Schönenberg

Rettungsversuch für verlotterte Feldscheunen

Einst dienten sie als Lagerstätte für Torf und Stroh. Heute droht den wenigen noch erhaltenen Streuhütten in der Moorlandschaft des Zimmerbergs der Zerfall. Stefan Keller will sie retten und gleichzeitig zu einem Zuhause für Wildtiere machen.

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Der Regen peitscht durch die hüglige, grün-braune Moorlandschaft Schönenbergs. Starke Windböen wehen den modrig-erdigen Torfgeruch durch die mit kahlen Birken bestückte, mystisch anmutende Gegend. Es herrscht weitgehend Stille, zu hören ist lediglich das Dröhnen eines sich nähernden Motors.

Es ist das Brummen eines Traktors, in dem zwei wetterfest gekleidete Gestalten sitzen. Stefan Keller und Pascal Vassella sind unterwegs in ihrer Mission. Sie wollen eine kleine Streuhütte vor ihrem endgültigen Zerfall retten. Seit dem Frühjahr 2017 beschäftigen sie sich damit. Die letzte Etappe steht ihnen an diesem regnerischen Nachmittag bevor. Die Hütte steht im Hinterbergried, einem kleinen Fleckchen unterhalb des Golfplatzes Schönenberg, oberhalb der Hirzelstrasse.

Sie ist eine von rund 120 Feldscheunen in der Region Zimmerberg. Im 19. Jahrhundert wurde in ihnen Torf gelagert, der in der Moorlandschaft gestochen wurde. Später dienten sie als Strohlager. Heute werden die meisten Streuhütten nicht mehr genutzt. Der Zahn der Zeit und das Wetter nagen an ihren Ziegeldächern und Holzbrettern bis sie langsam in sich zusammenfallen.

Stefan Keller möchte das verhindern. Er ist im Vorstand des Naturschutzvereins Wädenswil und Leiter des Projekts «Wiesel und Co. Zimmerberg». Dass sich ausgerechnet ein Naturschützer und Umweltingenieur für den Erhalt von Hütten in der Naturschutzzone einsetzt, klingt widersprüchlich. Doch Keller hat für die Aktion seine Gründe: «Einerseits erzählen sie von der traditionellen Kulturlandschaft im Schönenberger Moor.» Andererseits würden die Hütten auch als Unterschlupf für bedrohte Wildtiere wie den Iltis und die Schleiereule dienen.

Ohne Erlaubnis keine Hütte

Der Traktor kommt vor der Hütte zu stehen. Die letzten Meter geht Stefan Keller durch das durchnässte Moor. Ihm voraus schreitet Pascal Vassella. Er ist der Besitzer der rund 20 Quadratmeter kleinen Scheune. Die Hütte ist seit vier Generationen im Besitz der Vassellas. Mit den Jahren senkte sich das Fundament, das Dach wurde undicht und die Scheune stand kurz vor dem Zerfall. «Die Hütte gehört zur Familientradition», sagt Vassella. Eine Sanierung sei aber sehr aufwendig. «Erst als Stefan Keller mit dem Projekt «Wiesel und Co am Zimmerberg» auf mich zukam und mir Unterstützung anbot, nahm ich im Frühling 2017 die Renovation in Angriff», sagt er.

Die Unterstützung ist einerseits finanzieller Art. Das Projekt, hinter dem die Naturschutzvereine des Bezirks Horgen stehen, wird unter anderem vom Fonds Landschaft Schweiz sowie den Standortgemeinden finanziert. Sie übernehmen die Hälfte der Kosten. Zum anderen setzen sich die Naturschutzvereine mit den Bauvorschriften auseinander. «Dass die Streuhütte saniert werden darf, war nicht von Anfang an klar», sagt Keller.

Vom Amt für Raumplanung des Kantons Zürich hatte er erfahren, dass für den Wiederaufbau maroder Streuhütten keine Baubewilligung zu kriegen ist. «Erst mit der Fachstelle Naturschutz des kantonalen Amtes für Landschaft und Natur fanden wir eine legale Lösung für die Sanierung von Feldscheunen innerhalb von Naturschutzgebieten», sagt Keller. Die Instandstellung sei im Sinne einer schrittweisen Reparatur am stehenden Objekt gutgeheissen worden.

Ein Zuhause für Wildtiere

Der Regen prasselt auf das Ziegeldach der Hütte und auf ein paar moosige Steine in der Nähe der Scheune. Die Steine sind die letzten Überbleibsel längst aufgegebener Streuhütten. Auch unter Pascal Vassellas Häuschen ist das steinerne Fundament der alten Scheune noch erkennbar. «Wir haben die neue Streuhütte auf den alten Fundamentsteinen aufgerichtet», sagt er. Vassella ist gelernter Landschaftsgärtner, sein Onkel Zimmermann. Zusammen haben sie während den letzten zwei Jahren Bretter zugesägt, Wände und ein neues Dach errichtet und die Feldscheune nach und nach erneuert.

Die Bauarbeiten erfolgten in vier Etappen. Da die Hütte in der Naturschutzzone liegt, durfte die Baustelle nur während einiger Wochen von September bis März begangen werden. In diesem Winterhalbjahr erfolgte die finale Bauphase. Vassella will bereits im kommenden Herbst das Stroh des Riedschnitts in der renovierten Scheune einlagern.

Als Gegenleistung, für die Unterstützung von «Wiesel und Co. Zimmerberg», erlauben die Hüttenbesitzer den Naturschützern, Nischen für Wildtiere zu schaffen. Von der Heckschaufel des Traktors holt Vassella einen grossen Holzkasten und trägt ihn in das windgeschützte Innere der Hütte. Zusammen mit Stefan Keller machen sie die Box unter dem Dach fest. «Darin werden in Zukunft hoffentlich Schleiereulen oder Turmfalken ihre Jungen aufziehen», sagt Keller.

Sobald die Brutstätte für die Vögel montiert wurde, holt er drei Strohballen vom Traktor. Er legt sie in einem Dreieck auf den Boden vor die Hütte, so dass in der Mitte der drei Ballen ein Hohlraum entsteht. «Das Stroh ist ein guter Schutz gegen die Kälte in den Wintermonaten», sagt Keller. Der Hohlraum soll als Winterquartier für Iltisse dienen. Die marderartigen Tiere machen zwar keinen Winterschlaf, suchen in den Streuhütten aber Schutz vor Wind und Kälte. Keller und Vassella quetschen die drei Strohballen in den Hohlraum zwischen dem steinernen Fundament und dem Boden der Hütte. So entsteht ein Winterquartier, das Wind, Wetter sowie Feinde wie den Luchs fernhalten soll.

Mit diesen Handgriffen geht eine Arbeit zu Ende, deren Planung vor drei Jahren begonnen hat. Es handelt sich um eine von zwei Streuhütten, die bisher mit Unterstützung des Projekts «Wiesel und Co. Zimmerberg» erhalten werden konnte.

Das sind zu wenig, wenn es nach den Zielvorstellungen von Stefan Keller geht. Er nahm sich vor, bis 2020 zehn Scheunen zu sanieren. «Das Problem ist, dass nur wenige Inhaber die Situation erkennen und in ihre Hütte investieren wollen. Liegt die Hütte erstmal am Boden, ist kein Wiederaufbau mehr erlaubt», sagt er. «Wiesel und Co. Zimmerberg» hat allerdings noch etwas Geld zur Verfügung. «Wir möchten das Projekt daher bis 2021 verlängern.»

Weitere Projekte und Informationen von «Wiesel und Co. am Zimmerberg» auf www.wieselundco.ch (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 25.03.2019, 15:08 Uhr

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