Thalwil

Thalwiler suchen Dialog um nächtlichen Glockenschlag

Anwohner fordern den nächtlichen Glockenschlag der reformierten Kirche einzustellen. In offener Runde wurde darüber diskutiert und abgestimmt.

Die Kirchenglocke als Streitpunkt. Gut 90 Personen diskutierten über die nächtlichen Glockenschläge.

Die Kirchenglocke als Streitpunkt. Gut 90 Personen diskutierten über die nächtlichen Glockenschläge. Bild: Manuela Matt

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Er ist klangvolles Kulturgut für die einen. Für die anderen dagegen ein Stressfaktor: der nächtliche Glockenschlag der reformierten Kirche Thalwil. Das macht der vergangene Samstagnachmittag deutlich. Im örtlichen Kirchgemeindehaus haben sich gut 90 Personen versammelt. Um die Frage nach Beibehaltung oder Abschaffung der viertelstündlichen Zeitangabe zu diskutieren – und darüber abzustimmen.

Dazu eingeladen hat die Kirchenpflege: Ist diese doch letzten Sommer Empfängerin eines Schreibens geworden, das die Einstellung des Glockenschlag zwischen 22 und 7 Uhr fordert. Unterschrieben war der Brief von rund 130 Anwohnern der Kirche. Die Abstimmung ist indes nicht bindend für die Kirchenpflege. «Sie dient als Gradmesser der öffentlichen Stimmung», erklärt Kirchenpflegepräsidentin Pia Schlechtriemen. Ihr Gremium werde den Ausgang der Befragung und die Diskussion analysieren – und darauf einen Entscheid fällen. Doch an allem Anfang steht eine Podiumsrunde zwischen der Pro-und Kontraseite zum nächtlichen Glockenschlag.

Über Grenzwert

Letztere vertritt die Initiantin der Unterschriftensammlung: Die 39-jährige Patrizia Salzmann. Vor gut einem Jahr ist die Anwältin nach Thalwil gezogen. «Es geht um die Gesundheit», sagt sie, als sie Felix Reich nach dem Grund ihrer Beschwerde fragt. Der Chefredaktor der Zeitung «Reformiert» moderiert das Gespräch. Salzmann erwähnt eine Studie der ETH. Sie belege, dass Kirchenglocken den Schlaf mehr stören als Fluglärm. «Wegen des plötzlich einsetzenden Schlags.» Der ausbleibende Schlaf führe zu Stress – in einem ohnehin hektischen Alltag. Zudem übersteige die Glocke der reformierten Kirche Thalwil in ihrer Lautstärke den Grenzwert der Lärmschutzverordnung. Und das selbst in einem Quartier, das nicht unmittelbar nah der Kirche sei. «Der Hall vom Hügel war der Schock der ersten Nacht», sagt sie. Selbst die Landeskirche sehe aber den nächtlichen Glockenschlag nicht als kirchliche Notwendigkeit.

«Kommt die Schlafstörung von den Glocken, oder hört man die Glocken, weil man sonst nicht schläft?», entgegnet Peter Ritzmann. Der ehemalige Kirchenpflegepräsident und pensionierte Rektor der Kantonsschule Küsnacht wohnt seit 1982 nahe der Kirche. Den Glockenschlag in der Nacht empfindet er als Klang, Bote einer alten Kultur und liturgische Erfahrung. Die Lärmschutzverordnung sei ohnehin nicht absolut, man denke an Strassen- und anderen Lärm, sagt er. Er stösst im Plenum auf Echo: «Schuldzuweisungen sind einfach», sagt eine Anwohnerin. Früher habe auch sie nicht gut geschlafen. Doch statt sich über den Glockenschlag aufzuregen, sei sie durch ihn zu innerer Einkehr gelangt.

Appell an Kompromiss

Die Diskussion zeigt, wie subjektiv das Empfinden ist. Gemeindepräsident Märk Fankhauser (FDP) findet im nächtlichen Schlag Orientierung. «Das ist aber keine politische Meinung.» Auch die christlichen Werte von Nächstenliebe und Toleranz fallen öfters an die Adresse der Kirche. Das Lärmempfinden sei nun mal so individuell wie die Lebensweisen, sagt ein Anwesender. «Wen der Nachtschlag nicht stört, kann auch darauf verzichten», findet eine weitere Votantin. «Damit die anderen schlafen können.»

Bezirkskirchenpflegepräsident Max Walter gibt zu bedenken, dass die Lärmschutzverordnung für Kirchen nicht gelte. Er erinnert an den Fall eines Wädenswiler Ehepaars: Dessen Lärmklage zum Nachtschlag war bis vor Bundesgericht gelangt und dort abgewiesen worden. «Aber das Urteil ist in Juristenkreisen umstritten.» Walter ruft – wie Fankhauser – zu Dialog und Kompromiss auf: Den Glockenschlag auf die Stunde reduzieren etwa oder die Klöppel zu dämpfen. Den juristischen Weg wolle sie nicht gehen, sagt Salzmann. Bleibe es beim nächtlichen Glockenschlag, dann gebe es für sie nur den Wegzug.

Wäre die Abstimmung bindend, dann müsste sie sich tatsächlich nach einer neuen Bleibe umsehen: Nur 36 Personen geben an, sich mit der Aufhebung des nächtlichen Schlags arrangieren zu können. Der Rest spricht sich für den Status quo oder eine Dämpfung aus. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 03.02.2019, 17:10 Uhr

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