Horgen

Die 90-jährige Lina Hotz hält den Rekord

Seit bald 40 Jahren wohnt Lina Hotz im Wohnheim der Stiftung Humanitas. Am Mittwoch feiert sie ihren 90. Geburtstag. Damit ist sie die älteste Bewohnerin, die die Stiftung je hatte.

«Ich lasse mich nicht herumkommandieren.» Die 90-jährige Lina Hotz ist die älteste Bewohnerin der Stiftung Humanitas.

«Ich lasse mich nicht herumkommandieren.» Die 90-jährige Lina Hotz ist die älteste Bewohnerin der Stiftung Humanitas. Bild: Sabine Rock

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Nein, dass sie einmal so alt werden würde, das hätte sie nie gedacht. Lina Hotz, die von allen nur Lina genannt werden will, schüttelt den Kopf, dass die blonden Löckchen tanzen. Und wie sie da so sitzt in ihrer gediegenen Bluse, immer wieder verschmitzt lachend, würde man ihr die 90 Lenze bei weitem nicht geben.

Dabei war Linas Start ins Leben, am 3. April 1929, alles andere als einfach. Mit der Zange musste die Hebamme sie holen, und als sie endlich auf der Welt war, hiess es, sie werde wohl sterben. Das erste halbe Lebensjahr verbrachte Lina im Spital. Zurück blieb eine Geburtsbehinderung, doch Lina wollte und will vor allem eines: leben. «Ich habe noch lange nicht vor zu sterben», sagt die 90-Jährige und kichert wie ein Backfisch.

Zeitung, Spiele, Filme

Lina wuchs in Wädenswil auf, sie besuchte die Sonder- und später die Haushaltungsschule und arbeitete 27 Jahre lang in der Küche des Kinderheims Bühl. Seit 1982 lebt sie in der Stiftung Humanitas in Horgen, wo sie zunächst allein wohnte und im Atelier arbeitete. Im Jahr 2009 brach Lina sich bei einem Sturz den Oberschenkelhals; danach übersiedelte sie ins betreute Wohnen, auf die Wohngruppe Terrazza.

Früher habe sie viel geturnt, erzählt Lina, und auch heute läuft sie regelmässig ihre Runde. Wenn es stark windet, kehrt sie allerdings inzwischen etwas schneller um als früher, und bei Regen bleibt sie zu Hause. Langeweile ist für die kleine, lebhafte Frau ein Fremdwort. Sie liest täglich die «Zürichsee-Zeitung», liebt Steck- und Puzzlespiele und schaut leidenschaftlich gern alte Filme. Alfred Rasser als HD-Soldat Läppli ist einer von Linas Lieblingen, und die Filme von Kurt Früh, allen voran «Oberstadtgass», schaut sie sich immer wieder an.

Zuoberst auf Linas persönlicher Hitparade aber stehen Jodellieder. Die Jubilarin lässt sich nicht lange bitten, legt gleich los mit «Uf den Alpe obe isch es herrlichs Läbe» und hängt noch einen Jodel hintendran. Früher sei sie oft zu Jodelfesten gereist, erzählt Lina und bevor sie weitererzählen kann, schüttelt es sie vor Lachen. Einmal sei sie erst um drei Uhr morgens nach Hause gekommen. Die Kollegin habe zwar schon um Mitternacht zum Aufbruch gedrängt. «Aber ich wollte noch nicht heim. Ich musste ja nicht arbeiten am nächsten Tag.» Sie sei da nämlich schon über 70 gewesen.

Es versteht sich von selbst, dass die Musik am heutigen grossen Geburtstagsfest im Wohnheim ihren Platz hat. Handorgelklänge von Hans Peter und Daniela Bosshart werden das abendliche Candlelight-Dinner für Lina und ihre Freunde eröffnen. Zuvor gibt es eine ganze Anzahl Überraschungen für das Geburtstagskind, unter anderem eine Fahrt in Linas Vergangenheit. Noch nie sei jemand in der Stiftung Humanitas so alt geworden wie Lina Hotz, sagt Teamleiterin und Betreuerin Cécile Perret. Das sei natürlich ein Grund für ein ganz besonderes Fest.

Lieber Torte als Bart

Lina Hotz hat mehrere Erklärungen für ihr hohes Alter und ihre gute Gesundheit. Sie habe nie geraucht und nie Alkohol getrunken, dafür immer viel Gemüse gegessen. Süssem konnte und kann sie allerdings nur schwer widerstehen. Seit einem Jahr muss sie wegen ihres Diabetes zwar ein wenig bremsen, aber: «So eine Schwarzwäldertorte gluschtet mich halt einfach.» Sie habe sich ein Leben lang für viele Dinge interessiert und sei immer zufrieden gewesen, erzählt sie weiter.

Lina hat aber auch ihre Ecken und Kanten. «Manchmal rufe ich aus», sagt sie. Sie könne sich gut wehren und lasse sich von niemandem herumkommandieren. Einen Mann hat sie nie gehabt. Es sei nie so weit gekommen, erklärt sie. Inzwischen finde sie es schöner, allein zu sein. Sie kichert wieder, bevor sie anfügt: «Bärte habe ich im Fall gar nicht gern.» Gern hat sie dafür ihre Freundin Anastasia, die mit ihren 30 Jahren Linas Enkelin sein könnte. «Mit ihr bleibe ich jung.»

Lina, die als ältestes von drei Geschwistern aufwuchs und ihren Vater früh verlor, sagt von sich, sie sei eine Hilfsbetreuerin in der Wohngruppe. Betreuerin Cécile Perret stimmt dem zu. Vor einiger Zeit sei der Vater eines schwerbehinderten Bewohners gestorben. Während die Betreuer noch überlegt hätten, wie sie ihn am besten trösten könnten, sei Lina ohne Zögern zu ihm hingegangen, habe seine Hände gehalten und ihm das Lied «So nimm denn meine Hände» gesungen. «Das war in diesem Augenblick das Schönste, was man tun konnte», sagt Perret. Lina Hotz betet auch jeden Abend für alle ihre Mitbewohner. «Wenn ich jemanden vergesse, fange ich wieder von vorne an.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 02.04.2019, 16:43 Uhr

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