Bezirksgericht Horgen

«Ich war spät dran und wollte nach Hause.»

Ein 30-Jähriger fuhr an einem Mittwochnachmittag doppelt so schnell als erlaubt durch Thalwil. Seine Begründung ist bemerkenswert banal. Der Gerichtsvorsitzende hofft, dass der Italiener zumindest etwas gelernt hat.

Das Bezirksgericht Horgen verurteilte einen Raser zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 12 Monaten.

Das Bezirksgericht Horgen verurteilte einen Raser zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 12 Monaten. Bild: Patrick Gutenberg

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Ein unbeteiligter Beobachter würde kaum erahnen, dass gerade über eine einjährige Freiheitsstrafe entschieden wird. Vor dem Gerichtssaal diskutiert der Beschuldigte, ein 30-jähriger Koch aus Italien, mit seiner Anwältin über das Kochen und Zubereitungsarten. Findet sie ein Wort nicht, hilft die Italienisch-Dolmetscherin. Der sportlich gekleidete Beschuldigte wirkt locker. Gut, das Verfahren ist abgekürzt. Er weiss also bereits, was ihn erwartet, da der Staatsanwalt und seine Verteidigerin sich auf einen Urteilsvorschlag geeinigt haben. Die Horgner Bezirksrichter müssten schon sehr grosse Zweifel am Vorschlag haben, um diesen zurückzuweisen.

Mit Tempo 100 geblitzt

Es ist schon vor der Verhandlung klar, dass er als Raser verurteilt wird. Mit genau 100 Kilometern pro Stunde wurde der Mann im Oktober 2018 geblitzt. Tatort war die Tischenloostrasse in Thalwil. Die Strecke vom Oeggisbüelkreisel bis zum Standort des Radars ist kurz. Er habe halt etwas beschleunigt, gibt der Beschuldigte vor Gericht an. Warum? «Ich war spät dran nach der Arbeit, wollte nach hause», sagt er ohne mit der Wimper zu zucken. Zuhause ist der Italiener in der Innerschweiz.

Damals arbeitete er noch in Horgen. Mitten am Tag fuhr er durch Thalwil, ausgerechnet an einem schulfreien Mittwochnachmittag, wie der Vorsitzende Richter festhält. Die Strecke sei ja schon eine Hauptstrasse, aber dennoch ein Wohngebiet, gibt er zu bedenken. Das Altersheim Serata befindet sich in unmittelbarer Nähe. Nicht auszudenken, was hätte passieren können, wenn der Wagen ausgebrochen wäre oder jemand die Strasse überquert hätte.

«Ich war spät dran nach der Arbeit, wollte nach Hause.»Begründung des Angeklagten

Sehr einsichtig schien der Beschuldigte nach der Raserfahrt nicht zu sein. Wenige Tage nachdem ihm der Führerausweis auf unbestimmte Zeit entzogen worden war, erwischte ihn die Polizei im Dezember 2018 im Hirzel am Steuer seines Wagens. Und auch den Termin um das Billett beim Strassenverkehrsamt abzugeben, verpasste er. Mittlerweile arbeitet der Koch näher an seinem Wohnort. Sicher keine schlechte Idee, da er mindestens zwei Jahre lang nicht Auto fahren darf. Bestraft wird er mit der Minimalstrafe für Raser – 12 Monate Freiheitsstrafe bedingt. Ins Gefängnis muss er also nicht, wenn er sich in den nächsten zwei Jahren nichts zuschulde kommen lässt. Für die weiteren Delikte setzt es eine bedingte Geldstrafe von 10 mal 100 Franken ab sowie eine zu zahlende Busse von 300 Franken. In seinem Schlusswort sagt der 30-Jährige er habe jetzt schon so oft um Verzeihung gebeten. Mehr kommt ihm nicht über die Lippen. Worauf ihm der Richter bescheidet, um Verzeihung zu bitten sei gar nicht nötig. «Wichtig ist, dass Sie etwas aus Ihrer Tat lernen», sagt er. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 10.04.2019, 11:34 Uhr

Aufgefallen

Von verrückten Rasern

Gerichtsdolmetschern gebührt grösster Respekt. Sie müssen nicht «nur» übersetzen, sondern auch noch die nicht immer leicht verständliche Juristensprache in zwei Sprachen kennen. Oder die Juristensprache so übersetzen, dass es auch normale Menschen verstehen. Am Prozess gegen den rasenden Italiener am Bezirksgericht hatte die sonst souveräne Dolmetscherin sichtlich Mühe mit einem Ausdruck, der eine Mischung aus Alltagssprache und Juristendeutsch ist - dem «Rasertatbestand». Nach einiger Überlegung sagte sie dem Beschuldigten er habe gegen den «Articulo su quelli che corrono come pazzi» verstossen. Zu deutsch: Der Artikel über diejenigen, die wie Verrückte fahren. Spätestens jetzt dürfte dem 30-Jährigen klar geworden sein, wie gravierend sein Vergehen war.

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