Im Gespräch

«Wenn jemand an meinen Visionen zweifelt, spornt mich das an»

Kurt Waldmeier trotzte den Sportverbänden im Land und schuf mit der TG Hütten einen unabhängigen Sportverein. Bekannt wurde er als Mitbegründer und Chef der JU-Air.

Kurt Waldmeier arbeitet gerne an grossen Projekten. Er hat die TG Hütten wie auch die JU-Air gegründet und aufgebaut.

Kurt Waldmeier arbeitet gerne an grossen Projekten. Er hat die TG Hütten wie auch die JU-Air gegründet und aufgebaut. Bild: André Springer

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Kurt Waldmeier, als Sie 1997 die TG Hütten gründeten, hätten Sie jemals gedacht, dass Athleten aus Ihrer Trainingsgemeinschaft an olympischen Spielen teilnehmen?
Das Ziel lautete von Anfang an, junge Menschen in den Spitzensport zu bringen. Talente früh zu entdecken, zu fördern und helfen, Spitzensport und Beruf unter einen Hut zu bringen, das war meine Vision. Und schliesslich auch der Grund, weshalb ich die Trainingsgemeinschaft gründete. Dass wir 2010 zum ersten Mal mit Eligius Tambornino und Bettina Gruber zwei Langläufer an die Winterolympiade nach Kanada schicken konnten, freute mich. Ich war auch stolz, mehr aber nicht.

Wieso nicht?
Weil ich von Natur aus ein Unternehmer bin und kein Fantast. Ich habe Freude an den Erfolgen der Athleten der TG Hütten, doch ich sehe mich nicht als fanatischer Anhänger. Meine Aufgabe ist es, im Hintergrund die richtigen Entscheidungen zu treffen und zu schauen, dass die Rahmenbedingungen stimmen.

Stecken Sie sich hohe Ziele?
Ja, denn grosse Herausforderungen reizen mich. Mein Anspruch ist es, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen.

Wann ist Ihnen das gelungen?
In Hütten baute ich 1992 einen Skilift und eine Langlaufloipe, wo ich meinen beiden Söhnen und weiteren Kindern die Möglichkeit geben wollte, Wintersport zu betreiben. Daraus entwickelte sich fünf Jahre später die TG Hütten. Mein Ziel, einmal Leute von weiter her anzulocken und einen konkurrenzfähigen, verbandsunabhängigen Verein für Ausdauersportler zu gründen wurde immer wieder angezweifelt. Aber wenn jemand an meinen Visionen zweifelt oder sie kritisiert, spornt mich das erst recht an.

«Mein Anspruch ist es, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen.»Kurt Waldmeier

Sie müssen ausdauernd und hartnäckig sein, denn sonst wäre die Trainingsgemeinschaft Hütten nie so gross geworden oder?
Richtig, die TG Hütten wuchs Schritt für Schritt, denn wir konnten nicht sofort mit grossen Ausgaben irgendwelche Spitzenathleten anwerben. Bei uns setzte man auf eine ganzheitliche Betreuung, um Sport, Ausbildung und Beruf gleichermassen zu fördern. Wir halfen Lehrstellen zu vermitteln. Die Athleten sollten sich wohl fühlen und langsam aber sicher an die Weltspitze geführt werden. Die Hauptverantwortung für die Erfolge liegt dabei natürlich bei unseren Trainern. Mein Sohn Andreas, der selber in der TG Hütten gross geworden ist, trainiert mittlerweile die bekannte Schweizer Langläuferin Laurien van der Graaff.

Wieso ist die TG Hütten nicht mehr in Hütten zu Hause?
Die TG Hütten ist ständig gewachsen und hat heute über 250 Mitglieder. 2008 waren wir so gross, dass wir ein Trainingszentrum brauchten. Zuerst versuchten wir ein eigenes Kompetenzzentrum zu errichten. Es gab Pläne, eines in Hütten oder Einsiedeln zu bauen, doch später entschlossen wir uns, einen Vertrag mit dem Milandia Sport -und Erlebnispark in Greifensee zu vereinbaren. Dort trainieren die Athleten der TG Hütten seit 2009.

Ganz in der Nähe, in Dübendorf, ist auch die Zentrale der JU-Air deren Mitbegründer Sie sind. Wie kam es dazu?
1981 wurden drei Flugzeuge vom Typ Ju 52 von der Schweizerischen Luftwaffe ausgemustert. Ich war damals beim Bundesamt für Militärflugplätze angestellt und gemeinsam mit dessen Direktor, Walter Dürig, sowie weiteren Initianten riefen wir ein Jahr später die Aktion «Flieg weiter, Ju-52!» ins Leben, um die Flugzeuge vor dem Schrottplatz zu retten. Aus der Bevölkerung erhielten wir eine riesige Unterstützung. Dank Spenden von über 600'000 Franken, konnte bereits 1983 der öffentliche Rundflugbetrieb gestartet werden.

