Sihlwald

In zwei Stunden um die Welt

Das Turbine Theater zeigte am Donnerstagabend erstmals die neue Eigenproduktion «In 80 Tagen um die Welt» als Freilichttheater im Sihlwald. Auch wer das Unerwartete erwartete, wurde überrascht.

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Die Welt sei geschrumpft, weil man jetzt zehn Mal schneller um sie herumreisen könne, witzelt ein englischer Gentleman im neuen Stück des Turbine Theaters. Für das Publikum fühlte es sich sogar an, als hätte die Truppe die Welt auf die Grösse eines handelsüblichen Globus zusammengedrückt und einmal kräftig in Bewegung gesetzt.Angenehm schwindelnd sass man am Donnerstagabend in der neuen Freilicht-Produktion «In 80 Tagen um die Welt» im Sihlwald scheinbar davor – und doch mittendrin.

Die Darsteller der Produktion nach dem Roman von Jules Verne rissen die Besucher des vollbesetzten Pavillons samt Cüpli und Wärmedecken mit von London über Bombay nach Hongkong, New York und zurück in den Sihlwald. Die Weltreise dauerte hier nur zwei Stunden; dem Publikum wurde eine hochkonzentrierte Dosis aus unzähligen Kostümen, Musik, Akrobatik, Witz und Spezialeffekten verabreicht.

Eine Lokomotive in der Sihl

Bei der Ankunft im verregneten Sihlwald trösteten zunächst warme Pommes, Kaffee und die familiäre Stimmung unter den Besuchern über das kühle, graue Wetter hinweg. Bereits zu Beginn der Vorstellung mummelte sich das durchmischte Publikum gerne in die bereitgelegten Decken. Ein bisschen Wärme spendete auch das orientalische Bühnenbild. Die Säulen des Holzpavillons waren mit arabischen Kacheln eingekleidet, auf den Rückwänden leuchteten geheimnisvolle Muster aus Landkarten und Ornamenten. Trotz Regen machte sich unter den Zuschauern ein bisschen Enttäuschung breit, dass hier von Freiluft kaum mehr etwas zu sehen und zu spüren war.

Das sollte sich nach dem zweiten Szenewechsel spektakulär ändern. Nachdem der penible englische Gentleman Phileas Fogg 20 000 Pfund darauf gewettet hatte, dass er eine Weltreise in nur 80 Tagen schaffe, machte er sich mit seinem schusseligen Diener auf den Weg und sprengte damit nicht nur die Grenzen der Vorstellungskraft seiner Zeitgenossen von Ende des 19. Jahrhunderts, sondern auch die Bühnenwände des Pavillons. Diese schoben sich wie ein Theatervorhang zurück und gaben den Blick auf eine dampfende Papp-Lokomotive frei, die die beiden nach Brindisi brachte. Im Hintergrund der Wald und die Sihl, der Regen rauschte – das Publikum antwortete mit einem begeisterten Szeneapplaus.

Emotionale Achterbahnfahrt

Immer wieder überraschten das schlichte aber raffinierte Bühnenbild und die Schauspieler inihren vielfältigen Rollen. Die Sihl wurde zwischendurch zum chinesischen Meer, das gegenüberliegende Ufer zum Schauplatz eines rituellen Opfers und die Bühne zum indischen Markt. Die Zuschauer waren sich mit den schnellen Wechseln von einer Opium-Höhle in Hongkong zu einem politischen Protest in San Francisco oder einer Zirkusnummer mit Akrobatik nicht mehr sicher, ob die ganze Welt gerade in den Pavillon des Besucherzentrums gequetscht wurde, oder ob dieser zur Zeitkapsel wurde, in der man mit den Schauspielern tatsächlich um die Welt reiste.

Der Abend stand durch und durch unter dem Motto Transformation, die auch das Publikum mitmachte. Die Schlagabtäusche zwischen dem dümmlichen Diener und dem teuflisch-gewitzten Detektiv, der den Weltenbummlern die gesamte Reise hindurch irrtümlicherweise auf den Fersen war, sorgten für laute Lacher, die Action-Szenen mit kreischenden Kriegern liessen die Herzen schneller schlagen und die kalte Regenluft von draussen gemischt mit den Raucheffekten spülte die Zuschauer scheinbar mühelos von einer Emotion in die nächste. Der Abend endete mit standing ovations und einem berauschten Publikum, das begeistert in den mittlerweile stockdunkeln Wald strömte.

«In 80 Tagen um die Welt» vom 5. bis 29. Juli im Besucherzentrum Sihlwald. Vorverkauf unter www.turbinetheater.com. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 06.07.2018, 16:38 Uhr

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