Thalwil

Liebe zwischen Geigerzähler und Endzeitkulisse

An der Lesung im Kulturraum liess der preisgekrönte Autor Adolf Muschg seine Zuhörer an seinen Erfahrungen teilhaben, die ihn für seinen neuen Roman «Heimkehr nach Fukushima» inspiriert haben.

Adolf Muschg, von einer Grippe geschwächt, vermochte das Kulturraum-Publikum dennoch in seinen Bann zu ziehen.

Adolf Muschg, von einer Grippe geschwächt, vermochte das Kulturraum-Publikum dennoch in seinen Bann zu ziehen. Bild: Moritz Hager

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Bald acht Jahre ist es her: Eine Katastrophe, die die Welt den Atem anhalten liess. Am 11. März 2011 wurde das Atomkraftwerk Fukushima in Japan von einem Tsunami und einem Erdbeben zerstört, explodierte und setzte grosse Teile der Umgebung der gefährlichen radioaktiven Strahlung aus. «Das schreckliche an diesem Ereignis war seine Stille und seine Unabsehbarkeit», sagt Adolf Muschg an der Lesung seines neuen Romans «Heimkehr nach Fukushima» im Kulturraum Thalwil.

«Es herrscht eine merkwürdige Art der Normalität.»

«Die Reaktorkatastrophe schlug – anders als das Erdbeben und der Tsunami – keine grossen Wellen, sondern schlich sich langsam in unser Bewusstsein und hinterliess uns fassungslos und ratlos». Mittlerweile werden einstige Sperrzonen wieder aufgehoben und einige – wenn auch nicht viele – Menschen kehren zurück in ihre Dörfer.

«Es herrscht eine merkwürdige Art der Normalität», erzählt Muschg. Man könne die Folgen der Reaktorkatastrophe nicht sehen, riechen oder anfassen. «Man muss es wissen und wie viel man wissen muss, weiss man nicht.» Es sei eine seltsame Topographie der Unsicherheit. Eine Topographie, die Muschg als Kulisse benutzt für eine unglaubliche Liebesgeschichte.

Unsichtbare Katastrophe

Die Erzählung ist eine Mischung aus wahren Begebenheiten und Fiktion. Der in Männedorf wohnhafte Muschg besuchte das Gebiet um Fukushima vor einiger Zeit selbst zusammen mit seiner japanischen Frau. Seine Erlebnisse bilden die Grundlage seines Buches: «Als Geschichte ist es Literatur, aber als Erfahrung ist es real.»

«Heimkehr nach Fukushima» handelt von dem 62-jährigen Schweizer Architekten Paul Neuhaus, der ein angenehmes aber langweiliges Leben führt. Frisch verlassen folgt er der Einladung eines alten Freundes nach Japan. Die japanische Regierung möchte die Gebiete um den Reaktor wieder besiedeln, doch die Menschen haben Angst. Ein engagierter Bürgermeister will Neuhaus für eine Künstlerkolonie gewinnen und so ein Zeichen der Hoffnung setzen.

«Als Geschichte ist es Literatur, aber als Erfahrung ist es real.»

Zusammen mit seiner Übersetzerin Mitsu reist er in den Norden Japans, in das unsichtbar zerstörte Gebiet. Zwischen ihnen liegt der Geigenzähler, der immer wieder daran erinnert, dass die eigentlich malerische Landschaft vergiftet ist. Es treffen dort zwei Welten aufeinander: Die sichtbar schöne und die unsichtbar tödliche.

Diese Unsichtbarkeit einer Katastrophe, die irgendwann unweigerlich zur Verdrängung derselben führt, beschäftigt Muschg. Denn die Folgen der radioaktiven Strahlung sind wenig erforscht. Es werden Grenzwerte angegeben, die aber von Menschen gemacht sind und so auch von Menschen wieder angepasst werden können. Die japanische Regierung hält andere Strahlungswerte für harmlos als Umweltorganisationen wie Greenpeace. Und immer herrscht Unsicherheit.

Kunstwerk der Verzweiflung

Auf der Fahrt durch das verseuchte Gebiet begegnen Neuhaus und Mitsu immer wieder grossen «Sackkolonien», wie der Protagonist sie nennt. Die verstrahlte obere Erdschicht des Bodens wurde abgetragen und in grossen schwarzen Säcken verstaut, die sich nun über die Landschaft verteilen.

Ein «japanisches Kunstwerk der Verzweiflung». Auf dem Boden fangen wieder an Pflanzen zu gedeihen. Doch das, was gedeiht, ist vergiftet. Und doch vermag in gerade in diesem unsichtbar trostlosen Zustand – wie könnte es auch anders sein – eine Liebe zwischen dem Schweizer und der 25 Jahre jüngeren Japanerin aufzukeimen, die sich in abstrusen Liebesszenen auf verseuchtem Gebiet äussert.

«Das Buch ist ein Versuch, den Augenblick zu feiern», erklärt Muschg. Zwar von einer Grippe angeschlagen, versetzt er den Kulturraum für den Abend an einen anderen Ort. Plötzlich hat man das Gefühl selbst durch eine der verseuchten Zonen zu streifen und mitzuerleben, was man sonst nur von Fernsehbildern kennt. Es sind Erfahrungen, die Muschg sich nicht ausgedacht hat, sondern solche, die er selbst erlebt hat.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 17.02.2019, 18:08 Uhr

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