Die Flugzeuge wurden 1939 gebaut. Als Chef der JU-Air liegt die Verantwortung für den Flugbetrieb schon seit 36 Jahren bei Ihnen. Wie konnte sich die JU-Air so lange behaupten?
Dank Spenden und der Arbeit vieler freiwilliger Helfern. In den vergangenen Jahren haben rund 150 Freiwillige jedes Jahr 15'000 Stunden gratis gearbeitet, um die Flugzeuge regelmässig zu warten oder reparieren. Ohne sie wäre das nicht möglich gewesen. Seit der Gründung der JU-Air wurde sie schrittweise grösser. Bis 1985 waren bereits alle drei Flugzeuge wieder in Betrieb, 1996 kam eine Vierte dazu. Die Vision, die Flieger wieder in die Luft zu bringen und einen funktionierenden Betrieb zu organisieren, hat mich angetrieben und motiviert mich weiterhin.

Woher stammt dieser Wille, Grosses zu erreichen?
Das hat schon in meiner Jugend angefangen. Mit 17 Jahren hatte ich einen schweren Bergunfall und verlor zwei Finger dabei. Seither musste ich mich beweisen, dass ich gut genug bin, in verschiedensten Lebenssituationen. Ins Militär lassen wollte man mich zuerst nicht, später verweigerte die Swissair mir mehrfach ein Treffen, um meine Pilotentauglichkeit nur schon zu prüfen. Ins Militär durfte ich erst nach mehreren Gesuchen und wurde schliesslich Offizier. Und mit 32 Jahren flog ich als Co-Pilot für die Swissair.

«Der Absturz der Ju-Maschine am Piz Segnas oberhalb von Flims war für mich der grösste Rückschlag.»Kurt Waldmeier

Der Absturz einer Tante Ju am 4. August 2018 ist ein Bruch in ihrer persönlichen Erfolgsgeschichte.
Der Absturz der Ju-Maschine am Piz Segnas oberhalb von Flims war für mich der grösste Rückschlag. Er hätte niemals passieren dürfen. 20 Personen sind dabei gestorben, was mich noch heute tieftraurig macht.

Wie gehen Sie mit Rückschlägen um?
In solchen Situation bin ich ein Realist. Was passiert ist, ist passiert und kann man nicht rückgängig machen. Trotz all der Tragik muss es immer irgendwie weitergehen. Noch am selben Abend des Unglücks habe ich mir gesagt, dass dies eine neue Herausforderung darstellt. Es lag an mir die JU-Air nach dieser Tragödie wieder aufzubauen.

Das Bundesamt für Zivilluftfahrt hat der JU-Air im Mai die Zulassung für den Unterhalt der Ju-52-Maschinen sistiert. Wie sieht die Zukunft der JU-Air aus?
Die drei JU-52 werden aktuell einer Totalrevision unterzogen. Ab 2021 soll der Flugbetrieb wieder aufgenommen werden. Die JU-Air wird dann keinen eigenen Wartungsbetrieb mehr haben, sondern sich nur noch auf den eigentlichen Flugbetrieb konzentrieren. Die technische Betreuung wird an die ebenfalls in Dübendorf ansässige JUNKERS Flugzeugwerke AG abgegeben.

Sie haben immer wieder von Ihren Visionen gesprochen. Wie sehen diese heute aus? Für die JU-Air sowie für die TG Hütten?
Ich will die JU-Air wieder in die Luft bringen und bin gleichzeitig auf der Suche nach einem passenden Nachfolger, der mich 2022 als Chef der JU-Air und des gesamten Airforcecenters in Dübendorf ablösen wird. Für die Trainingsgemeinschaft Hütten sind wir zurzeit auf der Suche, einen geeigneten Standort zu finden, um endlich den Traum eines eigenen Kompetenzzentrums zu realisieren.

Erstellt: 13.09.2019, 10:14 Uhr

Zur Person

Kurt Waldmeier

Kurt Waldmeier (69) gründete 1982 die Ju-Air mit und ist seither Chef der Fluggesellschaft, welche Oldtimer-Flüge für Private und Organisationen durchführt. Der gelernte Mechaniker studierte später Maschineningenieur vor einem einjährigen Engagement als Swissair-Pilot.

Neben dem Fliegen ist Sport seine zweite grosse Leidenschaft. 1997 gründete er die TG Hütten, eine verbandsunabhängige Trainingsgemeinschaft für Ausdauersportler. Athleten der TG Hütten erreichten zahlreiche Spitzenränge an Europa-, Weltmeisterschaften und olympischen Spielen. Waldmeier wuchs in Samstagern auf und wohnte 20 Jahre in Hütten. Heute lebt er mit seiner Partnerin in Maur. (ret)

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