Telefonbetrug

Wenn ein angeblicher Microsoft-Mitarbeiter anruft

Die Zahl versuchter Telefonbetrugsfälle ist dieses Jahr im Kanton Zürich bereits mehr als doppelt so hoch wie während des ganzen Jahres 2017. Auch am Zürichsee versuchen Betrüger täglich, vorwiegend ältere Leute zu täuschen.

Vorsicht vor betrügerischen Anrufen: Kriminelle werden erfinderisch, um am Telefon ältere Menschen abzuzocken.

Vorsicht vor betrügerischen Anrufen: Kriminelle werden erfinderisch, um am Telefon ältere Menschen abzuzocken. Bild: Symbolbild/Patrick Gutenberg

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Es war Mitte April, als das Telefon in einem Schönenberger Haushalt klingelte. Der Bewohner – ein 74-jähriger Rentner, der, um weitere Anrufe nicht zu provozieren, anonym bleiben möchte – schaut kurz auf das Display, sieht die Schweizer Telefonnummer und nimmt danach den Hörer in die Hand. Es meldet sich ein gewisser David Jones vomIT-Department von Microsoft. Er behauptet, der Computer des Rentners sei von einem Virusbefallen.

Der 74-Jährige wird misstrauisch. Seinen Computer hat er selbst mit einem Anti-Virus-Programm ausgestattet und er funktioniert einwandfrei. «Es war mir schnell klar, dass es sich um einen Betrüger handelte. Aus Neugier, wie dieser versuchen wollte, mich zu täuschen, habe ich ihn weiterreden lassen», sagt der Betroffene.

Betrüger mit indischem Akzent

Um den Rentner von seiner Echtheit und derjenigen des Virus zu überzeugen, gab der Betrüger, auf Englisch und mit indischem Akzent, ihm Anweisungen, wie der Schönenberger zur angeblichen ID-Nummer seines Computers gelangt. «Solange ich ihm keine Angaben von mir und meinem Computer geben musste, liess ich das Gespräch fortführen», sagt der 74-Jährige. Der angebliche Microsoft-Mitarbeiter konnte ihm schliesslich die richtige Nummer sagen. Dabei handelte es sich allerdings um eine spezielle ID, in der Fachsprache CLSID, die auf allen Windows-Systemen die gleiche ist.

Als der Betrüger nun um Zugriff auf die Festplatte bat, wollte der Rentner auflegen, doch die Verbindung brach bereits früher ab. Vermutlich war die Telefonbatterie des Betrügers leer. «In den zwei Stunden nach dem rund 15-minütigen Gespräch versuchte mich der Betrüger immer wieder zu erreichen. Ich antwortete jedoch nicht mehr», sagt der Rentner, der einen Telefonbetrug so erfolgreich abwenden konnte.

Opfer häufig weiblich und über 65

Nicht überall ist die Abwehr von Telefonbetrügern jedoch erfolgreich. Im gesamten Kanton Zürich sind 2018 bereits 30 vollendete Telefonbetrugsfälle bekannt. Eine 76-jährige Rentnerin aus dem Bezirk Horgen erlaubte im Januar einem Microsoft-Mitarbeiter Zugriff auf ihren Computer. Dieser konnte die Rentnerin dazu bringen, als Bezahlung seines Dienstes iTunes-Wertkarten zu kaufen. So verlor die 76-Jährige 30 000 Franken an den Betrüger, schreibt die Kantonspolizei Zürich in einer Medienmitteilung.

Über die Betrüger ist wenig bekannt, ausser dass sie aus dem Ausland operieren. Sie geben sich als Microsoft-Mitarbeiter, als Verwandte oder als Polizisten aus und erwecken mittels gefälschter Schweizer Telefonnummern, in der Fachsprache Spoofing genannt, schnell einen seriösen Eindruck. Dazu kommt: «Telefonbetrüger kennen sich offensichtlich sehr gut aus in den Betriebssystemen. Das kann unerfahrene Nutzer leicht täuschen», sagt der 74-jährige Schönenberger.

Laut Kantonspolizei Zürich sind die Opfer vorwiegend Rentnerinnen ab 65 Jahren. «Die Opfer werden vermutlich über das öffentliche Telefonverzeichnis aufgrund des Vornamens ausgewählt», sagt die Kapo-Mediensprecherin. Die Gründe, weshalb die Täterschaft mehrheitlich gegen Frauen statt Männer zielt, seien nicht bekannt. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 09.05.2018, 08:33 Uhr

Fälle von Telefonbetrug steigen rasant an

Die Zahl vollendeter und versuchter Telefonbetrugsfälle im Kanton Zürich für das Jahr 2018 beträgt bereits 1232. Im Vergleich zu den 498 Fällen vollendeter und versuchter Telefonbetrugsfälle des gesamten Vorjahrs bedeutet dies einen erheblichen Anstieg. Viele der versuchten Betrugsfälle werden erst gar nicht erfasst. Die Dunkelziffer für das Jahr 2018 schätzt die Kantonspolizei Zürich auf über 6000 Anrufe. Im Vorjahr lag sie noch bei 2490 Anrufen.

Auch der Bezirk Horgen bleibt von den dreisten Anrufern nicht verschont. 39 Männern und Frauen im Durchschnittsalter von 76 Jahren wurde im vergangenen Jahr am Telefon versucht, das Geld aus der Tasche zu ziehen. Erst im vergangenen Monat hatte ein 74-jähriger Rentner aus Schönenberg einen angeblichen Mi­crosoft-Mitarbeiter am Telefon.

Mit 78 Telefonbetrugsfällen verbuchte die Kantonspolizei im Jahr 2017 fast doppelt so vieleBetrugsfälle im Bezirk Meilenwie im Bezirk Horgen. Allerdings blieb es hier teilweise nicht bei einem Versuch. Im Oktober wurden einem 93-jährigen Mann 35 000 Franken am Telefon abgeschwatzt. Ebenfalls Erfolg hatte im August ein Telefonbetrüger bei einer 88-Jährigen: Er bereicherte sich mit seinem Anruf um 57 000 Franken. Einen besonders folgenschweren Anruf erhielt im April 2017 eine 81-jährige Frau. Eine vermeintliche Polizistin schwatzte der Dame 800 000 Franken ab.

Tipps zum eigenen Schutz

Um die Bevölkerung für die Tricks und das Vorgehen von Telefonbetrügern zu sensibilisieren, hat die Kantonspolizei Zürich eine Kampagne lanciert. Unter Telefonbetrug.ch findet man im Internet Tipps, wie man sich schützen kann beziehungsweise wie man reagieren sollte, falls man von einem Telefonbetrüger angerufen wird. Die Polizei mahnt an erster Stelle, misstrauisch zu sein und auf keine Geldforderungen einzugehen. Die Gesamtdeliktsumme für das Jahr 2018 im Kanton Zürich beträgt bereits über eineinhalb Millionen Franken.

Damit auch die Hintermänner der Telefonbetrugsmasche vor Gericht gestellt werden können, sind die Zürcher Strafverfolger eine Kooperation mit den Behörden in Polen und Deutschland eingegangen. (Dorothea Uckelmann)

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