Bezirksgericht Horgen

Drogen-Rentner muss hinter Gitter

Hinter dem Steuer kennt ein 68-Jähriger keine Hemmungen. Dabei musste er den Fahrausweis vor Jahren abgeben. Jetzt wurde er zu einer Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt.

«Es ist höchste Zeit, Konsequenzen zu ziehen», gab der Richter am Horgner Bezirksgericht dem Angeklagten auf den Weg.

«Es ist höchste Zeit, Konsequenzen zu ziehen», gab der Richter am Horgner Bezirksgericht dem Angeklagten auf den Weg. Bild: Patrick Gutenberg

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Er wolle kein Theater mehr machen, behauptet er. Vor Gericht schafft er es aber nicht ohne. Über sein Leben will der 68-Jährige nichts erzählen. Irgendwann meint er dann, die Drogen seien schuld an allem.

Angefangen mit seiner ersten Verurteilung wegen Drogenschmuggels, die zum Verlust von Job und Familie geführt hat, bis zur eigenen Sucht. Am schlimmsten seien die Jahre gewesen, als er gefixt habe. Gemäss Gutachten ist er unter anderem schwerstabhängig von Opiaten.

Dann schlägt der Rentner plötzlich mit der Hand auf den Tisch und schreit herum, weil er keine Fragen mehr beantworten will. Erst eine richterlich angeordnete Pause und eindringliche Beschwörungen durch die Lebenspartnerin bringen den langjährigen Drogenkonsumenten zur Vernunft. Seit fast 500 Tagen sitzt er in Untersuchungshaft, wie er öfters betont. Nicht mal Arbeit gebe es dort. Warum er nicht in den, angenehmeren, vorzeitigen Strafvollzug gewechselt hat, beantwortet er mit seinem Standardsatz: «Ich traue denen nicht. Die wollen mich linken.» Gemeint sind die Behörden. Strafvollzug, Polizei, auch die Psychiater sind ihm nicht geheuer.

Flucht vor der Polizei

Immer wieder ist er mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, in der Regel wegen Betäubungsmittel- oder Verkehrsdelikten. Autofahren dürfte er seit den Achtzigerjahren nicht mehr. Zuvor wurde ihm viermal der Ausweis entzogen. Er habe die teuren Prüfungen und Kurse nicht schon wieder machen wollen. «Hätte ich es besser noch einmal getan», lautet die späte Einsicht.

Zum Verhängnis wurde ihm der 12. Dezember 2017. Beim Bahnhof Stettbach war er einem zivilen Drogenfahnder aufgefallen. Als dieser an die Scheibe seines Autos klopfte, raste der Beschuldigte davon. Er habe ja nicht wissen können, wer da klopft. Ein Streifenwagen stellte sich ihm in den Weg. Was den 68-Jährigen nicht davon abhielt, mit anderen Wagen kollidierend, vorbeizufahren.

Nach einer wilden Verfolgungsjagd durch Schwamendingen, inklusive Kreuzungsüberfahrt bei Rot, landete der Wagen in einem Metallpfosten. Der Polizist konnte den Flüchtigen festnehmen. Im Auto fanden die Polizisten acht Päckchen mit Heroin, zudem Ecstasy, LSD und Kokain. Der Beschuldigte sass zwei Tage in Haft.

Gab es den Sprung zur Seite?

Keine Woche nach der Entlassung begab sich der 68-Jährige nach Adliswil. Natürlich illegal im Auto. Hier stand sein Wagen, er wollte seine persönlichen Sachen abholen. Der Chef des Unternehmens meldete der Polizei, dass einer ohne Ausweis und mit Alkoholfahne gekommen sei. Eine Patrouille der Stadtpolizei postierte sich ein paar Hundert Meter entfernt am Soodring. Der Polizist stellte sich auf die Strasse, als der Beschuldigte in seinem Auto auf ihn zufuhr. Nur mit einem Sprung zur Seite habe er sich retten können, gebremst habe der Fahrer nicht, sagt er.

Das streitet der Schweizer vehement ab, als einzigen der Vorwürfe. Er sei sogar ausgewichen, «ich fahre doch keinen Menschen um, niemals». Der Vorfall in Adliswil ist der schwerwiegendste Vorwurf, eine Gefährdung des Lebens soll vorliegen.

Der Staatsanwalt fordert eine Freiheitsstrafe von vier Jahren, eine unbedingte Geldstrafe von 30-mal 30 Franken sowie eine Busse von 600 Franken. Er habe bezüglich Risiko seiner Fahrten keine Einsicht gezeigt. Der Verteidiger hält eine teilbedingte Freiheitsstrafe von höchstens zwei Jahren für angemessen, unter anderem da keine Gefährdung des Lebens vorliege. Die anderen Taten habe sein Mandant gestanden, auch wenn das erst vor Gericht passiert sei.

Strasse ist breit genug

Das Gericht verurteilt den 68-Jährigen zu zweieinhalb Jahren Gefängnis, einer Geldstrafe von 30-mal 30 Franken und einer Busse von 600 Franken. Bei der Fahrt Richtung Polizist habe keine konkrete Gefahr für dessen Leben bestanden, so der Gerichtspräsident. Die Strasse inklusive Trottoir sei sieben Meter breit. Der Fahrer hätte auf beiden Seiten am Polizisten vorbeifahren können.

Dem 68-Jährigen müsse jetzt aber klar sein, dass er ins Gefängnis muss, wenn er sich strafbar macht. «Es ist höchste Zeit, Konsequenzen zu ziehen», gibt ihm der Richter auf den Weg. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 16.04.2019, 21:29 Uhr

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