Kilchberg

Hausärzte finden Notfallpraxis überflüssig

Hausärzte der Zimmerbergregion halten die geplante Notfallpraxis beim See-Spital für unnötig. Das Spital hingegen spricht von einem Versorgungsengpass, der sich anbahne.

Stolz präsentierten die Vertreter des Seespitals ihre Pläne für die Notfallpraxis. Sie haben damit den erbitterten Widerstand der Hausärzte geweckt.

Stolz präsentierten die Vertreter des Seespitals ihre Pläne für die Notfallpraxis. Sie haben damit den erbitterten Widerstand der Hausärzte geweckt. Bild: Archiv Sabine Rock

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Um den Schnitt in der Hand oder hartnäckigen Husten zu behandeln, sollen Einwohner der Zimmerbergregion ab nächstem Sommer die Walk-In-Praxis in Kilchberg aufsuchen können. Hier werden sie ohne Voranmeldung behandelt. Diese Idee stellte die Leitung des See-Spitals vergangene Woche Ärztevertretern vor.

Bei der Informationsveranstaltung kündigte Lorenzo Marazzotta, Stiftungsratspräsident des See-Spitals, an, die Walk-In-Praxis könne mit den Hausärzten zusammenarbeiten und sie entlasten.

Auf dieses Angebot seien die Hausärzte der Region Zimmerberg und des Sihltals aber nicht angewiesen. Dies teilt Simon Otth, Hausarzt in Horgen und Verwaltungsratspräsident des Ärztenetzwerks ZimDoc mit. Er spreche im Namen der geschlossenen Ärzteschaft, sagt Otth: «Im Bezirk Horgen sind alle Hausarztpraxen besetzt und die Praxisvertretungen organisiert.» Die Belastung durch den Notfalldienst sei gering und der Hausärztemangel in der Region nicht bedrohlich. «Es braucht keine neuen Praxen mehr», sagt Simon Otth. Eine Walk-In-Praxis sei nicht notwendig.

Otth kritisiert: «Das See-Spital hat in seiner Argumentation spitalinterne Bedürfnisse zu Bedürfnissen der Hausärzte gemacht.» Unter dem Deckmantel «Hausärztemangel», den Hausärzten helfen zu wollen, ziele das Spital wie andere Player im Gesundheitswesen offensichtlich darauf ab, einen Teil des Kuchens abzubekommen.

Eine Konkurrenz sei die Walk-In-Praxis für die Hausärzte aber nicht, sagt er: «Ich nehme nicht an, dass die Hausärzte um Kilchberg substantielle finanzielle Einbussen haben werden, denn die Praxen sind gut etabliert.»

Was die Konkurrenzsituation betrifft, stimmt Lorenzo Marazzotta dem Horgner Hausarzt Simon Otth zu: Die bestehenden Praxen hätten keine Einbussen zu befürchten. Sie seien durchs Band stark bis sehr stark ausgelastet, hält Marazzotta fest.

In der Notfallstation im See-Spital Horgen, aber auch direkt in Kilchberg, wo es heute noch keine Notfall-Einrichtung gibt, melden sich zahlreiche Patienten direkt. «Diese Situation wird sich allein aufgrund des starken Wachstums der umliegenden Gemeinden weiter verschärfen», argumentiert er. «Diesem Engpass wollen wir mit der Walk-In-Praxis entgegenwirken.» Lorenzo Marazzotta sagt, die Walk-In-Praxis werde unter anderem gegründet, um die Innere Medizin am Standort Kilchberg zu stärken. Das See-Spital in Kilchberg ist heute ein reines Belegarzt-Spital. Die Ärzte der Walk-In-Praxis werden auch zur internen internistischen Versorgung der zunehmend mehrfach erkrankten, stationären Patienten herangezogen.

Adrian Müller, Präsident der Horgner Bezirksärztegesellschaft, sieht dies anders. Das See-Spital benötige ohnehin eine ärztliche Präsenz für die Innere Medizin. Um diese Person auszulasten, teile ihr das Spital mit der Walk-In-Praxis weitere Aufgaben zu. Mit der Walk-In-Praxis würden nicht Kosten gespart, wie das See-Spital argumentiere. Im Gegenteil, sie sei ein Kostentreiber. Denn im Grunde ginge es dem See-Spital darum, über die Walk-In-Praxis zu neuen Patienten zu kommen, die es den spitalinternen Spezialisten zuweisen könnte. Dies wäre aber viel teurer, als wenn die Hausärzte die Patienten behandeln würden, sagt er. Die Walk-In-Praxis sei nicht nötig und der Standort in Kilchberg ganz schlecht, da er mit dem öffentlichen Verkehr schlecht erschlossen sei.

Studie belegt Bedarf

Der Kritik, eine Notfallpraxis sei überflüssig, entgegnet Marazzotta mit einer Studie. Das Institut für Gesundheitsökonomie der ZHAW in Winterthur habe allein aus den Gemeinden Kilchberg, Adliswil und Rüschlikon ein Potenzial von über 13 000 Fällen pro Jahr ermittelt. Zwei Drittel davon seien Einwohner ohne Hausarzt. Rund ein Drittel aus zusätzlichen Notfallkonsultationen. Dieser Wert übersteige um ein Mehrfaches die Fallzahl für einen wirtschaftlichen Betrieb. «Schon aus diesem Grund besteht für die bestehenden Hausarztpraxen kein Grund zur Sorge», sagt der Stiftungsratspräsident. Das See-Spital übernehme schon heute Hausarzt-Vertretungen. Im laufenden Jahr seien Anfragen im Umfang von 42 Wochen, also fast einer ganzen Arztstelle, an das See-Spital gelangt.

Simon Otth stellt die Situation anders dar: «Es gibt einen hervorragend organisierten regionalen Notfalldienst. Patienten, die ohnehin nicht stationär aufgenommen werden, soll das Spital an die diensthabende Praxis weiterleiten, wenn sie sich telefonisch anmelden. Gerade auch jüngere Patienten und Expats schätzten einen Hausarzt. Diese Praxen nähmen gerne Patienten auf.

Zulieferer verärgert

Simon Otth kann sich vorstellen, dass sich das Verhalten des See-Spitals auch auf die Zuweisungen auswirken könnte. Immerhin seien die Hausärzte wichtige Zulieferer von Patienten ans Seespital. Er habe bereits Reaktionen erhalten, dass gewisse Hausärzte künftig lieber andere Institutionen berücksichtigen wollen, sagt Otth. Er betont, dass die momentanen Meinungsunterschiede die gute Beziehung zur Ärzteschaft des See-Spitals nicht unnötig belasten sollten.

Vorerst wollen die Hausärzte es bei dieser Stellungnahme belassen, konkrete Aktionen sind nicht geplant. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 07.11.2017, 14:30 Uhr

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