Thalwil

Heizen mit Seewasser: Was passiert mit dem Zürichsee?

Über 100 Liegenschaften im Zentrum von Thalwil könnten schon bald mit Seewasser geheizt werden. Ein Gewässerphysiker erklärt die Folgen eines solchen Projekts.

Die Pumpstation, die dem See Wasser für den Energieverbund Zentrum entnähme, würde unter diesem Parkplatz erstellt.

Die Pumpstation, die dem See Wasser für den Energieverbund Zentrum entnähme, würde unter diesem Parkplatz erstellt. Bild: Archiv Manuela Matt

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Es klingt nach viel: Etwas mehr als 100 Liegenschaften im Zentrum von Thalwil könnten schon bald mit Seewasser geheizt werden. Vorausgesetzt, der Energieverbund Zentrum, den die Gemeinde gemeinsam mit der Energieleisterin Energie 360° plant, stösst auf genügend Interesse. 2800 Tonnen CO2 könnte die Gemeinde damit jährlich einsparen.

Im gesamtschweizerischen Vergleich erscheinen diese Zahlen plötzlich bescheidener. Ensteht doch zum Beispiel in Luzern-Süd eine Anlage, die mit Wasser aus der Horwer Bucht des Vierwaldstättersees 6800 Haushalte heizen und kühlen wird. Eine ähnlich dimensionierte Anlage entsteht im Kanton Zug. Sie wird dereinst weniger Wohnungen, dafür mehr Betriebe beliefern.

Auch wenn die Zürcher Gemeinden diesbezüglich kleinere Brötchen backen: Die schiere Anzahl der Anlagen, die mit Seewasser heizen und zum Teil auch kühlen, ist beeindruckend. In den beiden See-Bezirken und der Stadt Zürich gibt es, Stand 2018, je 15 davon. Die jüngst entstandenen mitgerechnet – wie jene des Hotels Alex in Thalwil –, sind es aktuell deren 50.

Die grosse Frage bei all dem ist: Was bedeutet dieser Trend für das Ökosystem Zürichsee? Geht dem See irgendwann der Sauerstoff aus, wenn immer mehr auch wärmeres Wasser zurückgeleitet wird, das zum Kühlen gebraucht wurde?

«Thalwil wäre im Vergleich immer noch eine kleine Anlage»
Alfred Wüest, Gewässerphysiker beim Eidgenössischen Wasserforschungsinstitut (Eawag)

Alfred Wüest, Energie 360° plant in Thalwil einen Energieverbund. Bis zu 110 Liegenschaften könnten mit Seewasser beheizt und gekühlt. Wie schätzen Sie dieses Projekt ein?
Ich würde mir wünschen, alle Projekte, die mit Seewasser heizen oder kühlen wollen, würden in diese Richtung gehen. Bis jetzt sind am Zürichsee, abgesehen von der Stadt Zürich, wo es bereits vier Seewasserverbunde gibt und für die Innenstadt entlang der Sihl ein fünfter geplant ist, vor allem Einzelprojekte realisiert worden. Das Ziel müssen aber grössere Anlagen sein, mit wenigen grossen statt vielen kleinen Rohrleitungen in den See. Denn jede Leitung, die erstellt wird, bedeutet einen Eingriff in das Ökosystem des Sees.

Mehr als 100 Liegenschaften klingt nach viel.
Thalwil wäre im Vergleich immer noch eine kleine Anlage. In Luzern-Süd entsteht zurzeit eine, die mit Wasser aus der Horwer Bucht des Vierwaldstättersees 6800 Haushalte heizen und kühlen wird. All diese Kunden werden an einer einzigen Seefassung hängen. In Zug entsteht die ähnlich grosse Anlage Circulago, die weniger Wohnungen, dafür mehr Betriebe beliefert.

Sie scheinen der Ansicht zu sein, dass die Grösse solcher Projekte ein Vorteil ist.
Grössere Anlagen bedeuten weniger Eingriffe in das Ökosystem See, sie können professioneller betrieben werden – so muss man sich zum Beispiel keine Sorgen machen, dass irgendwo Kühlmittel das Seewasser verunreinigen könnten. Zudem lassen Verbunde sowohl Wärme als auch Kälte nutzen. Und je grösser die Verbunde, desto wirtschaftlicher können sie betrieben werden. Denn die Investitionen sind gross, circa 100 Millionen bei den beiden Innerschweizer Projekten.

Wie schätzen Sie das Potenzial des Zürichsees für die Gemeinden ein?
Das Potenzial der Gemeinden ist sehr gross für alle Gebiete, die nicht weiter als einen Kilometer vom See liegen. Was weiter weg liegt, verlangt lange Leitungen und wird entsprechend teurer.

Auch höher liegende Quartiere sind wahrscheinlich nicht unbedingt geeignet.
In höher liegenden Quartieren muss man natürlich entsprechend pumpen, was sich in den Kosten niederschlägt. Aber in der Stadt Zürich sind mit dem Spitalgebiet Balgrist und dem Uni- und ETH-Quartier zwei höher gelegene Projekte in Planung.

Das Wasser, das zum Kühlen verwendet wird, fliesst zum Teil wärmer oder kälter zurück in den See. Welchen Einfluss hat diese Temperaturdifferenz auf das Ökosystem See?
Da kann man getrost sagen: für das Thalwiler Projekt praktisch keinen. Der Zürichsee hat eine Fläche von gut 65 Quadratkilometern und ist bis 136 Meter tief. Wird um wenige Grad wärmeres Kühlwasser zurückgeleitet, verändert sich die Wassertemperatur in der direkten Umgebung um wenige Zehntelgrad. In 20 Metern Abstand ist das kaum mehr messbar. Organismen erfahren natürlicherweise viel grössere Schwankungen. Zudem fliesst Wasser, das zum Heizen verwendet wurde, kühler zurück. Das ist sogar ein gewünschter Effekt in Anbetracht des Klimas.

Trotzdem: Gibt es Erfahrungen, wie sich thermische Verunreinigungen von Gewässern auf die Ökologie auswirken?
Nicht in der Schweiz. Aber in Deutschland. Der Stechlinsee in Brandenburg wurde von 1966 bis 1989 für die Kühlung des Kernkraftwerks Rheinsberg genutzt. Das Wasser wurde um rund 10° Celsius wärmer in den See zurückgeleitet. Dadurch wurde der See im Mittel um1° Celsius erwärmt.

Welche negative Auswirkungen hatte das?
Negative Auswirkungen zeigten sich im Sommer, wenn das zurückgeleitete Wasser sehr warm war. Die Untersuchungen zeigten auch, dass die Veränderungen der Lebensgemeinschaften nicht zweifelsfrei der Erwärmung um 1° Celsius zugeschrieben werden konnten. Das ist nicht ganz überraschend, denn andere Einflüsse spielten gleichzeitig mit. Heute hat sich der Stechlinsee komplett erholt, seine Wasserqualität ist ausgezeichnet.

Können Sie beziffern, ab wie vielen Anlagen der Zürichsee ein Problem bekommen könnte?
Für die Temperaturänderung spielt die Zahl der Anlagen keine Rolle, sondern ihre gesamte Wärmeleistung. Wir haben berechnet, dass alle Haushalte um den Zürichsee, für welche die Nutzung wirtschaftlich interessant ist, mit Seewärme versorgt werden könnten, ohne den See zu überfordern.

Erstellt: 14.02.2020, 15:06 Uhr

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