Kilchberg

Tschetschenen-Komitee kämpft weiter

Seit der Ausschaffung der Flüchtlingsfamilie nach Tschetschenien kämpft das Komitee von Hierzuhause für deren Rückkehr. Das Engagement hat zwei Mitgliedern des Komitees Ärger eingebracht.

Das Komitee von Hierzuhause, das einst die Ausschaffung der Familie verhindern wollte, arbeitet nun ­daran, ihren Freunden die Rückkehr nach Kilchberg zu ermöglichen.

Das Komitee von Hierzuhause, das einst die Ausschaffung der Familie verhindern wollte, arbeitet nun ­daran, ihren Freunden die Rückkehr nach Kilchberg zu ermöglichen. Bild: Facebook / Hier zuhause

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Der tschetschenischen Familie um Anvar, Marha, Linda und Mansur fällt das Einleben in der russischen Republik schwer. Die Kinder vermissen ihre Freunde, die vertraute Umgebung in Kilchberg. «Die Zukunft der Kinder ist ungewiss», sagt Ronie Bürgin vom Komitee Hierzuhause. Um in der Schule mithalten zu können, müssten die Kinder dringend Russisch erlernen. Aufgrund der Ferien sei es aber ­beinahe unmöglich, geeigneten Sprachunterricht zu erhalten. «Die Reintegration der Familie gestaltet sich schwierig», sagt Bürgin.

Aus Angst vor den Schergen des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow, vor denen der Vater 2008 flüchtete, lebe die Familie die meiste Zeit getrennt. «Timur lebt in einer Wohnung, während der Rest der Familie bei Verwandten unter­gekommen ist», sagt Bürgin. So wollten die Eltern verhindern, dass Kadyrows Truppen in Kontakt mit den Kindern kämen, ­sollte der Vater erneut in deren Hände geraten.

Möglichkeiten ausschöpfen

Während die Familie in Tschetschenien auf sich alleine gestellt ist, ist die Unterstützung aus der Schweiz weiterhin gross. Das Komitee von Hierzuhause, das einst die Ausschaffung der Familie verhindern wollte, arbeitet nun ­daran, ihren Freunden die Rückkehr nach Kilchberg zu ermöglichen. «Derzeit sind wir dabei, mithilfe eines Anwalts und mit dessen Netzwerk ein Härtefallgesuch auszuarbeiten», sagt Bürgin. Dieses solle in rund zehn Tagen beim Kanton eingereicht werden. «Wir wissen, dass dies unsere letzte Chance ist», sagt er. Deshalb müsse man besonders ­sorgfältig vorgehen. Wie genau das Härtefallgesuch ausgestaltet wird, wollte Bürgin derzeit nicht weiter ausführen. «Der Weg, den wir beschreiten, ist jedoch einzigartig», sagt er.

Die Einreichung eines Härtefallgesuchs ist in Asylfällen keine Einzelheit. Allein im zweiten Quartal dieses Jahres gingen beim Bund 568 Gesuche auf eine Härtefallregelung ein, wie der Asylstatistik des Staatssekretariats für Migration (SEM) zu entnehmen ist. In der gleichen Zeitspanne wurden 533 Härtefallgesuche gutgeheissen. Die Chancen für die Tschetschenen stünden also nicht schlecht, wäre da nicht die Tatsache, dass die Familie keine fünf Jahre in der Schweiz lebte und somit die Gesetzesgrundlage nicht gegeben ist. Hinzu kommt, dass von den 754 Asylgesuchen, die im Jahr 2015 vom Kanton ­Zürich angenommen wurden, nur sechs zuhanden russischer Staatsangehöriger gingen.

Rückführungen nach Russland sind keine Seltenheit. Insgesamt elf Personen wurden 2015 aus dem Kanton Zürich nach Russland zurückgeführt. Dies entspricht rund 7 Prozent aller Rückführungen und ist nach Serbien der zweithöchste Wert für Asylsuchende aus Europa.

Die Kinder nicht versteckt

Dass das Komitee sich weiterhin voller Elan für die tschetschenische Familie einsetzt, ist nicht selbstverständlich. Ihr Engagement hat einigen Mitgliedern Ärger eingebracht. So ging sowohl gegen Ronie Bürgin als auch gegen Isabelle Blümlein, ebenfalls Mitglied des Komitee-Präsidiums, eine Strafanzeige bei der Polizei ein. «In der Strafanzeige mutmasst die Polizei, dass wir durch unser Engagement den rechtswidrigen Aufenthalt der Familie gefördert und ihnen im Pfarrhaus von Kilchberg Logis gewährt hätten», sagt Bürgin. Für Unverständnis sorgt bei ihm die Tatsache, dass sich die Anzeige nur gegen einzelne Mitglieder des Präsidiums richtet. Wer die Anzeige eingereicht hat, weiss Bürgin nicht, da es sich bei der ihm vorgeworfenen Straftat um ein Offizialdelikt handelt, das die Strafbehörde von Amtes wegen verfolgen muss. «Für mich ist dies nur eine weitere Art der Behörden, Druck auszuüben», sagt Bürgin. «Davon, dass wir die Kinder versteckt hätten, kann kaum die Rede sein, gingen sie doch bis zum Ende in die Schule. Die Mädchen, die gut mit meinen Kindern befreundet sind, waren seit jeher viel bei uns zu Hause.»

Mittlerweile wurden die Strafanzeigen wegen einer Nichtanhandnahmeverfügung fallen gelassen, da die Verfahrensvoraussetzungen nicht erfüllt wurden. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 05.08.2016, 09:08 Uhr

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