Brexit

Der Schweizer in England will bleiben, der Brite in Thalwil will raus

Der drohende Austritt Grossbritanniens aus der EU beschäftigt auch in der Region. Wir haben mit einem Briten in Thalwil und einem Thalwiler in Grossbritannien gesprochen.

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Die Wirren um den Brexit beschäftigen die Briten nun seit Jahren. Gibt es Ende Oktober einen ungeordneten Brexit, einen geordneten oder vielleicht ein zweites Referendum? Die Schweiz versucht vorzusorgen: Anfang Jahr hat sie mitGrossbritannien zwei Abkommen abgeschlossen, die für eine Übergangsperiode die Aufenthaltsrechte und den Zugang zum Arbeitsmarkt im jeweils anderen Land sichern sollen.

Die Briten mögen es am Zürichsee

Auch am Zürichsee schaut man gebannt auf das Inselreich, schliesslich leben zahlreiche Personen mit britischem Pass in der Region. Laut dem statistischen Amt des Kantons Zürich lebten letztes Jahr 3178 Briten in den Bezirken Horgen und Meilen. Die Konzentration der Briten rund um den Zürichsee ist gemäss dem Amt sehr hoch, weil sie sich das Wohnen in den teuren Gemeinden leisten können. Die meisten der britischen Expats hierzulande besitzen einen Hochschulabschluss. Zudem sind auch mehrere internationale Schulen hier angesiedelt. In diesen Schulen wird der Brexit auch diskutiert, wie Michaela Seeger, die Sprecherin der Zurich International School in Wädenswil, bestätigt. Lehrer, Schüler und Eltern würden sich damit auseinandersetzen. Die Schule hat im Frühling – ursprünglich war der Brexit auf den 29. März terminiert – einen Absolventen der Schule eingeladen, der nun für die britische Regierung arbeitet, um das Thema mit den Oberstufenschülern zu diskutieren.

Letztes Jahr lebten 3178 Briten in den Bezirken Horgen und Meilen.

Grossbritannien und vor allem London sind bei den Schweizern als Ferienziel wiederum beliebt. London steht bei den Flugzielen aus der Schweiz unangefochten an erster Stelle: Letztes Jahr flogen mehr als fünf Millionen Passagiere aus der Schweiz in die britische Hauptstadt. Einige zieht es für längere Zeit ins Königreich. Auch sie müssen sich damit auseinandersetzen, was der Brexit für ihre Zukunft bedeutet. Diese Zeitung hat mit einem Auswanderer über die Stimmung in Grossbritannien gesprochen und einen Einwanderer zu seinen Befürchtungen zum Brexit befragt.

Zum Lernen in Cambridge

Constantin Kilcher, 24, deutsch-schweizerischer Doppelbürger, zurzeit wohnhaft in Cambridge

«Es gibt immer noch ein allgemeines Unwohlsein darüber, dass der Brexit alle anderen politischen Themen verdrängt. Viele sind frustriert, weil die Optionen bekannt sind, aber keine im englischen Parlament eine Mehrheit finden kann. Ich bin seit September an der Universität Cambridge und mache einen Masterabschluss in Geschichte. Als ich zu Hause in Thalwil den Entscheid für diese Uni traf, wusste ich also schon, worauf ich mich mit dem ganzen Brexit-Drama einliess. Aber Cambridge ist eben eine tolle Hochschule. Ich werde daher auch hier doktorieren, obwohl mich meine Professoren vor der unsicheren Zukunft warnen. Ich sehe aber keine gröberen Probleme auf mich zukommen, da ich ja nur ein paar Jahre hier sein werde, keine Steuern zahle und mich auch nicht an die hiesige Altersvorsorge anschliessen muss.

Cambridge ist eine Remainer-Hochburg, daher merke ich hier nichts von der fremdenfeindlichen Stimmung, die es an anderen Orten gibt. Ich bewege mich vorwiegend in linksliberalen und grünen Kreisen, in denen das Ja zum Brexit definitiv zur politischen Mobilisierung beigetragen hat. Die extreme Natur der Abstimmung bedeutet auch, dass die Politik wieder wichtiger wird. Beim Brexit zieht sich definitiv ein demografischer Graben durch Grossbritannien. Es ist ermutigend, zu sehen, dass meine Generation keine Lust auf den Brexit hat.

«Es ist ermutigend, zu sehen, dass meine Generation keine Lust auf den Brexit hat.»

