Horgen

«Recht und Gerechtigkeit sind nicht immer unter einen Hut zu bringen»

Bruno Derungs war bis zu seiner vorzeitigen Pension Ende 2018 fast 29 Jahre lang Richter am Bezirksgericht Horgen. In seiner Arbeit versuchte er nicht nur zu entscheiden, sondern auch zu vermitteln.

«Ich konnte grundsätzlich immer gut abschalten dank dem intakten und stabilen Umfeld zu Hause»: Bruno Derungs.

«Ich konnte grundsätzlich immer gut abschalten dank dem intakten und stabilen Umfeld zu Hause»: Bruno Derungs. Bild: Sabine Rock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bruno Derungs, Sie schauen auf eine lange Karriere als Jurist und Richter zurück. Würden Sie diesen­ Berufsweg rückblickend wieder einschlagen?
Bruno Derungs: Ja, auf jeden Fall. Mein Tätigkeitsgebiet war sehr ab­wechslungsreich: Ich war während den fast 29 Jahren für alle Rechtsgebiete, also für Familienrecht, Strafrecht, Forderungs­pro­zesse etc. zuständig. Ich er­lebte eine grosse Freiheit in der Arbeit und konnte zusammen mit den Mit­richterinnen und Gerichts­schrei­bern viele Prozesse zu ei­nem guten Abschluss bringen.

Das Familienrecht war für Sie besonders wichtig.
Ja, auch anteilsmässig ist das der grösste Teilbereich. Bei Scheidungen mit Kindern fragte ich mich stets: Wie sieht die beste Lösung für die Kinder aus? In vielen Verfahren konnte ich dank dem Auf­zeigen der materiellen und prozessualen Probleme zwischen den Parteien vermitteln und eine Vereinbarung erreichen. Mit dieser waren zwar beide Parteien oft nicht voll zufrieden. Sie waren sich aber bewusst, dass die Alternative – nämlich finanziell und zeitlich aufwendiges und gesundheitlich belastendes Weiterprozessieren – in jedem Fall schlechter gewesen wäre. Derartige Abschlüsse waren für mich persönlich befriedigend.

Bestimmt bleiben Ihnen viele belastende Prozesse präsent: Was ging Ihnen etwa durch den Kopf, wenn Sie Kinderschändern gegenüber sassen?
Ein schwerwiegendes Delikt ist zu­erst einfach einmal ein Faktum, das wir am Gericht möglichst professionell beurteilen müssen. Wir müssen die Tat des Be­schuldigten beurteilen im Wissen, dass es auch Opfer gibt. Ich fühlte jeweils ein Unverständnis, musste aber ein Stück weit Distanz wahren, um meine Ar­beit machen zu können.

Belastend wird auch gewesen sein, wenn Sie einen Angeklagten oder eine Angeklagte für Jahre ins Gefängnis schickten?
Belastend ist nicht das richtige Wort. Wir beurteilten jeweils im Dreierteam eine Tat. Unter Berücksichtigung sämtlicher Aspekte bestand das angemessene Ur­teil dann allenfalls in einer langjährigen Freiheitsstrafe. Die Ausfällung möglichst gerechter Ur­teile gehörte einfach zu meiner Arbeit.

Wie gelang es Ihnen, abzu­schalten? Schauten Sie abends einen Krimi?
Ich konnte grundsätzlich immer gut abschalten dank dem intakten und stabilen Umfeld zu Hause. Es gab aber einzelne Fälle, die mich gedanklich längerfristig beschäftigten. Doch Krimis, nein (lacht): Die haben zu wenig mit der Realität zu tun.

Im Gerichtssaal sind Sie vermutlich immer wieder offensichtlich angelogen worden. Was löste das in Ihnen aus?
Die Beschuldigten haben das Recht zu lügen – ja, das ist so. Der Staat muss beweisen, dass der Beschuldigte die Tat wirklich begangen hat. Bei einem Raubüberfall hatte zum Beispiel der Täter seine Wollmütze verloren. Aufgrund der an der Mütze gefundenen DNA kam nur der Beschuldigte infrage. Er behauptete, er sei noch nie am Tatort gewesen und wisse nicht, wie die DNA an die Mütze gelangt sei. Es könne nur sein, dass jemand von ihm stammende Haare in die Mütze gesteckt habe, als er einmal beim Coiffeur gewesen sei.

Sie wohnen in Oberrieden, ­also im Einzugsgebiet Ihres Gerich­tes. Kam es vor, dass Sie Angeklag­ten, Verurteilten oder Opfern im Dorf auf der Strasse oder im Laden begegneten?
Bei Verfahren, die mir bekannte Per­sonen unter anderem aus Ober­rieden betrafen, bin ich immer in den Ausstand getreten. Verfahren mit Oberriednern, auch wenn mir nicht persönlich bekannt, habe ich wenn möglich an einen anderen Richter weitergegeben. Ich kann mich an keine unangenehmen Begegnungen im Dorf in diesem Zusammenhang er­innern.

«Die Beschuldigten haben das Recht zu lügen.»Bruno Derungs

Hätten Sie dem einen oder anderen­ Angeklagten gerne einmal richtig die Kappe gewaschen, weil er völlig uneinsichtig war?
(Lacht). Nein, das gehört nicht zu mei­nen Aufgaben. Bei einer Ur­teils­ver­kün­dung sprach ich dann jeweils schon Klartext, wenn ich vorher während der Verhandlung brandschwarz angelogen worden war, oder den Beschuldigten ermahnte, sich künftig korrekt zu verhalten.

