Horgen

«Der Notfalldienst ist gescheitert»

Der Horgner Hausarzt Adrian Müller spricht über die Beweggründe, vor zwei Jahren ein neues Notfalldienstmodell in der Region Horgen zu lancieren – das nun wieder auf der Kippe steht.

Hausbesuche am Wochenende oder nachts haben in der Notfallregion Horgen SOS-Ärzte übernommen – das könnte sich nun ändern.

Hausbesuche am Wochenende oder nachts haben in der Notfallregion Horgen SOS-Ärzte übernommen – das könnte sich nun ändern. Bild: Keystone

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Die Ärztegesellschaft Zürich (AGZ) warnt, dass die Notfalldienstorganisation ohne finanzielle Unterstützung der Gemeinden nicht mehr aufrechterhalten werden kann – weshalb funktionierte dieses Notfalldienstmodell in der Region Horgen bisher ohne den geforderten Zuschlag?
Es stimmt nicht ganz, dass das Modell ohne den geforderten Zuschlag funktioniert. Bisher ging es hier zwar ohne, doch man hat gesehen, dass das bisherige Konstrukt der SOS-Ärzte, welche die Hausbesuche anstelle der Hausärzte bestreiten, defizitär ist und so nicht erhalten werden kann. Einerseits ist die Infrastruktur sehr aufwendig und andererseits müssen diese Fachärzte genügend entlöhnt werden. Es braucht Geld, um Qualität und Leistung zum Wohle der Bevölkerung zu generieren. Die Hausärzte können diese Aufgabe neben der vollen Praxis nicht erfüllen, da sonst die Versorgungslücke massiv zunimmt.

Wenn sich die Gemeinden gegen den Zuschlag von 10 Franken aussprechen, welche Alternativen gibt es dann?
Wenn sich die Gemeinden gegen diese Lösung aussprechen, sprechen sie sich gegen eine Notfallversorgung der Bevölkerung aus. Und das bei einer Lösung, die einen Promillebereich des Budgets ausmacht. Eine alternative Lösung ist im jetzigen Umfang nicht tauglich und würde zu einer beträchtlichen Verschärfung des Hausärztemangels und weiterer Überbelastung des Spitalnotfalls führen.

Welche Konsequenzen würden für den Patienten resultieren?
Ein Vielfaches der jetzt geforderten 10 Franken pro Einwohner müsste nach unseren Berechnungen jeder Einzelne an Krankenkassenprämienerhöhungen bezahlen. Der einzige Alternativplan, wenn die Gemeinden auf diesem Weg sparen wollen, ist der Abbau der Qualität und die Kostenumwälzung auf andere.

Der Notfalldienst kann also künftig von Hausärzten allein nicht mehr aufrechterhalten werden.
Der traditionelle Notfalldienst ist daran gescheitert, dass heutzutage nicht mehr nur in einem Notfall der Notfalldienst angerufen wird. Verspürt beispielsweise jemand am Samstagabend ein Kratzen im Hals, wartet er nicht mehr bis am Montag, sondern ruft direkt den Notfalldienst an. Patienten kommen heutzutage schneller und häufiger zum Hausarzt. Wir sind zudem mit komplexeren Problemen konfrontiert. Wir sind nicht mehr bloss «Pfnüseldoktoren», sondern wir behandeln ambulant beispielsweise auch Lungenembolien.

Zurzeit werden mehr Studienplätze für Mediziner gefordert. Könnte die Notfalldienst-Problematik mit dem Rekrutieren weiterer Hausärzte entschärft werden?
Nur bedingt. Wenige Medizinstudenten wollen sich in diese Richtung spezialisieren. Das liegt an der geringeren Bezahlung wie auch an den unattraktiven Arbeitszeiten — eben gerade wegen des Notfalldienstes. Der Beruf eines Hausarztes muss attraktiver werden. Das bedeutet auch, eine höhere Bezahlung für Nacht- und Wochenendeinsätze. Vergleicht man die Stundenlöhne von Handwerkern und Notfallärzten, kommen die Ärzte schlecht weg. Das muss sich ändern.

Erlaubt das von Ihnen anvisierte Notfalldienstmodell, sich mehr Zeit für die regulären Patienten zu nehmen?
Nur – ich betone: nur – mit einer Umstrukturierung bleibt genügend Zeit für die Patienten. Sonst kollabieren die Hausarztpraxen. Gerade auch weil die Komplexität zunimmt und wir mit aufgeklärten Patienten zu tun haben, die genau informiert sein möchten. Das braucht Zeit.

Inwiefern entlastet das Notfalldienstmodell in der Region Horgen die Hausärzte?
Dass der Telefondienst abgenommen wird, ist ein grosser Vorteil. Von noch grösserer Bedeutung sind aber die Hausbesuche, die von den SOS-Ärzten bestritten werden. Hausbesuche sind extrem zeitaufwendig. Sie können bis zu zwei Stunden dauern, in denen die Warteschlange in der Praxis immer länger wird. Um den Hausärzten ein Familienleben zu ermöglichen, muss die Belastung zurückgehen und nicht noch zunehmen.

Inwiefern spürt der Patient einen Unterschied in der Notfallbehandlung?
Im Notfall spielt es keine Rolle, ob ein fremder Arzt ihn behandelt oder der altbekannte Hausarzt. Die Fluktuation ist unbedeutend – das spricht für die SOS-Ärzte. In der Hausarztpraxis hingegen ist die Beziehung zwischen Arzt und Patient von grosser Bedeutung. Das ist auch ein schöner Aspekt unseres Berufs: Wir sind tief verwurzelt im Leben unserer Patienten.

Genügend Ärzte zu finden, die sich für den SOS-Dienst zur Verfügung stellen, scheint demnach schwierig zu sein?
SOS-Ärzte sind eine eigene Institution von idealistischen Ärzten, die mit Herzblut dabei sind. Um ihren Einsatz längerfristig zu gewährleisten, braucht es den finanziellen Zustupf der Gemeinden. 10 Franken pro Einwohner pro Jahr erscheint mir wenig in Anbetracht dessen, was das Gesundheitssystem damit an Mehrkosten spart. Ginge jeder Notfallpatient ins Spital, würde jede Behandlung im Schnitt 300 Franken mehr kosten als bei einer hausärztlichen Behandlung.

Weshalb sind die Gemeinden zuständig für die Mehrkosten?
Den Notfalldienst zu garantieren, ist Sache der Gemeinde. Würde dieser nicht gewährleistet, würden im Endeffekt, wie gesagt, die Krankenkassenprämien steigen, weil mehr Notfälle im Spital landen. Die Frage ist, wie viel die Gesundheit den Steuerzahlern wert ist. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 14.10.2016, 16:29 Uhr

Hausarzt Adrian Müller: «Die Frage ist, wie viel die Gesundheit den Steuerzahlern wert ist.» (Bild: zvg)

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