Wädenswil

Nach Skandal um Tierversuche: Stiftung drückt sich vor Ethikregeln

Schockierende Bilder aus einem deutschen Labor haben Tierschützer aufgeschreckt und für Proteste gesorgt. Auftraggeber war unter anderem eine Wädenswiler Firma. Die Start-up-Stiftung Grow will trotzdem keine neuen Regeln.

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Blutende Hunde, in ihrem Todeskampf eingesperrt in einem Zwinger eines deutschen Tierversuchslabors. Die Bilder haben auch Wochen nach ihrer ersten Publikation in den Medien nichts von ihrer Grausamkeit verloren. Die Bilder von Affen, die an Kopf und Füssen in Halterungen fixiert sind, brennen sich ins Gedächtnis ein.

Mit einer versteckten Kamera hat eine Tierschutzorganisation die Missstände im deutschen Labor dokumentiert. Bild: PD

Tierschützer haben die Aufnahmen verdeckt im norddeutschen Labor LPT gemacht und im Oktober publiziert. Kunde von LPT war auch die Wädenswiler Firma Inthera Biosciences, die in der Krebsforschung tätig ist. Sie hatte Studien an Hunden der Rasse Beagle in Auftrag gegeben. Besonders brisant: Inthera hat ihren Sitz im Wädenswiler Start-up-Center Grow. Nebst Beratungsgesprächen profitiert Inthera von der Grow-Infrastruktur mit einfach zu mietenden Laborräumlichkeiten und dem direkten Kontakt zu anderen jungen Firmen im Start-up-Center. Die Stiftung Grow wird unter anderem auch von der Stadt Wädenswil mit einem Betriebsbeitrag unterstützt.

Ethikregeln im Stiftungsrat diskutiert

Entsprechend schockiert reagierte Grow auch auf die Bilder aus Norddeutschland. Solche Zustände erachtete Grow-Geschäftsführer Dolf van Loon damals für die gesamte Branche als «nicht akzeptabel». Dolf van Loon kündigte im vergangenen Oktober deshalb an, Grow wolle prüfen, ethische Grundsätze und Anforderungen an Partnerfirmen zu formulieren.

Die Firma Inthera hat ihren Sitz im Grow-Start-up-Center an der Einsiedlerstrasse in Wädenswil. Bild: ckn.

Nun ist das Ergebnis dieser Ethikdiskussion bekannt: Es passiert nichts. Grow-Stiftungsratspräsident Matthias Kaiserswerth sagt auf Anfrage dieser Zeitung, man habe das Thema ausführlich diskutiert. Man sei aber zum Schluss gekommen, keine schriftlichen ethischen Grundsätze und Anforderungen an die Partnerfirmen zu formulieren. «Es erscheint uns selbstverständlich, dass sich unsere Firmen an geltendes Schweizer Recht halten. Dort sind für die Forschung an Tieren und Menschen umfassende Gesetze und Ethikrichtlinien geschaffen worden», sagt der Stiftungsratspräsident. Würden Firmen Versuche im Ausland, wo schwächere Gesetze gelten könnten, durchführen, «so erwarten wir auch hier, dass sie sich an die bei uns gültigen ethischen Normen halten». Das thematisiere man auch in Gesprächen mit den Unternehmen.

Es ist einfach, sich der Verantwortung zu entziehen

Allerdings: Noch im Oktober hiess es vonseiten der Stiftung Grow, dass man mit festgesetzten Richtlinien eine offizielle Handhabe hätte, wie man mit Firmen umgehen könnte, die sich nicht an ethische Grundsätze halten. Kaiserswerth sagt heute dazu: «Eine Verletzung der offensichtlichen Grundregeln würde nicht nur bei uns, sondern vermutlich auch anderswo zu einer Beendung der Zusammenarbeit führen.»

Nur zeigt das Beispiel Inthera, wie leicht sich eine Firma aus der Verantwortung ziehen kann. Sie darf nämlich weiter unter dem Dach von Grow geschäften. «Inthera hat uns glaubhaft dargelegt, dass sie sich an die geltenden Gesetze gehalten hat. Daher hat sich kein weiterer Handlungsbedarf ergeben», sagt Kaiserswerth. Inthera selbst will sich nach wie vor nicht zu den Vorwürfen äussern und betont lediglich, man führe und plane derzeit keine Tierversuche bei LPT. Laut LPT finden derzeit überhaupt keine Tierversuche mit Affen, Hunden und Katzen im entsprechenden Labor statt.

Stadtpräsident sieht Nutzen für Wädenswil

Wie aber steht die Stadt, welche Grow finanziell unterstützt, zum Entscheid der Stiftung? Stadtpräsident Philipp Kutter (CVP), selber Stiftungsrat bei Grow, meint, Tierversuche seien hierzulande besonders streng geregelt: «Mir ist bewusst geworden, dass es vermessen wäre, für Wädenswil zusätzlich besondere Tierversuchsregeln zu formulieren.» Man müsste dann ja auch eigene Kontrollinstanzen einrichten, was nicht leistbar sei: «Der Stadtrat erwartet unverändert, dass sich die Grow-Firmen an Schweizer Gesetze halten und ethisch korrekt verhalten.»

Kutter erinnert daran, dass im sogenannten Life-Sciences-Bereich Tierversuche nach wie vor gesetzlich vorgeschrieben seien: «Wenn wir weiterhin Firmen ermöglichen wollen, in Wädenswil neue Medikamente zu entwickeln, müssen wir auch akzeptieren, dass sie innerhalb der gesetzlichen und ethischen Vorgaben Tierversuche vornehmen.» Diese Fokussierung von Grow sei nach wie vor richtig. «Dass darunter die Ausstrahlung von Wädenswil leiden könnte, befürchte ich nicht, im Gegenteil», sagt Kutter. «Bei uns werden Medikamente gegen schwere Krankheiten wie Krebs entwickelt. Das ist eine wichtige Aufgabe mit einem grossen gesellschaftlichen Nutzen.»

Tierschützer sind enttäuscht über Grow und Stadt

Bei der Tierschutzorganisation Animal Rights Switzerland ist man enttäuscht über die Reaktion von Grow. Die Tierschützer hatten im vergangenen Herbst in Wädenswil demonstriert und 18000 Unterschriften gegen Inthera gesammelt.

So demonstrierte die Tierschutzorganisation Animal Rights Switzerland gegen die Wädenswiler Chemie-Firma. Video: David Gonzalez.

Geschäftsleiter Pablo Labhardt sagt zu den jüngsten Entwicklungen: «Leitlinien hätten gezeigt, dass sich Grow seiner Verantwortung bewusst ist und Lehren aus dem Skandal gezogen hat. Wenn sich Grow keine Leitlinien gibt, ist der nächste Tierquälereiskandal nur eine Frage der Zeit.» Man fordere die Stiftung wie auch den Stadtpräsidenten auf, ihre Haltung noch einmal zu überdenken. Skandale um Tierversuche machten «Wädenswil nicht zu einem guten Forschungsstandort, sondern zum moralischen Schandfleck am Zürichsee».






Erstellt: 16.01.2020, 06:46 Uhr

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