Wädenswil

Ein Seebueb am Hindukusch

Roman Giger hat einen Dokumentarfilm über Afghanistan gedreht. Der gebürtige Wädenswiler zeigt lachende Kinder statt kriegsgebeutelte Gemeinschaften.

Roman Giger (mit Brille) in Afghanistan mit den Waisenkindern, die von der Afghanistanhilfe unterstützt werden.

Roman Giger (mit Brille) in Afghanistan mit den Waisenkindern, die von der Afghanistanhilfe unterstützt werden. Bild: PD

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Die massiven Nischen, in denen während hunderten von Jahren die riesigen Buddha-Statuen von Bamiyan standen, bis zu jenem Moment als die Taliban sie im März 2001 zerstörten. Frauen, die in blaue Burkas gekleidet, über den Markt eilen. Solche Bilder und die Geschichten, die sie erzählen, sind typisch für Berichte über Afghanistan. Sie sind auch im Film des gebürtigen Wädenwilers Roman Giger zu sehen, doch sein erklärtes Ziel mit «Inside Afghanistan», ist es, die unbekannten Seiten des Landes am Hindukusch zu zeigen, jenseits von Klischees. Sein Dokumentarfilm, über seine Reise durch das Land, ist zurzeit in ausgewählten Kinos zu sehen.

«Mein Ziel war es, meine Beziehung zum Land und den Menschen zu normalisieren.»
Roman Giger, Regisseur

Dass der Film entstanden ist, sei reiner Zufall, erklärt Giger. Seit 2013 ist er beim Schweizer Hilfswerk Afghanistanhilfe tätig und immer wieder für einige Wochen nach Afghanistan gereist. 2018 entschied er sich, einen längeren Aufenthalt zu wagen. «Ich wollte herausfinden, weshalb dieses Land mich so stark berührt.» Vor allem seine Begegnungen mit den Kindern aus den Waisenheimen, welche die Afghanistanhilfe unterstützt, seien ihm nahe gegangen. «Mein Ziel war es, meine Beziehung zum Land und den Menschen zu normalisieren.» Das sei zu einem gewissen Grad auch aus Selbstschutz nötig gewesen. Als Mitarbeitender eines Hilfswerkes sei es nötig, Distanz wahren zu können, um seine Arbeit professionell auszuführen.

Den Familienalltag erleben

Doch die zwei Monate, die er in Afghanistan verbrachte, hatten den gegenteiligen Effekt: Seine Bindung zum Land ist viel stärker geworden. Dies vor allem auch aufgrund der Zeit, die er bei den Waisenkinder in Sang-e-Masha verbrachte. Der Ort liegt in der östlichen Provinz Ghazni. Dort lebten Roman Giger und seine damalige Freundin Huma Butt den Alltag mit den Mädchen, die dort untergekommen sind. «Ich durfte quasi am Familienalltag teilnehmen. Gerade als Mann ist das besonders.» Er habe zum Beispiel bei den Tanzlektionen dabei sein dürfen, eine Ehre die nicht einmal dem Leiter des Waisenhauses zuteil wurde.

Video: Der Trailer zu Gigers Dokumentarfilm «Inside Afghanistan»

Diese und ähnliche Szenen sind im Film zu sehen, denn zu diesen Zeitpunkt hatte sich Giger bereits entschieden, «die Kamera überall draufzuhalten», wie er sagt. Er war vom Leiter der Afghanistanhilfe angefragt worden, ob er für das 30-Jahre Jubiläum der Organisation zwei kurze Filme drehen könnte. Als er wieder Zuhause war, merkte der gelernte Ingenieur allerdings, dass er genug Material für einen längeren Dokumentarfilm hatte. Insgesamt waren es zwei Terabyte an Daten, was etwa den Speicherkapazitäten von acht Laptops entspricht.

Giger hat denn auch in die Nachbearbeitung seines Filmes, also das Zusammensetzen der Aufnahmen, circa 750 Stunden investiert, wie er schätzt. «Da war auch viel Ausprobieren dabei.» Er hatte vorher nur beschränkt mit Schnittprogrammen gearbeitet. Heute ist er als Fotograf und Filmer für eine Reisefirma in Kambodscha tätig.

Auf der Flucht vor der Polizei

Er sei in Afghanistan immer freundlich aufgenommen worden, erzählt der Filmemacher. «Die unglaubliche Gastfreundschaft in Afghanistan und in muslimischen Ländern allgemein beeindruckt mich sehr.» Davon könnten sich die Schweizer seiner Meinung nach eine Scheibe abschneiden. Im Film ist immer wieder zu sehen, wie Giger und seine Freundin eingeladen werden, mit ihren Gastgebern zu essen oder einen Tee zu trinken. Dies auch wenn sie selbst in kargen Umständen leben.

Die atemberaubenden Landschaftsaufnahme hatte die Giger mit einer Drohne geschossen. Bild: PD.

Es gab jedoch auch einige brenzlige Situationen. Giger hatte neben zwei Kameras auch eine Drohne dabei, die er fliegen liess, um schöne Landschaftsaufnahmen zu machen. Als er in verbotenen Gebieten Aufnahmen machte, musst er vor der Polizei davonrennen, «Meine Begleiter sind ganz schön nervös geworden.» Dies auch als er bei den Band-e-Amir Seen, in der Provinz Bamiyan filmte. Drohnen dürfen dort nicht eingesetzt werden, doch Giger wollte die Kette der strahlend blauen Seen für seinen Film einfangen.

Schutz der Protagonisten

Es sind solche schönen Landschaftsbilder, welche die Zuschauer überraschen würden, freut sich Giger. «Auch die vielen lachenden Kinder und Frauen sind für das Schweizer Publikum unerwartet.» Genau solche Reaktionen hat er sich erhofft. Dennoch kommen im Film auch die schwierigen Seiten Afghanistans vor: die teilweise extreme Armut und natürlich die stetig präsente Bedrohung durch die Taliban. Daher gibt Giger die Namen der afghanischen Protagonisten im Pressematerial für den Film nicht an und möchte ihn auch nicht online verfügbar machen. «Gerade für die jungen Mädchen könnte die Teilnahme am Film sonst einmal negative Folgen haben.»

Zum Schutz vor den Taliban werde im Film die Namen der Protagonisten nicht genannt. Bild: PD.

Doch der Film brachte den Kindern auch Freude. Der Regisseur hat ihnen letztes Jahr eine erste Fassung von «Inside Afghanistan» gezeigt, die sehr gut ankam. Giger wird auch weiterhin nach Afghanistan und zu den Kindern reisen, denn als Therapie zum Loslassen hat der Film gar nicht funktioniert.

«Inside Afghanistan» wird am 16. Februar um 11 Uhr im Schlosskino gezeigt. Roman Giger führt in den Film ein und steht anstehend für Fragen zur Verfügung.





Erstellt: 14.02.2020, 14:40 Uhr

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