Krieg

Die Minenräumer vom Zürichsee

Ein Unternehmen vom Zürichsee räumt im Nachgang von Konflikten weltweit Minen und Sprengfallen. Manchmal bricht dabei der Krieg unversehens wieder aus.

Eine Maschine von Global Clearance Solutions im Einsatz im Tschad.

Eine Maschine von Global Clearance Solutions im Einsatz im Tschad. Bild: PD

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Wenn Konflikte zu Ende gehen, erlischt das Interesse der Weltgemeinschaft meistens. Die Arbeit einer Firma vom Zürichsee beginnt dann aber erst. Global Clearance Solutions (GCS) ist ein Unternehmen mit Sitz in Freienbach, das auf der ganzen Weltexplosive Kriegsreste räumt. Das können Minen, Munition oder Sprengfallen sein. So zum Beispiel in Libyen. Die NATO hat dort 2011 militärisch eingegriffen und dabei auch Munitionslager gebombt. Die Munition liegt nun teilweise auf offenem Feld herum. Damit sie nicht in falsche Hände gerät, müssen die Gebiete geräumt werden. Doch aufgrund der hohen Sonneneinstrahlung ist die Munition extrem instabil. Schon die kleinste Bewegung könnte zu einer Explosion führen. Gemeinsam mit lokalen Partnernhat GCS daher im Auftrag der UNO Anfang Jahr in der Küstenstadt Misrata mehr als 200 Tonnen Material geräumt.

Dabei ist ein maschineller Minenräumer der Firma zum Einsatz gekommen. Dies ist eine schwere Plattform,die auf Raupenketten rollt und zwischen zwei und neun Tonnen wiegt. Je nach Bedarf können verschiedene Werkzeuge montiert werden, wie zum Beispiel ein Manipulatorarm, ein Gabelstapler oder eine Minenfräse. Die Maschinen sind fernbedient, erklärt Geschäftsführer und Inhaber Philipp von Michaelis. Es gebe kein Risiko für den Maschinenführer, der seinen Job aus bis zu einem Kilometer Entfernung machen kann. «Das oberste Gesetz ist Menschenleben zu sichern.» Bis jetzt hätten sie noch keinen Unfall gehabt.

Philipp von Michaelis, Geschäftsführer von Global Clearance Solutions. Bild: Michael Trost.

Bei der Räumung wird versucht eine Detonation der explosiven Kriegsreste zu vermeiden. Daher ist das Ziel, die Minen oder Sprengfallen vor Ort zu entschärfen. Falls dies nicht möglich ist, werden sie an einen sicheren Ort transportiert und dort zerstört. Nur wenn es nicht anders geht, wird eine Sprengung vor Ort vorgenommen. Zum Teil kümmert sich GCS um die Hinterlassenschaft längst vergangener Konflikte. Insbesondere Minen liegen zum Teil schon Jahrzehnte im Boden und treffen dann vor allem Zivilisten.Von Michaelis nennt sie darum«die stillen Soldaten». Die internationale Gemeinschaft ächtet Personenminen aus diesem Grund.

Kommerzielle Interessen

Einige Kunden von GCS kommen aus dem humanitären Bereich, die UNO ist gemäss Geschäftsführer der grösste Auftraggeber. Allerdings sind die Kosten für den Kauf einer Maschine für die Hilfsorganisationen nicht einfach zu stemmen, daher gibt es auch Leasingangebote. Wenn gewünscht, unterstützt die Firma die lokalen Partner mit Trainings oder übernimmt gleich die gesamte Projektleitung. Insbesondere die Logistik sei eine Herausforderung, meint von Michaelis.

Ein Beispiel ist ein Projekt im Tschad, das von der EU finanziert wurde. Drei Hilfsorganisationen haben eine Maschine gekauft und erhalten fünf Monate lang Unterstützung vor Ort von GCS. Dazu gehört auch der Transport der Maschine, die von Europa aus via Schiff nach Kamerun gelangt ist und von dort mit dem Zug oder Lastwagen in den Tschad. Und dann nochmals vier Tage an die Nordgrenze des afrikanischen Landes gereist ist. Um den Transport möglichst reibungslos zu organisieren hat GCS an jede Station einen Mitarbeiter geschickt, der die Maschine betreut.

«Da fragt man sich schon, meine Güte, was machen wir eigentlich?»Philipp von Michaelis, Geschäftsführer Global Clearance Solutions

«Viele Projekte werden auch von kommerziellen Interessen getrieben», räumt von Michaelis ein. Es gehe dann darum Strassen oder Ölpipelines zu bauen, weshalb ein minenfreies Terrain benötigt wird. Um die irakische Stadt Basra zum Beispiel seien viele Gebiete noch aus den aus den vergangenen Konflikten kontaminiert, und das Land sowie die Ölgesellschaften hätten ein grosses Interesse an der Räumung der Kriegshinterlassenschaften.

