Richterswil

Das lebenslange Engagement eines 68ers für die Entwicklungshilfe

50 Jahre sind seit 1968 vergangen: Was kam damals in Gang und was wurde erreicht? Der Richterswiler Richard Gerster, schweizweit anerkannter Fachmann für Entwicklungszusammenarbeit, erinnert sich.

Richard Gerster war lange Zeit Geschäftsleiter der Arbeitsgemeinschaft für Hilfswerke, heute ist der Richterswiler für Alliance Sud, einem entwicklungspolitischen Think tank, tätig.

Richard Gerster war lange Zeit Geschäftsleiter der Arbeitsgemeinschaft für Hilfswerke, heute ist der Richterswiler für Alliance Sud, einem entwicklungspolitischen Think tank, tätig. Bild: Manuela Matt

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Erstarrtes und die geistige Enge aufzubrechen, darum ging es in den 68ern. Um die Befreiung von Herrschaft im weitesten Sinn, Kampf für Gleichberechtigung, Solidarität mit der Dritten Welt und deren Befreiungsbewegungen. Auch der Richterswiler Richard Gerster wurde durch die 1986 geprägt. Damals studierte er Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität St. Gallen. «Ich nahm an Diskussionszirkeln teil, die sich mit dem Ost-West-Konflikt oder der Entkolonialisierung beschäftigten», sagt er.

Der Biafra-Krieg und die Widersprüchlichkeit der Rolle der Schweiz sei für ihn sehr prägend gewesen. Damals haben Flugzeugabwehrkanonen aus der Schweiz auf Rot-Kreuz-Flugzeuge geschossen haben, die der Bevölkerung Hilfe hätten bringen sollen. «Diese Widersprüchlichkeit hat man in meinen Kreisen sehr wohl wahrgenommen. Das hat mich politisiert», sagt Gerster. «Die Berichte über Befreiungskriege haben mein Sensorium geschärft für Ungerechtigkeit und ungleiche Lebenschancen.»

Schön früh politisch aktiv

Bereits als 11-jähriger Knabe habe er die Umwälzungen in der dritten Welt wahrgenommen. Als er Briefmarken sammelte, sagt Richard Gerster. «Das stand auf der Briefmarke plötzlich Ghana und nicht mehr Goldküste, wie die britische Kronkolonie vorher hiess», erinnert er sich.

Obwohl Gerster sich für mehr Gerechtigkeit einsetzen wollte, dachte er nie daran, so wie der junge Jean Ziegler persönlich an derlei Kämpfen in der dritten Welt teilnehmen. «Für mich hat die Schweiz als demokratisches Land Einflussmöglichkeiten auf der politischen Ebene geboten, die ich nutzen wollte.» 1968 reichte er daher eine Einzelinitiative im Zürcher Kantonsrat ein. Sie verlangte einen abgestuften Zuschlag von zehn Prozent auf Einkommens- und Vermögensteuer für die Entwicklungshilfe. «Uns geht es so gut, dass wir immer weniger an die anderen denken», argumentierte der damals 22-jährige. Seine Initiative wurde zwar abgelehnt, habe aber dennoch den Anstoss für eine grössere Debatte gegeben. Ausserdem seien danach auch grössere Beiträge aus dem Lotteriefonds an Entwicklungshilfe-Projekte geflossen.

Ein weiterer Meilenstein in der Entwicklungshilfe war die 1968 lancierte Erklärung von Bern, heute als Public Eye bekannt. Diese prangerte immer wieder Umweltschutz- und Menschenrechtsverletzungen von internationalen Konzernen an. Gerster war Erstunterzeichner. «Neu und wichtig war, dass man die Beziehung zwischen der Schweiz und der Dritten Welt ganzheitlich betrachtet hat. Neben der Hilfe, wurden neu auch die Finanz- und Handelsbeziehungen, sowie die Schweizer Waffenlieferungen thematisiert.»

Jute statt Plastik

Auch Gerster setzte sich für die Umwelt ein, ging in den achtziger Jahren mit einem etwas faserigen Jute-Sack einkaufen, wie er schmunzelnd bestätigt. «Jute statt Plastik» wurde von der Erklärung von Bern propagiert. Der Sack war eine ökologische Alternative zu den Plastiksäcken und gleichzeitig eine Unterstützung für die verarmte Bevölkerung in Bangladesh.

Trug er damals lange Haare?. «Nein, sie waren nur etwas länger als heute», sagt Gerster. Neben dem politischen Engagement hielt 1968 ein neuer Lebensstil auch im Wohnen Einzug. Von 1976 bis 1984 lebte Familie Gerster zusammen mit zwei anderen Paaren in Richterswil in einer Wohngemeinschaft. «Die Klischees, die es über derlei Wohnformen gibt, waren bei uns nicht zutreffend. Wir sind im Dorf akzeptiert gewesen», sagt der Richterswiler. Er engagierte sich in der Gemeinde in der Arbeitsgruppe Dorfbild, war Mitglied der Schulpflege, Gründungsmitglied der Grünen Partei im Bezirk Horgen und ist 1987 in den Kantonsrat gewählt worden.

Bedürfnisse genau abwägen

1968 gab es noch keine gesetzliche Grundlage zur Entwicklungshilfe. Es lag in der aussenpolitischen Kompetenz des Bundesrats, dafür Gelder zu bewilligen. 1972 kamen Bestrebungen im Parlament auf, eine explizite gesetzliche Grundlage zu schaffen. Diese ist 1976 in Kraft getreten. Ein wichtiger Artikel des Dekretes setze fest, dass der Bund ganz besonders die Bedürfnisse der ärmeren Länder, Regionen und Bevölkerungsgruppen zu berücksichtigen habe, sagt Gerster. Das beinhalte, dass der Bund nicht einfach ein Land generell unterstützen dürfe, sondern sicherstellen müsse, wer von diesen Geldern profitiert. «Das war ein wichtiger Schritt in der Entwicklungshilfe. Andere Länder haben meines Wissens keine derartige gesetzliche Bestimmung», sagt er.

Natürlich kämpfe die Entwicklungshilfe noch immer mit vielen Schwierigkeiten. Trotzdem gibt es Hoffnung. «In Mosambik, wo der Bund den Aufbau des Steuerwesens unterstützte, haben die Staatseinnahmen etwa stark zugenommen haben», sagt Gerster. «Mit der Verwendung der Gelder steht jedoch nicht alles zum Besten», ergänzt Gerster kritisch.

Sein Engagement für die Dritte Welt zeigte der 72-jährige kürzlich am Zürich Marathon, wo er Geld für Helvetas sammelte, damit Kinder in Afrika sauberes Wasser trinken und zur Schule gehen können. Ein Anliegen, für das er sich seit 1972 an vorderster Front einsetzt. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 17.05.2018, 13:51 Uhr

Zur Person

Nach Abschluss des Studiums der Ökonomie an der HSG in St. Gallen arbeitete Richard Gerster (Jahrgang 1946) zwei Jahre für Helvetas in Kamerun. Wieder zurück in der Schweiz war Gerster für Helvetas tätig und betreute zahlreiche Projekte. Danach war Geschäftsleiter der Arbeitsgemeinschaft für Hilfswerke, heute ist er für Alliance Sud tätig. Gerster ist Autor zahlreicher Bücher und seit 1998 selbstständig mit seinem Unternehmen Gerster Consulting, das Regierungen, Stiftungen und Hilfswerke berät. (gs)

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