Politik

Diskutieren und abstimmen wie alte Polithasen

Am Samstag hat zum ersten Mal das Jugendparlament des Kantons Zürich getagt. Die ZSZ hat drei Teilnehmer aus der Zürichseeregion an dem diskussionsreichen Tag in Zürich angetroffen.

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Die Stadt Zürich hat an diesem Samstag nichts von ihrer viel gescholtenen Hektik. In den Cafés wird mit Musse gefrühstückt. Passanten flanieren in der Frühlingssonne über den Markt auf der Gemüsebrücke – Touristen, Väter mit ihren Kindern. Vom Turm des St. Peter schlägt es zehn Uhr.

Der Kirche gegenüber steht das Rathaus. Hier und da richtet ein Tourist seinen Fotoapparat auf den repräsentativen Bau. Wohl kaum wissend, dass sich in dessen Innern gerade Historisches ereignet. Zumindest für die politisch interessierten Jugendlichen des Kantons.

Seit einer guten Stunde tagt zum allerersten Mal das Jugendparlament des Kantons Zürich. Gut 100 12- bis 21-Jährige werden bis in den Abend ihre Meinung äussern, Petitionen präsentieren, sich verbale Schlagabtausche liefern und abstimmen. Dazwischen: diskutieren, diskutieren, diskutieren. Zu zweit, in der Gruppe, im Plenum; im Treppenhaus, im Sitzungszimmer oder im Ratssaal. Um sich gegenseitig zu bekräftigen oder umzustimmen. Mit erstaunender Ernsthaftigkeit – wenn diese auch hie und da ins Altkluge kippt. Von der Beschaulichkeit aber, wie sie sich draussen abspielt, ist nicht viel zu spüren.

Was Islam bedeutet

So führt in einem Sitzungszimmer eine Expertin in «politische Bildung im Schulunterricht» ein. Konzentriert hören die Jugendlichen zu. Sie haben mit ihrer Anmeldung für den Anlass das Thema als ihre erste oder zweite Wahl angegeben. Was heisst: um als Teil der entsprechenden Kommission Forderungen zu formulieren, die später dem Kantonsrat übergeben werden sollen.

Zu ihnen gehört auch Jon Maurer, Jahrgang 1999, Küsnachter und Gymnasiast. Mit «Es soll gefördert werden, kritisch die Faktoren zu betrachten, die unser Wahlverhalten beeinflussen» meldet er sich. Das Anliegen wird er später im Gespräch mit dieser Zeitung wiederholen.

Dass Islam nicht gleich Islamismus sei, ist indes dem 17-jährigen Ashuqullah Arabzai wichtig. Der Afghane wirkt in der Kommission zum Thema «Religiöse Radikalisierung» mit. Kaum ein Zufall: Vor drei Jahren sei er ohne die Eltern in die Schweiz geflüchtet, nachdem der IS sein Dorf eingenommen habe. Nun wolle er etwas für die Integration Asylsuchender tun und das politische System der Schweiz kennen lernen, sagt der vorläufig Aufgenommene, der in Horgen lebt. Bei der Ausarbeitung der Forderung tun sich indes andere hervor. Wie in der Politik der Erwachsenen gibt es auch hier die Alphatiere – die sich mitunter nichts schenken.

Wahlrecht ab 16 Jahren

Die 13-jährige Oberriednerin Maylea Reichen gehört nicht dazu. Zum Thema ihrer Kommission, «Stimmrecht», hat sie jedoch eine klare Meinung: «Jugendliche sollten ab 16 wählen dürfen.» Und: Kantonsrätin für die Grünen möchte sie einmal sein. Wie einst ihr Vater, von dem sie denn auch das Interesse an der Politik habe.

Bei Jon Maurer hingegen kommt es von Mitschülern – von denen zwei weitere ebenfalls anwesend seien. «Das Gefühl, etwas erreichen zu können, ist sehr motivierend.» Noch stehen intensive Plenumsdiskussionen bevor. Eröffnet werden sie von Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP). Die Justizdirektorin lobt die Jugendlichen für den «frischen Blickwinkel». Sie spricht von Privilegien und Pflichten, warnt vor Klischees und Pauschalisierungen.

Sechs Abstimmungen stehen darauf an: von der Anerkennung der islamischen Religionsgemeinschaft über die Vermeidung von Food-Waste bis hin zur Frage, ob die Volksinitiative zur Legalisierung von Cannabis unterstützt werden soll. Einige Redner dominieren das Geschehen, mitunter mit der Gestik und Rhetorik versierter Polithasen.

Dass die Petition, auf Sekundarstufe jährlich drei freiwillig zu besuchende Politpodien einzuführen, angenommen wird, freut Maurer. Als es um die Lancierung eines Vegi-Tages in Zürcher Schulmensen geht, ergreift er das Wort: «Jeden Tag Fleisch zu essen, ist nicht zukunftsfähig.» Die Forderung wird schliesslich angenommen – wie auch das Stimmrechtsalter 16 auf Anfrage und alle anderen. Auch für Maylea Reichen und Ashuqullah Arabzai endet der Tag somit in ihrem Sinn.

Erstellt: 25.03.2018, 18:13 Uhr

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