Kilchberg

Der Zürichsee ist sein Bosporus

Hayri Hocaoglu arbeitet seit 40 Jahren in der Cafeteria des Sanatoriums Kilchberg. In seiner Freizeit liest er Dostojewski und Thomas Mann, doch am wohlsten fühlt er sich an seinem Arbeitsplatz hinter der Kasse.

Er hat für jeden ein freundliches Wort: Hayri Hocaoglu arbeitet seit 40 Jahren in der Cafeteria des Sanatoriums Kilchberg.

Er hat für jeden ein freundliches Wort: Hayri Hocaoglu arbeitet seit 40 Jahren in der Cafeteria des Sanatoriums Kilchberg. Bild: Manuela Matt

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Es ist viel los an diesem Mittag in der Cafeteria des Sanatoriums Kilchberg. Jeder Stuhl ist besetzt, die Schlange an Hayri Hocaoglus Kasse reisst nicht ab. Zwischen zwei Kunden füllt der 62-Jährige schnell die Salatsauce nach, legt hier eine Serviette auf ein Tablett und dort das gewünschte Zigarettenpäcklein. Für jeden und jede hat Hocaoglu ein freundliches Wort. Eine Viertelstunde später sitzt er am Tisch – in einem frischen Hemd, das er am Morgen extra für den Termin mit der Journalistin und der Fotografin mitgenommen hat.

Jörg Buckmann, der frühere Personalchef der Zürcher Verkehrsbetriebe, hat Hocaoglu in einem Buch über Personalmarketing als «den freundlichsten Menschen der Welt» bezeichnet. Er selber sagt: «Ich brauche Menschen um mich herum und sehe sie alle gerne. Darum ist das mein idealer Arbeitsplatz.» Hocaoglu wurde in Skopje im heutigen Nordmazedonien als jüngstes von sieben Kindern geboren. Als er sechs Jahre alt war, wanderte die Familie nach Istanbul aus, wo er das Gymnasium besuchte. 1979, mit 22 Jahren, folgte er seinem Bruder in die Schweiz und fing im Sanatorium Kilchberg an zu arbeiten.

Der Himmel gehört allen

Zum 40-Jahr-Jubiläum organisierte das Sanatorium ein Fest für Hocaoglu. Ganze Teams seien gekommen, um ihm zu gratulieren, erzählt er strahlend. Die Klinik ist viel mehr für ihn als bloss ein Arbeitsplatz, das wird im Gespräch schnell klar. Vor Jahren hat er eine Ausbildung zum Technischen Zeichner erfolgreich abgeschlossen. Doch schon nach drei Schnuppertagen merkte er, dass ein Wechsel in die Industrie für ihn nicht infrage kam. »Mir fehlten die Menschen», erzählt er ohne jedes Bedauern. Diesen widmet er sich seither mit einer schier übermenschlichen Freundlichkeit.


«Der blaue Himmel gehört uns allen.»
Hayri Hocaoglu, Mitarbeiter Sanatorium Kilchberg

Freundlichkeit könne man nicht simulieren, ist Hocaoglu überzeugt. «Ich mache keinen Unterschied zwischen dem Klinikdirektor und der Putzfrau.» Er habe als Kind in der Türkei manche Ungerechtigkeit gesehen und sich oft den Kopf darüber zerbrochen. «Der blaue Himmel gehört doch uns allen», sagt Hocaoglu, dem es nie einfallen würde, im Sanatorium von Patienten zu sprechen. Für ihn sind sie alle Gäste.

Nicht schreien

Am stärksten geprägt habe ihn seine Mutter, erzählt Hocaoglu. Die lediglich einen Meter fünfzig grosse Frau hat sieben Kinder grossgezogen, vier eigene und drei ihrer früh verstorbenen Schwester. Sie sei immer freundlich gewesen, habe nie laut gesprochen – etwas, das auch der Sohn wenn immer möglich vermeidet. Hocaoglu empfindet gleichsam körperliche Schmerzen, wenn jemand in seiner Umgebung schreit. Er habe auch schon eingegriffen, wenn Eltern ihre Kinder angeschrien oder mit Schlägen bedroht hätten.

Hocaoglu spricht vier Sprachen und ist seit 15 Jahren im Besitz des Schweizer Passes.

Hayri Hocaoglu ist seit über 15 Jahren Schweizer, Kilchberger, wie er lachend präzisiert. Fast jeden Winkel der Schweiz hat er besucht; kulturelle Gegensätze wie das international ausgerichtete Basel und das traditionalistische Appenzell haben es ihm besonders angetan. Er spricht vier Sprachen, zählt Dostojewski und Thomas Mann zu seinen Lieblingsautoren. Eine akademische Karriere strebte er jedoch nie an. Die Ausbildung zum Psychiatriepfleger, hätte er gerne gemacht, die Aufnahmeprüfung bestand er ohne Probleme. Doch der anstehende Militärdienst in der Türkei vereitelte seine Pläne. Heute habe er zwar keinen Titel, sagt Hocaoglu. «Aber die Ausbildung habe ich schon lange.» Er rede mit den Menschen vielleicht nicht nach psychiatrischem Lehrbuch, dafür mit seinem Herzen.

Zufriedenheit statt Trinkgeld

Das Schönste für ihn sei, wenn Patienten – oder eben Gäste – vor ihrem Austritt zu ihm kämen und sich bei ihm bedankten, erzählt Hocaoglu. Manche wollen ihm ein Trinkgeld geben, doch das lehnt er ab. «Ihre Zufriedenheit ist für mich das grösste Trinkgeld.» Zu zahlreichen ehemaligen Patienten pflegt er bis heute Kontakt. So hat der gläubige Muslim viele Jahre lang am 24. Dezember Weihnachten mit einigen alten Frauen gefeiert, die keine Angehörigen mehr hatten. Und dass er nach seiner Pensionierung weiterhin auf freiwilliger Basis alte Menschen betreuen will, ist für ihn heute schon klar.

Beim Abschied schweift der Blick über den Zürichsee, welcher dem Sanatorium quasi zu Füssen liegt. Und dann kommt plötzlich doch noch ein wenig Melancholie auf in diesem Gespräch über das Wesen der Freundlichkeit. Wann immer es ihm möglich sei, gehe er mit seiner Frau zu einem nahe gelegenen Aussichtspunkt und schaue über den See, am liebsten abends, wenn die Lichter funkelten, erzählt Hayri Hocaoglu. Dann erwacht die Erinnerung an Istanbul, die Stadt seiner Kindheit und Jugend, die er mehrmals im Jahr besucht. Besuchen muss, wie er sagt. In der übrigen Zeit aber, da ist der Zürichsee sein Bosporus. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 13.02.2019, 15:42 Uhr

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