Verkehr

«Gemeindekarte ist Einsteigekarte zum öffentlichen Verkehr»

ÖV-Experte Kurt Schreiber hält die geplante Abschaffung der SBB-Gemeindekarte für kontraproduktiv. Die Karte habe sich bewährt und solle weiter erhältlich sein.

Die ÖV-Branche wälzt Pläne zur Abschaffung der Gemeinde-Tageskarte, weil sie die 2017 lancierte Sparkarte konkurrenziert.

Die ÖV-Branche wälzt Pläne zur Abschaffung der Gemeinde-Tageskarte, weil sie die 2017 lancierte Sparkarte konkurrenziert. Bild: Keystone

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Kaum einer weiss besser, was die Bahnkunden wollen, als Kurt Schreiber. Der Wädenswiler Alt-Kantonsrat (EVP) hat sich kommunal, kantonal und national für die Förderung des öffentlichen Verkehrs eingesetzt. Er war von 2011 bis 2017 Präsident von Pro Bahn Schweiz, der Interessenvereinigung der Benutzer des öffentlichen Verkehrs.

Kurt Schreiber, woher weht der Wind, wenn die ÖV-Branche die SBB-Gemeindekarte abzuschaffen gedenkt?
Es ist nicht einfach, eine Windrichtung auszumachen – die Gemeindetageskarten sind im Vergleich zum normalen Tarif ausserordentlich günstig. Es geht offensichtlich darum, die Ertragssituation bei den ÖV-Unternehmen und bei den Verkehrsverbünden zu verbessern, weil dies auch von kantonalen Parlamenten so gefordert wurde. Dem ZVV wurde beispielsweise vorgegeben, einen Kostendeckungsgrad von 70 Prozent anzustreben.

Was halten Sie davon?
Zum einen finde ich diesen Schritt kontraproduktiv, zum anderen habe ich doch ein gewisses Verständnis für diese Massnahme und könnte mir eine moderate Preiserhöhung vorstellen.

Welche Bedeutung hat die SBB-Gemeindekarte für die Kundinnen und Kunden des öffentlichen Verkehrs?
Für mich ist es die Einsteigekarte zum öffentlichen Verkehr schlechthin. Gerade Leute, die kein Halbtax-Abonnement besitzen, werden durch die hohen Einzelfahrpreise abgeschreckt und nehmen das Auto.

Gibt es einen Verbesserungs- oder Anpassungsbedarf der SBB-Gemeindekarte?
Nein, sie haben sich bewährt und sollen weiterhin erhältlich sein.

Ist die Sparkarte ein valabler Ersatz für die Gemeindekarte?
Sie bewegt sich zwar im Kostenrahmen der Gemeindetageskarte, hat aber den Nachteil, dass sie weit im Voraus und erst noch über elektronische Kanäle bestellt werden muss. Menschen ohne Computer und Handy sind von dieser Dienstleistung ausgeschlossen, was nichts anderes als eine grobe Diskriminierung darstellt.

Sie haben aber auch von einem gewissen Verständnis für die Diskussion und von einer moderaten Preiserhöhung gesprochen. Worauf bezieht sich das?
Tatsächlich sind die gegenwärtigen Preise für ein Generalabonnement zu tief, und die damit generierten Erträge decken die Kosten bei weitem nicht. Auf der anderen Seite sind die Preise für normale Billette viel zu hoch. Fährt jemand mit einem normalen Billet von Wädenswil nach Bern und wieder zurück, kostet dies 112 Franken. Dabei sind der Bus in Wädenswil und das Tram in Bern nicht inbegriffen. Wird für die gleiche Strecke das GA 2. Klasse für 3860 Franken pro Jahr genutzt, kostet dies bei 100 Fahrten im Jahr 38.60 Franken, was einem Rabatt von 65 Prozent entspricht. Dabei sind Bus und Tram inbegriffen. Von diesem Standpunkt aus gesehen, ist die angedachte Preiserhöhung durchaus verständlich. Andersherum gedacht, sind die Einzelfahrpreise exorbitant hoch, derweil ein grosser Teil der GA-Inhaberinnen und -Inhaber von hohen Rabatten profitiert.

Was fordern Sie aus Sicht der Interessen der Bahnkunden?
Mit einer Anpassung der GA-Preise nach oben muss auch eine Anpassung der normalen Fahrpreise nach unten einhergehen. Ausserdem muss sichergestellt werden, dass alle Menschen – mit oder ohne Digitalanschluss – gleichermassen von Spezialangeboten profitieren können. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 17.05.2019, 10:43 Uhr

Kurt Schreiber, ehemaliger Präsident Pro Bahn Schweiz. (Bild: pd)

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