Im Irak möchte sich GCS bald an die Arbeit machen. Nun da die Terrororganisation ISIS besiegt worden ist, müssen die Städte von den Sprengfallen und Landminen gesäubert werden. Da der Aufbau der lokalen Netzwerke zentral ist, ist von Michaelis auch schon selbst in den Irak gereist. Beim letzten Mal als von Michaelis dort war, wurde gerade die amerikanische Botschaft geschlossen. Ihm sei schon ein wenig mulmig geworden, als die Amerikaner alle aus dem Hotel abzogen, in das er gerade eincheckte. «Ein Bekannter hat mir dann gesagt, ich solle nicht vors Fenster stehen, weil Scharfschützen das Hotel beobachten könnten.»

Militär als Ansprechpartner

GCS bedient auch militärische Kunden. Dies seien zwar schon Institutionen die auch Waffen und Panzer kaufen würden, aber das Militär sei in der Regel auch die Institution mit der grössten Kompetenz. «Wir können uns unsere Ansprechpartner nicht aussuchen.» Der deutsch-schweizerische Doppelbürger betont, dass die Maschinen seines Unternehmens nicht zweckentfremdet werden können. Wenn sie so eingesetzt würden, wie vorgesehen, würden sie Kampfmittel räumen, die vor allem die Zivilbevölkerung bedrohen. «Unter diesem Aspekt ist es für uns weniger relevant für wen wir arbeiten, die Sache steht im Vordergrund.»

Video: Ein Minenräumer auf einem Testgelände in Kroatien

Idealerweisearbeitet GCS erst vor Ort, wenn der Konflikt beendet ist. Doch in den letzten Jahren war die Firma immer häufiger auch in Gebieten unterwegs, in denen die Konflikte noch nicht vollständig beendet waren. In Libyen zum Beispiel ist der Bürgerkrieg Anfang dieses Jahres wieder aufgeflammt. Das Unternehmen hat noch Material im Land. «Wir harren der Dinge», meint von Michaelis. Aber man müsse sich gut überlegen, ob man in einem aktiven Konflikt arbeiten und dabei vielleicht ungewollt Partei ergreifen wolle.

Es gab allerdings auch Momente in denen die Minenräumer vom Kriegsausbruch überrascht wurden. Ein Mitarbeiter der Vorgängerfirma von GCS hatte in Georgien gerade das Training der lokalen Mitarbeiter abgeschlossen, als Russland einfiel. Der Mitarbeiter sei dann unter widrigsten Umständen mithilfe eines anderen Ausländers aus dem Land gekommen. «Da fragt man sich schon, meine Güte, was machen wir eigentlich?» Die Verantwortung für seine Mitarbeiter nimmt von Michaelis sehr ernst. Es verschafft ihm viel Genugtuung mit ihrer Hilfe in den teilweise sehr belasteten Gebieten eine nachhaltige Wirkung zu hinterlassen, auch wenn er betont: «Wir sind in erster Linie Unternehmer.»

Erstellt: 04.09.2019, 14:48 Uhr

Minen und Sprengfallen

60 Länder waren im Jahr 2017 mit Minen und explosiven Kriegsresten verseucht. Dies geht aus dem Landminenmonitor der Hilfsorganisation Handicap International hervor. 7239 Menschen kamen dadurch ums Leben.

Sind Minen einmal verlegt, können sie Jahrzehnte im Boden verbleiben und treffen dann vor allem die Zivilbevölkerung. Die internationale Gemeinschaft bekämpft den Einsatz von Antipersonenminen. Der Ottawa Vertrag verbietet den Erwerb,
die Herstellung, die Lagerung und den Einsatz solcher Minen und ist am 1. März 1999 In Kraft getreten. Die Schweiz ist einer der insgesamt 164 Staaten, die den Vertrag ratifiziert haben. Die Schweiz hat gemäss dem eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) jährlich 16 bis 18 Millionen Franken in in die humanitäre Minenräumung investiert. Die Zahl der Todesopfer durch explosive Kriegsreste ist gemäss Handicap International seit 2014 wieder angestiegen. Grund dafür sind improvisierte Sprengsätze in Konfliktgebieten wie Afghanistan, Syrien und dem Irak wo sie vor allem von nichtstaatlichen Akteuren eingesetzt werden. (otm)

Global Clearance Solutions

Der Hauptsitz von Global Clearance Solutions (GCS) ist in Freienbach. Die Maschinen werden im deutschen Stockach hergestellt. Geschäftsführer Philipp von Michaelis plant, in den nächsten Jahren die Entwicklung und den Verkauf von Technologien auszuweiten und vor allem im Dienstleistungsbereich zu wachsen. Die 2015 gegründete Firma bietet auch an, Minenräumprojekte vor Ort zu leiten. Dass ein solches zweites Service-Standbein nötig ist, hat von Michaelis gelernt, als seine erste Firma MineWolf Systems Konkurs ging. Er erwartet in diesem Jahr mit GCS eine schwarze Null. (otm)

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