Fusion

Ein Beitrag zur Völkerverständigung

Die Hüttner besetzen im Postauto die besten Plätze. Die Wädenswiler streiten sich um Kirchenbänke. Und die Schönenberger haben sich der Fusion stärker widersetzt als ihre Tirggel dem Verzehr. Wie können so unterschiedliche Kulturen geeint werden? Es gibt eine Lösung.

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Dieser Beitrag zur Verständigung der Kulturen von Wädenswil, Schönenberg und Hütten beginnt mit einem Zitat von Johann Wolfgang von Goethe. «Knurre nicht Pudel. Wir sind gewohnt, dass die Menschen verhöhnen, was sie nicht versteh’n». Da Goethe immer recht hat, muss man folgende Schlussfolgerung ziehen: Die zähen Schönenberger, die forschen Hüttner und die streitbaren Wädenswiler müssen einander verstehen lernen. Kennen sie ihre Eigenarten und Gemeinsamkeiten, dann müssen sie und ihre Pudel sich nicht mehr anknurren.

Wer also sind die Wädenswiler, die Schönenberger und die Hüttner? Wie das historische Lexikon der Schweiz belegt, waren die Wädenswiler schon immer ein wenig aufmüpfig. Sie verweigerten den Zürcher Herren wiederholt Steuerzahlungen, machten Aufstände und zettelten 1804 den Bockenkrieg an. Die Steuer jedoch blieb. Wie jüngere Ereignisse belegen, veranstalten die Wädenswiler auch heute noch gerne Aufstände. Einen Zwist, wie oft die Glocken der reformierten Kirche läuten dürfen, zogen sie gar bis vor Bundesgericht. Vergangenes Jahr stritten sie, ob 16 Bankreihren aus der reformierten Kirche entfernt werden dürfen oder nicht und momentan liegen sie sich mit dem Kanton Zürich in den Haaren, weil er beim Feldbeck einen Zebrastreifen entfernt hat.

Doch die Wädenswiler sind nicht nur streitbar, sie sind auch grosszügig und haben die Berggemeinden mit einer Zustimmung von 69 Prozent aufgenommen. Diese Grosszügigkeit war jedoch nicht uneigennützig, wie wir hier und jetzt aufdecken. Diverse Zeichen deuten darauf hin, dass die Stadt Wädenswil in aller Heimlichkeit grosse Pläne schmiedet. Zeichen Nummer 1: Wädenswil fusioniert ohne erkennbaren Nutzen und nähert sich flächenmässig der Stadt Zürich an. Zeichen Nummer 2: Der Stadtrat bemüht sich übereifrig, die Forschungsstätte Agroscope in Wädenswil zu halten und ein Gymi anzusiedeln, um Zürich als Bildungsstandort auszustechen. Zeichen Nummer 3: Diverse lokale Exponenten machen im Kantonsrat Stimmung für Wädenswil. Stadtpräsident Philipp Kutter positioniert sich im Nationalrat, womöglich bald im Bundesrat, um sich starkzumachen für die heimlichen Pläne der Stadt. Deutet man die Zeichen richtig, wird klar, worauf die Stadt Wädenswil abzielt: Sie will neue Kantonshauptstadt werden.

Im Gegensatz zu den Wädenswilern, die einst sogar ihre neue Gemeindeordnung weiblich formulieren wollten, schätzen die Schönenberger das Bewährte. Sie wollen nichts als Schönenberger sein. Und das will etwas heissen, denn die Schönenberger haben die Nebelgrenze erfunden. Dass sie diese nicht einfach preisgeben ist klar. Nur 56 Prozent der Stimmberechtigten sagten deshalb Ja zur Fusion. «Die Schönenberger sind zäh wie ihre Tirggel», sagt der ehemalige Gemeindepräsident Willi Schilling. Der Wädenswiler Historiker Peter Ziegler würde ihm beipflichten. Wie er sich erinnert, kämpften sich die Schönenberger Sekschüler selbst im tiefsten Schnee zu Fuss in die Schule nach Wädenswil und zurück. Um ihr Recht einzufordern ist den Schönenbergern kein Weg zu weit. Der zäheste aller Schönenberger Tirggel marschierte kürzlich gar vors Bundesgericht, um Alleinbesitzer der Nebelgrenze zu bleiben. Allerdings erfolglos.

«Die Schönenberger sind zäh wie ihre Tirggel.»ehemaliger Gemeindepräsident Willi Schilling

Und wie steht es mit den Hüttnern? Die seien «umgänglich und festfreudig», sagt die ehemalige Gemeindepräsidentin Verena Dressler. Der Fusion standen die Hüttner aus finanziellen Gründen offen gegenüber. Aber nicht nur: Die Hüttner sind den Umgang mit verpfnüselten Städtern gewohnt. Anfang des 19. Jahrhunderts kamen die Städter in Scharen, um sich in den damaligen Gasthöfen Krone, Bären und Kreuz mit Molke von Zivilisationskrankheiten zu kurieren. Während die Städter sich am angeblichen Lebenselixier gesundtranken, nahmen die Hüttner in den gleichen Beizen ein anderes Lebenselixier zu sich. Noch heute ist die Beizendichte in Hütten mit 4,5 Restaurants pro 1000 Einwohner mehr als doppelt so gross wie in Schönenberg und Wädenswil.