In das Abkommen zwischen der Schweiz und Grossbritannien habe ich kein grosses Vertrauen. Die zukünftige Beziehung zwischen England und der EU wird auch die Beziehung England - Schweiz bestimmen; diese lässt sich daher noch kaum voraussagen. Aufgrund dieser Unsicherheiten habe ich mich noch nicht um die Formalitäten meines weiteren Aufenthalts gekümmert.

Nun ist auch die Idee einer zweiten Abstimmung aufgekommen. Gewisse Leute behaupten, ein zweites Referendum zum Brexit wäre antidemokratisch, da der Volkswille feststehe. Aber am Beispiel der Schweiz kann man sehen, dass Meinungen eben revidiert werden können. Dank der hohen Frequenz der Abstimmungen gibt es in der Schweiz ein Grundvertrauen in demokratische Entscheidungsfindungsprozesse, auch wenn Entscheidungen später wieder revidiert werden.

Meine Sicht auf das Verhältnis zwischen der Schweiz und der EU hat sich aufgrund des Brexit geändert. Ein Platz am Tisch ist sinnvoller. Grossbritannien steuert nun auf das schweizerische oder norwegische Modell zu, und alle wissen, dass es eine Herabstufung ist. Ein Platz am Tisch bedeutet in dieser vernetzten Welt mehr Souveränität.»

Er zieht die Schweiz Grossbritannien vor

Vangelis Ioannides, 46, britisch-schweizerischer Doppelbürger, wohnhaft in Thalwil

«Die Brexit-Abstimmung habe ich verpasst, weil ich die Registration zu spät in Angriff genommen habe. Ich hatte Angst vor dem Referendum, weil ich nicht wusste, was ich stimmen sollte. Mein Herz sagte Ja zum Brexit, aber mein Kopf sagte Nein. Wahrscheinlich hätte ich aber für den Verbleib gestimmt, weil ich nicht den Mut gehabt hätte, das Richtige zu tun.

Die EU hat sich zu einem bürokratischen Monster entwickelt, das überall Druck ausübt. In der Schweiz erleben wir das mit dem Rahmenabkommen. Ein souveränes Land muss seine eigene Wirtschaft, Gesetze und Justiz kontrollieren. Die Regierung sollte dem Volk dienen, wie es in der Schweiz der Fall ist. In der EU ist es genau umgekehrt. Darum bin ich eigentlich für den Brexit.

Allerdings war ich skeptisch, weil wir ohne konkreten Plan über den Austritt abstimmen sollten. Die ganze Kampagne wurde sehr emotional geführt. Es gab viel Desinformation, teilweise waren die Leute unglaublich leichtgläubig.Jetzt erlebe ich immer wieder sehr emotionale Diskussionen, da alle der Meinung sind, es gebe nur eine Lösung. Es gibt auch eindeutig einen Graben zwischen den Generationen. Die älteren Leute wollen den Brexit, die jüngeren nicht. Das ist ironisch, da es vor allem die Jungen sind, die mit den Folgen leben müssen.

«Mein Herz sagte Ja zum Brexit, aber mein Kopf sagte Nein.»

Ich arbeite als Vermögensverwalter bei einer Privatbank in Zürich, und wir haben nun bei den Grossbritanniengeschäften mit einiger Unsicherheit zu kämpfen. Die Situation in Grossbritannien wird nun auf viele Jahre hinaus schwierig sein. Ich befürchte soziale Unruhen. Die Ausländerfeindlichkeit ist wieder angestiegen. Meine grösste Angst ist eine Wirtschaftskrise, wie sie Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg erlebt hat.

Ich lebe seit 20 Jahren in der Schweiz und bin sehr stolz auf die direkte Demokratie. Das politische System in Grossbritannien gefällt mir weniger. Die Politiker repräsentieren vor allem die Interessen der Parteien und nicht diejenigen ihrer Wähler. Die Schweiz sollte nicht in die EU eintreten, die Nachteile überwiegen eindeutig. In einer multinationalen Demokratie wird ihre Stimme nicht gehört.

Einem zweiten Referendum stehe ich skeptisch gegenüber. Die erste Abstimmung war ganz klar bindend, auch wenn einige Personen nun etwas anderes behaupten. Der Wille der Bevölkerung muss respektiert werden. Zudem wäre eine weitere Abstimmung aufgrund der jetzigen Ausgangslage sinnlos. Wir wissen nicht, was die Folgen der einzelnen Optionen sind. Die Unsicherheit ist beängstigend. Folgt jetzt das Chaos?»

Aufgezeichnet von Olivia Tjon-A-Meeuw

Erstellt: 25.09.2019, 10:26 Uhr

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