Einer Ihrer letzten Fälle war die Entlassung des schweizweit bekannten Bankräubers Hugo Portmann. War das Ihr grösster Fall oder «nur» ganz normaler Alltag?
Alle Parteien waren sich einig, dass Hugo Portmann nach 35 Jah­ren aus dem Strafvollzug zu ent­lassen sei. Der Fall war insofern aus­ser­ge­wöhn­lich, da wir keine Straftat zu beurteilen hatten, sondern lediglich, ob eine Frei­las­sung möglich sei und die früher angeordnete Verwahrung damit nicht mehr vollzogen würde. Gestützt auf ein neues Gutachten haben wir dann so entschieden.

Neben sehr belastenden gab es bestimmt auch weniger einschneidende Verhandlungen. Was kommt Ihnen dabei in den Sinn?
Ich erinnere mich an ein Scheidungsverfahren, bei dem um die Zu­tei­lung der Krippenfiguren ge­stritten wurde. Diese mussten dann vom Gericht zugeteilt werden. Auch Nachbarstreitigkeiten, etwa wegen zu hoher Sträucher oder wegen Tannennadelflug, sind mühsam. Das Problem war hier meistens, dass die Parteien – anders als bei einer Kampf­scheidung – nach dem Pro­zess weiter neben­ein­an­der wohnen bleiben und die Wahrscheinlichkeit von weiteren Strei­tig­keiten daher gross ist.

Eine grundsätzliche Frage: Sind Recht und Gerechtigkeit für Sie dasselbe?
Nein. Sie sind nicht immer un­ter ei­nen Hut zu bringen, da diejenige Person, die etwas vom anderen fordert, dies beweisen muss, was häu­fig nicht gelingt. Häufig ist auch jede Partei subjektiv von ihrer eigenen Rechtsposition über­zeugt und objektiv sind beide Positionen möglich. Schlecht finde ich grundsätzlich die Tendenz des Gesetzgebers, alles, was in der Gesellschaft schief läuft, mit strafrechtlichen Sanktionsandrohungen lösen zu wollen. Das halte ich für eine ungute Entwicklung.

Sie äussern Vorbehalte am Gesetz­geber … sind Sie auch gegen­über Ihrer Zunft der Juristen selbstkritisch?
Ja. Ich habe zum Beispiel Mühe mit Anwälten, die das Auge für pragmatische Lösungen verlieren, und vor allem in Scheidungsverfahren jeden Zwischenentscheid an die Oberinstanz weiterziehen, und damit den Prozess jahrelang verzögern, obwohl­ dies für die Parteien nur viel kostet.

Meinen Sie, dass Sie zwar nicht vom rechtlichen, sondern vom menschlichen Standpunkt aus in den vielen Jahren zwischendurch einmal falsch entschieden haben?
(Überlegt lange). Kein Mensch ist fehlerfrei. Subjektiv konnte ich aber immer hinter meinen Entscheiden stehen, auch wenn die Ober­instanz später allenfalls zu einem anderen Ergebnis kam.

In Ihrer Arbeit als Bezirksrichter hatten Sie immer wieder mit den Medien zu tun. Wie erlebten Sie dieses Verhältnis?
Mit den meisten Medien hatte ich ein gutes Einvernehmen. Ich finde die Gerichtsberichterstattung wichtig, damit die Bevölkerung er­fährt, was ein Gericht entscheidet und wie es ein Urteil begründet.

Als Ihren Nachfolger hätten Sie sich eine andere Person gewünscht­. Sind Sie noch enttäuscht?
Beat Bloch war bereits mehr als neun Jahre Richter am Bezirksgericht Horgen, und ich weiss um seine grosse Kompetenz und Erfahrung. Zudem gehört er der gleichen politischen Partei – den Grünen – an wie ich. Bisher hatte jede Partei Anspruch auf Richterämter, die ihrer Stärke in der Bevölkerung entsprach. Gewählt wurde nun Tobias Wal­thert, welcher der GLP angehört. Das Volk hat entschieden, das muss ich akzeptieren.

Wie sieht Ihr Leben nach der Pensionierung aus?
Langweilig wird es mir sicher nicht: Ich freue mich auf etwas mehr Kultur, aufs Lesen, auf Sport und Reisen und auf ausgedehnte Jassturniere. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 15.01.2019, 14:25 Uhr

Zur Person

Bruno Derungs

Bruno Derungs war von 1990 bis 2018 Richter am Bezirksgericht Horgen. Der Oberriedner mit Wurzeln im Bündnerland ging in Chur zur Schule und studierte Rechtswissenschaften an der Universität in Zürich. 1982 schloss er das Studium ab. Nach Praktika beim Justiz- und Polizeidepartement Graubünden sowie beim Kantonsgericht Graubünden und freier Mitarbeit bei Rechtsanwalt Giu­sep Nay in Chur erwarb er 1984 das Anwaltspatent.

Zu seinen Aufgaben am Bezirksgericht Horgen gehörten neben der Rechtsprechung die Führung und Ausbildung junger Juristen: Dies waren Auditoren und über 50 Gerichtsschreiberinnen und -schreiber. Der 63-Jährige ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder. (vs)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben