Gleichstellung

Die Vorkämpferinnen vom See

Die bürgerliche Zumikerin Elisabeth Kopp und die linke Wädenswilerin Julia Gerber Rüegg haben sich beide während Jahrzehnten für die Gleichstellung eingesetzt. Am Frauenstreik ist es aber ruhig um sie.

Zwei Pionierinnen in der Gleichstellungsfrage: Julia Gerber Rüegg (links) und Elisabeth Kopp.

Zwei Pionierinnen in der Gleichstellungsfrage: Julia Gerber Rüegg (links) und Elisabeth Kopp. Bild: Archivbilder: Sabiner Rock / Patrick Gutenberg

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Sie sind für viele Frauen Vorbilder: die Zumikerin Elisabeth Kopp, erste Bundesrätin der Schweiz, und Julia Gerber Rüegg, Politikerin und Gewerkschafterin aus Wädenswil. Sie kommen aus unterschiedlichen politischen Lagern, sind aber, jede auf ihre persönliche Art, Pionierinnen in der Gleichstellungsfrage. Am nationalen Frauenstreiktag treten sie zwar nicht in Erscheinung, ihre Wirken strahlt aber bis heute aus.

Elisabeth Kopp wurde 1970, also noch vor der Einführung des nationalen Frauenstimmrechts, in Zumikon zur ersten Gemeinderätin der Deutschschweiz gewählt. Die FDP-Politikerin schaffte 1984 als erste Frau die Wahl in den Bundesrat.

Elisabeth Kopp bei der Vereidigung zur Bundesrätin im Jahr 1984. Bild: Keystone

In einem Interview mit dieser Zeitung sagte sie vor vier Jahren, sie sei sich nie als Pionierin vorgekommen. «Für mich war die Arbeit als Politikerin völlig normal.» Weibliche Vorbilder habe sie nie gehabt, sagte sie bei anderer Gelegenheit. «Es gab sie im öffentlichen Leben nicht. Ich habe einfach gemacht, was ich für richtig hielt.»

Am Frauenstreik nimmt sie nicht teil. Die Forderung für Lohngleichheit unterstützt sie aber und hat auch einen Vorschlag, wie das Ziel erreicht werden könnte. Sie bringt ein Gütesiegel ins Spiel. Sie glaube, dass ein «Equal Pay»-Label den gleichen Effekt habe wie etwa das Label Fairtrade. Die Frauen würden die Produkte mit kaufen, die unter diesem Gleichstellungslabel entstünden, sagte sie diese Woche gegenüber CH Media. Sie habe die Idee bereits vor vier Jahren publik gemacht. «Zu meiner grossen Enttäuschung nahm diesen Vorschlag aber niemand auf.»

Männer sind mitgemeint

Kämpferischer trat die Politikerin Julia Gerber Rüegg in Erscheinung. Als Wädenswiler SP-Parlamentarierin sorgte sogar weit über die Landesgrenzen hinaus für Aufsehen. Auf ihre Initiative ging nämlich zurück, dass das Stadtparlament vor 26 Jahren eine Gemeindeordnung guthiess, in der die Personen nur in weiblicher Form genannt wurden. Es war also ausschliesslich die Rede von Bürgerinnen oder Präsidentinnen. Die Männer waren lediglich mitgemeint.

Kantonsrätin Julia Gerber Rüegg wird von einer russischen Fernsehstation bei sich zu Hause gefilmt und interviewt. Archivbild: Reto Schneider

Was im Parlament noch mit grossem Mehr gutgeheissen wurde, fand dann aber an der Urne keine Zustimmung mehr. Nach einer emotionalen Abstimmungsdebatte wiesen die Wädenswilerinnen und Wädenswiler die Gemeindeordnung zurück. Über die weiblich abgefasste Gemeindeordnung berichteten Medien im In- und angrenzenden Ausland. Sogar ein japanischer Germanist reiste ein paar Jahre später nach Wädenswil, um über den Fall vor Ort zu forschen.

Julia Gerber Rüegg und der japanische Lingustikprofessor Okamuravor dem Schloss Halbinsel Au. Archivbild: Tagesanzeiger

Julia Gerber Rüegg, die später auch im Kantonsrat politisierte, sagte, sie freue sich, dass ihre damalige Aktion noch nach so vielen Jahren eine Wirkung habe. Noch zehn Jahre nach der Debatte um die weibliche Gemeindeordnung seien Emotionen noch spürbar, sagte sie damals gegenüber dieser Zeitung. Die heutige Wädenswiler Gemeindeordnung bezeichnet die Personen neutral als Stimmberechtigte oder verwendet beide Formen: der Präsident/die Präsidentin.

Über diesen politischen Vorstoss mit der Gemeindeordnung hinaus setzte Julia Gerber Rüegg weitere Akzente in der Gleichstellung. So wurde sie vom Zürcher Regierungsrat im Jahr 2005 in die Kommission für die Gleichstellung von Frau und Mann gewählt. Sie gründete die erste Kindertagesstätte für Kinder studierender Eltern an der Universität Zürich. Während ihrer Zeit im Kantonsrat war sie auch auf nationaler Ebene tätig. So war die heute 62-Jährige Co-Präsidentin der SP-Frauen Schweiz. Auch wenn sie sich an den aktuellen Aktionen zum Frauenstreik nicht beteiligt, die Gleichstellungsanliegen sind ihr immer noch wichtig.

Fehlende Unterstützung

Die Biografien, Aktivitäten und Persönlichkeiten der beiden Politikerinnen vom See mögen zwar sehr verschieden sein. Sie teilen nebst dem Engagement für die Gleichstellung von Frauen und Männern eine weitere Gemeinsamkeit. Ihr Abgang vom politischen Parkett erfolgte unfreiwillig.

Elisabeth Kopp trat 1989 aus dem Bundesrat zurück. Sie stolperte letztlich über ein Telefonat an ihren Ehemann. Monatelang war sie einem Kesseltreiben durch die Medien ausgesetzt. Unterstützt wurde sie nicht einmal von ihrer Partei oder ihren Ratskollegen. Später sprach das Bundesgericht die ehemalige Bundesrätin vom Vorwurf der Amtsgeheimnisverletzung frei. Auch die parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) stellte keine Unregelmässigkeiten fest. Gesellschaftlich ist sie rehabilitiert und geniesst hohes Ansehen.

Julia Gerber Rüegg wurde von der SP vor vier Jahren bei der Nomination für die Nationalratswahlen übergangen. Sie hätte in den Kantonsrat nachrutschen können, wenn Jacqueline Fehr nach ihrer Wahl in den Regierungsrat zurückgetreten wäre. Fehr harrte aber aus. Die SP wollte Gerber Rüegg zuerst nicht mehr nominieren, gewährte ihr dann schliesslich noch einen wenig aussichtsreichen Platz auf der Wahlliste. Politisch in Erscheinung tritt sie heute insbesondere noch im Kampf um den freien Zugang zum Seeufer. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 13.06.2019, 15:12 Uhr

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