Nachdem jetzt die wichtigsten Wesenszüge der Wädenswiler, Schönenberger und Hüttner geklärt sind, geht es darum zu prüfen, wer was an Aussteuer in die gemeinsame Zukunft mitbringt. Neben dem deutlich tieferen Steuerfuss und dem Parlament profitieren die Berggemeinden künftig von so urbanen Einrichtungen wie der Sittenpolizei sip wädi und einer Moschee. Diverse neue Religionen stehen ihnen offen, sie dürfen am clean up day teilnehmen, am Kaltwasserschwimmen und an der Diskussion um Zebrastreifen und Kirchenbänke.

Das ist aber noch nicht alles an Aussteuer von Wädenswil: Auf die Berggemeinden färbt nach der Fusion der Ruhm von 68 in Wädenswil geborenen oder wohnhaften Persönlichkeiten ab, allesamt aufgeführt auf Wikipedia. Bruno Ganz vergessen wir gleich wieder, da dieser lieber in den nationalen Medien als in der Zürichsee-Zeitung erscheint, dafür erwähnen wir gerne Sir Colin, Gürkan Sermeter, Peter Ziegler, Julia Gerber Rüegg und Andrew Bond.

Schönenberg hat hinsichtlich Prominenz wenig zu bieten, höchstens die Chrungelifrau, ein Gespenst, mit dem die Bergler ihre Kinder erschrecken. Hütten jedoch schlägt die in Wädenswil und Schönenberg versammelten Persönlichkeiten bei weitem, womit wir wieder beim Eingangs-Zitat wären: Der weltbekannte Dichter Goethe kehrte in den Jahren 1775 und 1797 im Hüttner Gasthof Krone ein, ehe er weiterzog nach Einsiedeln. Seither zieren Goethe-Zitate die Fassade der Krone. Vielleicht trank er Molke. Man stelle sich vor. Neben Goethe und der Chrungelifrau haben die Berggemeinden auch viel Sonne und Natur. Umgerechnet besitzt fast jeder Schönenberger ein Schwein. Nirgends in der Region wohnen mehr Hunde und im Oktober wurde in Schönenberg gar ein Wolf gesichtet. Hütten hat weniger Schweine, dafür den grössten Waldanteil von allen. Auch die Berggemeinden bringen also eine gute Aussteuer mit.

Der weltbekannte Dichter Goethe kehrte in den Jahren 1775 und 1797 im Hüttner Gasthof Krone ein, ehe er weiterzog nach Einsiedeln.

Damit sind die Voraussetzungen für ein gutes Zusammenleben gegeben. Jeder profitiert vom anderen. Kritisch stimmen allerdings die Zustände im Postauto, das die Sekschüler der drei Fusions-Gemeinden nach Wädenswil transportiert. Offenbar besetzen die Hüttner Schüler die begehrten Plätze hinten im Bus, sticheln gegen die Schönenberger, bis die Wädenswiler einsteigen, die stehen müssen, weil sie keinen Platz mehr finden. Wie das Beispiel zeigt, gestaltet es sich nicht ganz einfach, die verschiedenen Kulturen zu einen. Wie also könnte man dies beschleunigen?

Förderlich wäre natürlich ein gemeinsames Feindbild, das schweisst zusammen. Die Verbundenheit fördern würden auch Geschenke. Das müssten natürlich Geschenke einer gewissen Bedeutsamkeit sein wie etwa die Freiheitsstatue – ein Geschenk der Franzosen an die Amerikaner. Die Schönenberger und Hüttner würden für den Dorfplatz in Wädenswil also je eine Statue liefern. Passenderweise ein Schwein und einen Baum. Umgekehrt würde in Schönenberg und Hütten je eine Statue von Stadtpräsident Kutter stehen. Gewandet in ein Tuch wie die Freiheitsstatue trägt Kutter in der Hand eine Rettungsweste. Diese symbolisiert einerseits, dass Wädenswil die Berggemeinden vor dem Untergang rettet und mahnt die Bergler andererseits, was sie einpacken müssen, wenn sie sich an den See wagen. Diese Lösung hat allerdings einen Haken: Wädenswil hat gar keinen Dorfplatz. Und der Wädenswiler Werkdienst müsste mehrmals pro Woche auf den Berg fahren, um den Taubenkot vom Stadtpräsidenten zu entfernen.

Greifen wir also auf eine althergebrachte Lösung zur Völkerverständigung zurück: Alkohol. Wädenswil hat nicht umsonst eine Brauerei. Das Ziel wäre es, ein Fusions-Bier herzustellen. Dieses besteht aus Wasser vom Hüttnersee, Gerste aus Schönenberg, Hopfen von der Agroscope Wädenswil und einer krassen Hefe von der ZHAW, die idealerweise gleich noch gegen Kater wirkt. Das Fusions-Bier wird am traditionellen Oktoberfest in Wädenswil ausgeschenkt mit dem praktischen Nebeneffekt, dass diese deutsche Tradition guten Gewissens ins regionale Brauchtum integriert werden kann. Fusion geglückt. Bier sei Dank. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 16.01.2019, 16:45 Uhr

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