Sihlwald

Der Kaiser strippt im Märliwald

Kleider können nicht nur Leute machen, sondern sie auch nackt dastehen lassen. Dies zeigt das Stück des Turbine-Theaters «Em Kaiser sini neue Chleider». Premiere war am Samstag.

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Ein kleidersüchtiger Kaiser (Beat Gärtner), ein schlauer Weber (Yves Ulrich), der lieber Guetsli knabbert anstatt zu arbeiten, und eine schöne Prinzessin (Ramona Fattini), die emanzipiert die Sihlwaldbühne betritt. Dazu ein eleganter Oberhofmeister (Frank Bakker), zwei muntere Kammerzofen (Mareen Beutler, Pascale Sauteur) und zuletzt Oberhofschneider Rümpfli (Nico Jacomet) als ungeschickter wie gehorsamer Diener seines Herrn, der die Herzen der Zuschauer bald gewinnt. So startet «Em Kaiser sini neue Chleider».

Laut gelacht wird, wenn dem Kaiser eine Nadel in seinem Allerwertesten stecken bleibt, worauf der Weber entlassen und ein neuer engagiert wird. Seine Job-Offerte: Er webe Stoffe, die farbiger seien als der kunterbunteste Regenbogen und leichter als Spinnweben. Sein Zwirn sei so exklusiv, dass Leute, welche ihres Amtes nicht würdig oder dumm seien, ihn nicht einmal sehen würden.

Nun darf der Kaiser keinesfalls sein Gesicht verlieren, und alle machen mit bei der imaginären Stoffkreation. Es ist, so wie bei anderen Sihlwald-Aufführungen, ein magischer Moment, wenn sich die Bühnenwände in Richtung Sihl öffnen. Der Sihlwald avanciert dann als Kulisse des bunten Kaisermärchens vollends zum Märchenwald.

Vorgabe Bühnenbild

Dem Team rund um Regisseur Nico Jacomet gelang eine Inszenierung, die den langgezogenen Bühnenraum mit Slapstick und Spannung füllt. Dazu kommen Kostüme, die eine Augenweide sind. Kindgerecht zeigt sich die Dramaturgie: Der Kaiser als Buhmann und der Weber als listiger Jüngling, der den mächtigen Herrn austrickst. Es ist auch ein Stück für die Familie. Erwachsene können schmunzeln bei Anspielungen auf Zalando oder «Germany’s next Topmodel».

Hans Christian Andersen hat das Märchen «Des Kaisers neue Kleider» 1837 geschrieben. Es geht auf eine spanische Erzählung aus dem 14. Jahrhundert zurück. Dass es immer wieder für ein kindgerechtes Theaterstück taugt, beweist, dass es seit Jahren auf vielen Bühnen als Grundlage genommen wird.

Nico Jacomet hat eine eigene Bühnenversion auf Schweizerdeutsch geschrieben. Warum er gerade «Des Kaisers neue Kleider» gewählt habe, dafür gebe es zwei Gründe, erklärt der 29-Jährige. Einerseits das vorgegebene Bühnenbild mit hautfarbenen Stoffbahnen von der Abendvorstellung des Shakespeare-Stücks «Was ihr wollt», denn um Gewobenes gehe es ja auch beim Kaiser. Anderseits war es das erste Stück, das der in Kilchberg aufgewachsene Jacomet als Kind auf der Bühne gesehen habe.

Neues Theaterkonzept

Der junge Regisseur hat schon einige Erfahrung im Kinder- und Jugendtheater. Letztes Jahr hat er bei der Zürcher Märchenbühne mitgespielt und 2007 das Jugendtheater NI&CO mitbegründet. «Kinderlachen ist ein grossartiges Geschenk», sagt er. Seit 13 Jahren bespielt das Turbine-Theater im Sommer die Sihlwaldbühne.

Nun ist für den Nachmittag ein Kindertheater dazugekommen. Prinzipal Peter Niklaus Steiner spricht von einem neuen Theaterkonzept. Er sagt, es seien ein paarmal Ideen aufgetaucht, man könnte etwas für Kinder machen. «Nun hat sich eine Gruppe gebildet, die das mit Bravour geschafft hat.» «Theater im Märliwald» sei quasi ein Pilotversuch. Er würde sich freuen, dies im nächsten Jahr weiterzuführen.

Das Publikum ist sehr zufrieden und spendet den verdienten Applaus. Was hat dem neunjährigen Thierry am besten gefallen? «Als der Kaiser so ausgezogen dastand», meint er mit einem verschmitzten Lachen. Selbiges bilanzieren auch zwei weitere Knaben als Höhepunkt und verlangen sodann von ihrem Mami die versprochene Glace.

«Em Kaiser sini neue Chleider» Besucherpavillon Wildnispark, Sihlwald. Weitere Aufführungen am Mittwoch, Samstag und Sonntag, um 14 Uhr; bis 4. August. Weitere Infos auf turbinetheater.ch.

Erstellt: 14.07.2019, 19:11 Uhr

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