Thalwil

«Unsere Fantasie ist nicht ausgereizt»

Der Chipentwickler U-Blox hat die Übernahme von SIMCom Wireless im letzten Moment gestoppt. Doch für den CEO Thomas Seiler bleiben strategische Zukäufe zur Weiterentwicklung der Firma ganz oben auf der Agenda.

U-Blox-Konzernchef Thomas Seiler: «Wenn von zwölf Akquisitionen eine nicht funktioniert, ist das immer noch ein gutes Verhältnis.»

U-Blox-Konzernchef Thomas Seiler: «Wenn von zwölf Akquisitionen eine nicht funktioniert, ist das immer noch ein gutes Verhältnis.» Bild: Sabine Rock

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Thomas Seiler, Ihre Firma hat die bereits unterschriebene Kaufvereinbarung für die Mobilfunk-Sparte der SIMCom Group in China kurzfristig aufgelöst: Ist dies eine persönliche Niederlage für den Chef?
Thomas Seiler: Eine Nichterreichung von vereinbarten Zielen ist leider immer Bestandteil der Risiken von solchen Transaktionen. Eine Vereinbarung gilt erst dann, wenn das Geld geflossen ist. Dabei können immer viele unvor­hergesehene Dinge passieren. Damit müssen wir umgehen können. Unter dem Strich ist die Geschichte für uns dennoch kein Verlust, sondern ein Gewinn.

Inwiefern ist das Nicht-Zustandekommen einer Übernahme ein Gewinn?
Bei solchen Verhandlungen kommt sehr viel Wissen zusammen. Und wir leben in einer Welt voller Wissen. Dass wir letztlich den entscheidenden Schritt im Sinne des Bilanzzugewinns nicht machen konnten, ist sicher schade für den Aufwand. Aber die aus dem Kaufprozess gewonnenen Erkenntnisse können wir nun auch anderweitig einsetzen.

Immerhin hätte es sich um die grösste Übernahme von U-Blox gehandelt, die Sie zum weltweiten Marktführer von Maschine-zu-Maschine-Modulen gemacht hätte ...
Es hat sich tatsächlich um eine bestens vorbereitete Verein­barung gehandelt, sowohl vom Timing her als auch vom Preis. Aber nun schauen wir, wie wir unsere Ziele auch auf anderen Wegen erreichen können. Unsere Fantasie ist mit diesem Geschäft noch lange nicht ausgereizt. Wenn von zwölf Akquisitionen von U-Blox eine nicht funktioniert, dann ist das immer noch ein gutes Verhältnis und zeigt, dass wir unser Handwerk verstehen.

Die Gründe für den Rückzug werden nicht genannt: Haben Sie damit die Märkte nicht zusätzlich verunsichert – auch wenn sich der Aktienkurs von ­U-Blox mittlerweile wieder auf dem Wert von vor der Akquisition eingependelt hat?
Es liegt immer eine gewisse Fantasie in so weitreichenden Schritten, wie wir sie angekündigt haben. Die Hoffnung der Anleger ist gross, dass sie wertsteigernd sind. Wenn sich diese Hoffnung nicht erfüllt, ist die Enttäuschung umso grösser. Aber wir haben nicht zu viel versprochen. Wir sind dieses Geschäft vorsichtig angegangen. Die Absage ist auch ein Beweis dafür, dass wir die Firma solide managen und keine unnötigen Risiken eingehen.

Wieso ist das Thema akquisitorisches Wachstum für U-Blox so wichtig?
In der Industrie, in der wir tätig sind, ist es wichtig, starke Volumina auszuweisen und eine Führungsposition einzunehmen. Durch die daraus entstehenden Skaleneffekte können wir die Kosten wesentlich besser kontrollieren und im Wettbewerb – vor allem auf der Preisseite – besser bestehen. Zudem ist die Technologie komplex und wird immer komplexer. Von daher braucht es eine gewisse Grundgrösse, um diese überhaupt betreiben zu kön­nen. Wir wollen unsere Position weiter ausbauen und ver­fügen auch über die dafür notwendigen finanziellen Mittel.

Ist Ihnen der Übernahmeappetit fürs Erste nicht vergangen?
Überhaupt nicht. Zukäufe sind immer noch ein ganz wichtiges Element, um die Firma weiterzuentwickeln. Sie gehören zu unserer Strategie. Das Thema ist aber keines, das sich einfach so planen und durchziehen lässt. Die erfolgreiche Umsetzung hängt von sehr vielen Faktoren ab. Wir halten aber ständig Ausschau nach geeigneten Kandidaten.

Die ganze Welt spricht vom «Internet der Dinge», einem riesigen Wachstumsmarkt, in dem Sie sich bewegen: Was meint der Begriff eigentlich genau?
Wir leben in einer Welt, in der wir gewohnt sind, zu jeder Zeit und an jedem Ort Informationen zu nutzen und daraus Dienstleistungen zu beziehen. Wir sind ­mobiler denn je und reisen in der ganzen Welt umher. Zusätzlich werden immer mehr drahtlose Verbindungen von Objekten untereinander und dem Internet etabliert. Von daher gibt es für die Lösungen, die wir anbieten, Halbleiterbausteine und Module für die drahtlose Kommunikation und Positionierung, einen starken Antrieb. Diese Anwendungen sollen aber nicht nur immer besser werden, sondern auch immer effizienter, einen immer geringeren Energieverbrauch auf­weisen und sich unempfindlich gegenüber möglichen Umwelteinflüssen verhalten.

Der Fokus und die Investitionen in die eigenen Chipentwicklungen sollen auch in Zukunft eine wichtige Rolle in der Strategie von U-Blox spielen: Welchen Stellenwert nimmt dabei der Standort Thalwil ein?
Unsere Firma ist so aufgestellt, dass wir zwar die Technologie anbie­ten, aber diese dann vor ­allem in integrierte Schaltungen verpacken. Damit legen wir die Technologie in die Hände unserer Kunden, die sie nutzen. Heute sind wir global aufgestellt: Wir entwickeln unsere Produkte und Technologien an 14 Entwicklungsstandorten. Die Schweiz respektive Thalwil ist einer davon. Hier hat alles begonnen, aber wir wären nie soweit gekommen, wenn wir nicht im Ausland weitere ­Teams aufgestellt hätten. Dementsprechend rekrutieren wir neue Mitarbeitende an Stand­orten, an denen solche Talente auch verfügbar sind. Und unser Hauptsitz in Thalwil ist immer noch der grösste. Hier ent­wickeln wir an einem Teil unseres Technologiespektrums. Wir arbeiten ohnehin standortübergreifend, das heisst mit Teams, die sich für bestimmte Projekte jeweils zusammentun. (zsz.ch)

Erstellt: 09.06.2017, 13:40 Uhr

U-Blox

U-Blox ist ein Anbieter von Halbleiterbausteinen und Modulen für die drahtlose Kommunikation und Positionierung für den Automobil-, Industriegüter- und Konsumgütermarkt. Das Unternehmen mit Sitz in Thal­wil hat in einem der am schnellsten wachsenden Märkte, dem «Internet der Dinge», eine lukrative Nische gefunden. Für die Evolution der Dinge braucht es ein neues Mitteilungsbedürfnis der Geräte und die Kenntnis ihrer Position. Das Auto meldet den Unfallort, die Maschine die Wartung und den Standort in der Fabrikhalle, der Roboter zum Rasenmähen den gefahrenen Weg.

Von 2007, dem Jahr des Börsengangs von U-Blox, bis 2016 stieg der Umsatz von 80 auf 360 Mio. Franken, der Betriebsgewinn (Ebit) erhöhte sich von fünf auf 59 Millionen. Die Industriegruppe arbeitet nach dem ­Fabless-Prinzip, also ohne eigene Fertigung. Die umsatz- und wachstumsstärkste Region bleibt wegen zahlreicher Auftragsfertiger Asien-Pazifik.

Zu Beginn dieses Jahres gab die chinesische SIMTech Group bekannt, ihre Tochterfirma SIMCom Wireless für 52,5 Mio. Dollar an U-Blox zu verkaufen. Die Thal­wiler wären damit bei den Modulen für Maschine-zu- Maschine-Anwendungen zum Weltmarktführer aufgestiegen. Vor zwei Wochen teilte U-Blox mit, dass der Kaufvertrag «in einvernehmlicher Weise» aufgelöst worden sei. U-Blox hat weltweit Niederlassungen in Europa, Asien und den USA und beschäftigt rund 950 Mitarbeitende, davon über 200 in Thalwil. Alleine im vergangenen Jahr stellte ­U-Blox 150 neue Leute an. Zwei Drittel der Belegschaft arbeiten in Forschung & Entwicklung. (ths)

Zur Person

Der 60-jährige Thomas Seiler ist seit 2002 Konzernchef und Head of Marketing and Sales der U-Blox AG in Thalwil, eines 1997 gegründeten Spin-offs der ETH Zürich. 2006 wurde er zum Mitglied des Verwaltungsrats berufen. Thomas Seiler hat einen Abschluss als Maschinenbauingenieur der ETH Zürich und ist MBA-Absolvent der ­Insead, Frankreich. Von 1991 bis 1998 war er CEO der Melcher AG (Uster). Danach leitete er als CEO die Kistler Holding AG (Winterthur). Thomas Seiler ist in Meilen wohnhaft. (red)

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