel Erholungszeit bleibt dem 62-Jährigen allerdings nicht. Denn bereits am Montag beginnt er wieder zu arbeiten.

Endlich die Zeit gefunden

2005 überkam Steiner erstmals der Gedanke, einmal bis ans Meer zu wandern. Als vier Jahre später die «Zürichsee-Zeitung» einen Mann potraitierte, welcher von Horgen nach Sizilien zu seiner Familie pilgerte, wurde Steiner definitiv überzeugt: «Ich dachte mir, genau so etwas mache ich auch. Als Geschäftsführer einer Druckerei fehlte mir aber leider die Zeit für dieses Abenteuer», sagt Steiner.

Die Firma hat er mittlerweile verkauft und arbeitet in einem Online-Druckshop. In diesem Jahr konnte sich der 62-jährige endlich die Zeit nehmen. Zusätzlich konnte er auch den kürzlich pensionieren Heinz Reichen, ursprünglich aus Richterswil und wohnhaft in Walenstadt, überzeugen. Die beiden Freunde kennen sich gut von gemeinsamen Wanderausflügen in der Schweiz.

Motivationsschub dank Blog

Der Start ins Abenteuer erfolgte für die beiden am 12. April in Catania auf Sizilien. «Die erste Hälfte unserer Route war nicht einfach. Es gab kaum Wanderwege, weshalb wir oft am Rand stark befahrener Autostrassen entlangwanderten», erinnert sich Reichen. Zweimal sei ein Auto so schnell und so nahe an ihnen vorbeigefahren, dass es beinahe zu einem Unfall gekommen wäre.

Die noch grössere Herausforderung, welche die beiden Wanderer während der ganzen Reise verfolgte, waren aber Fussprobleme. Obwohl sie mit guten Wanderschuhen unterwegs waren, hatten beide bereits nach den ersten Tagen die ersten Blasen eingefangen und mit Fussschmerzen zu kämpfen. «Der konstante Druck auf die Füsse führte unvermeidlich zu diesen Problemen. Das Profil unserer Schuhe nutzte sich je länger je mehr ab», sagt Steiner. Auf ihrer Reise mussten sowohl er wie auch Reichen beide ihre Schuhe mehrmals durch neue ersetzen. Die Fussschmerzen versuchten sie mit einsalben und massieren einigermassen in Schach zu halten.

Der Frust gekoppelt mit Erschöpfung seien jeweils gross gewesen, wenn sie am Abend eine Unterkunft bezogen hätten im Wissen, dass es am nächsten Tag gleich weiterging, sagt Steiner. Auch für Reichen waren die Schmerzen gross: «Ich habe mehr als einmal ans Aufgeben gedacht.» Ein Mutmacher, welcher den beiden jedoch immer wieder frischen Schub gab, war der Austausch mit ihren Familien und Freunden per Telefon und Internet. Jeden Abend riefen die beiden in die Heimat an oder schrieben die Erlebnisse des Tages auf ihren Mobiltelefonen in einem Onlineblog nieder. «So konnte jeder unseren Standort verfolgen und via Kommentarfunktion mit uns im Kontakt bleiben und uns anfeuern», sagt Steiner.

Den Schmerzen getrotzt

Auf der zweiten Streckenhälfte wurden die Probleme mit den Füssen zwar nicht weniger, dafür die Wanderwege besser. Von Rom nach Piacenza konnten die beiden auf dem Pilgerweg Via Francigena wandern ehe sie weiter nördlich Richtung Tessin ihre Reise an den Zürichsee fortsetzten. Nach genau zwölf Wochen erreichten die beiden Wanderfreunde ihr Ziel und wurden vergangenen Mittwoch auf dem Rossberg mit Treicheln, Ballons und Applaus in Empfang genommen.

«Ich war überglücklich und sehr stolz, dass ich die Reise durchgestanden habe», erinnert sich Reichen an den Moment der Heimkehr. Auch für Steiner war die Reise eine positive Erfahrung: «Wir haben soviel erlebt. Die Frühlingsdüfte in Süditalien mit all den wunderbar blühenden Orangen- und Zitronenbäumen oder die Felder und Weingüter der Toscana bleiben für mich unvergessen.» Vor allem im südlichen Teil Italiens hätten die beiden auch viele Bekanntschaften mit netten Menschen gemacht.

Wenig Ruhetage gegönnt

Die Frage, ob sie erneut eine solche Wanderung machen wollen würden, bejahen beide Herren. Steiner würde mangels geeigneten Laufstrecken aber erst in Rom starten. Reichen würde die Reise ebenfalls erneut antreten, jedoch nur mit mehr Pausen unterwegs. Während den vergangenen zwölf Wochen hat sich das Wanderduo bloss vier Ruhetage gegönnt. Viel mehr hätten es allerdings auch nicht sein dürfen. Heute nämlich feiert die Tochter von Heinz Reichen ihre Hochzeit.

Impressionen zur Reise von Werner Steiner und Heinz Reichen unter www.sizilienschweiz.com. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 06.07.2018, 16:16 Uhr

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