Langnau

«Die Tiere spüren: Wenn der Arzt kommt, ist etwas nicht gut»

Jean-Michel Hatt ist seit 28 Jahren Tierarzt im Wildnispark Langenberg. Er erzählt von seiner nicht alltäglichen Arbeit mit den Wildtieren und erklärt, was ein Bär mit einem Hund gemeinsam hat.

Nur mit Futter liessen sich die scheuen Urpferde für den Fototermin mit dem Tierarzt Jean-Michel Hatt anlocken.

Nur mit Futter liessen sich die scheuen Urpferde für den Fototermin mit dem Tierarzt Jean-Michel Hatt anlocken. Bild: Sabine Rock

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Jean-Michel Hatt, Sie sind Tierarzt in der Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere der Universität Zürich und auch für die Betreuung der Tiere im Wildnispark Langenberg zuständig. Welches ist Ihr Lieblingstier?
Der Elch. Das ist vom Wesen her einfach ein cooles Tier. Elche sind Wiederkäuer wie Kühe. Aber sie verhungern, wenn sie nur Heu bekommen, denn Elche ernähren sich insbesondere noch von Laub und Nadeln. Auch medizinisch sind sie anspruchsvoll, und die Jungen sind extrem herzig wegen ihrer überproportional langen Beine.

Was macht ein Tierarzt im Wildnispark?
Es geht vor allem um das Herdenmanagement und weniger um die Einzeltierpflege. Das heisst, wenn ein Tier krank ist, kommt es zu einer Selektion. Es wird eher mal ein Tier getötet, um den Bestand der Herde aufrechtzuerhalten. Das kennt man bei der Pflege von Haustieren weniger.

«Die Wildtiere sind scheu und fühlen sich grundsätzlich bedroht durch den Menschen.»

Das Ziel von jedem Zoo-Tierarzt ist es, dass die Tiere nicht krank werden. Was sind Ihre Hauptaufgaben hier im Wildnispark?
Die Betreuung von Wildtieren ist sehr speziell, und es gibt wenig Erfahrungsberichte. Wir sind als vierköpfiges Team für den Wildnispark zuständig, es ist aber nicht nötig, dass jeden Tag jemand bei den Tieren anwesend ist. Heute muss ich beispielsweise die Elche entwurmen und die Wisente besuchen. Ein Tier hat ein verklebtes Auge, welches angeschaut werden muss. Zu den unterschiedlichen Aufgaben gehört auch die Überwachung der neuen Tiere aus dem Ausland in der Quarantäne.

Sie haben jeden Tag mit nicht sehr alltäglichen Tieren zu tun. Was ist als Wildtierarzt besonders zu beachten?
Man muss sehr strategisch vorgehen, wenn man mit den Tieren arbeitet. Die Tiere spüren: Wenn der Arzt kommt, ist etwas nicht gut. Die Wildtiere sind scheu und fühlen sich grundsätzlich bedroht durch den Menschen. Wenn wir Tiere ohne Narkose untersuchen wollen, müssen wir sie zum Teil drei Wochen lang trainieren.

Wie geht man denn als Tierarzt vor, wenn ein Wildtier nun doch in Narkose versetzt werden muss?
Die Tiere werden vor einem schweren Eingriff mit dem Narkosegewehr oder Blasrohr narkotisiert. Meistens arbeiten wir dann im Zweierteam; jemand überwacht das Tier während der Narkose, die andere Person macht den Eingriff. Man achtet heute aber darauf, die Tiere weniger zu narkotisieren, sondern sie so zu trainieren, dass sie freiwillig ans Gitter kommen oder in eine Vorrichtung hineinstehen. So kann die Behandlung ohne Narkose durchgeführt werden.

Die beiden Bären im Wildnispark fühlen sich sichtlich wohl. Am Sonntag erhalten Besucher unter dem Motto «Gesund und munter» Einblick in die Arbeit der Tierpfleger und des Tierarztes.

Das heisst, Sie können die Tiere hier vor Ort behandeln?
Wir behandeln die Tiere meist hier im Wildnispark Langenberg. Dafür fahren wir je nach Intervention mit sehr viel Material auf. Für die Tiere ist das einfacher, weil sie die Umgebung kennen und nicht bis ins Tierspital transportiert werden müssen.

Sie sind seit 28 Jahren Tierarzt im Wildnispark. Gab es Einsätze, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Die besonders eindrückliche Geschichte war die mit unserer Wildsau Fernanda, die alle Besucher sehr gerne hatten. Sie entwickelte an einem Ohr einen Tumor. Wir mussten uns entscheiden, ob wir sie töten oder ihr noch eine Chance geben sollten. Wir haben uns dann für eine Amputation der Ohrmuschel entschieden und die Operation hier im Wildnispark durchgeführt. Fernanda hat dann noch viele weitere Jahre gelebt.

Solche Erlebnisse machen die Arbeit sicherlich wertvoll. Was gefällt Ihnen sonst noch am Beruf als Wildtierarzt?
Die grosse Artenvielfalt. Es gibt sehr viel mehr Arten zu behandeln, als wenn man Tierarzt für Klein- oder Nutztiere wäre. Wir haben hier allein im Wildnispark 20 verschiedene Tierarten. Eine weitere Herausforderung ist es, dass es nur wenige Untersuchungs- und Erfahrungsberichte für die Behandlung der Tiere gibt. Oder wüssten Sie denn, wie man die Dosis eines Antibiotikums für einen Bären bestimmt?

Nein. Aber Sie werden mir sicherlich helfen?
Als Wildtierarzt muss man die Dosierungen von einem anderen Tier ableiten. Sie dürfen sich zwischen Katze, Hund oder Pferd entscheiden.

Dann muss man es vermutlich vom Pferd ableiten. Ein Pferd ist gross, ein Bär auch. Oder?
Eben genau nicht. Die Dosierung für einen Bären leitet man vom Hund ab, die Grösse der Tiere spielt weniger eine Rolle. Die beiden Tiere ähneln sich unter anderem in ihrem Fressverhalten: Ein Bär ist, wie ein Hund, ein Allesfresser.

Erstellt: 13.09.2019, 10:23 Uhr

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