Horgen / Glarus

Auf Horgens Stuhl sitzt die Schweiz

Die älteste Möbelmanufaktur der Schweiz in Glarus baut noch heute den Klassiker aller Stühle. Die Geschichte des zeitlosen «Beizenstuhls» nahm in Horgen ihren Anfang.

Die «ag Möbelfabrik Horgenglarus» produziert pro Tag 120 Stück des berühmten Modells «Classic 1-380».

Die «ag Möbelfabrik Horgenglarus» produziert pro Tag 120 Stück des berühmten Modells «Classic 1-380». Bild: Sabine Rock

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Schlicht, schwarz und schnörkellos. Mehr braucht ein Stuhl nicht, um sich in das kulturelle Gedächtnis einer Nation zu brennen. Kaum ein anderes Sitzmöbel stieg so rasant zum Schweizer Kulturgut auf, wie der klassische «Beizenstuhl».

Mit seinen schwungvollen Hinterbeinen, der gebogenen Lehne und der leicht runden Sitzfläche wirkt er so zeitlos, dass ihm bisher keine Mode etwas anhaben konnte. Der «Classic 1-380» wie ihn der Hersteller Horgenglarus nennt, steht seit über hundert Jahren in den Schweizer Wohnzimmern. Vom Urvater aller Horgenglarus Stühle inspiriert, schafften es seine Nachfolgemodelle in den Bundesratssaal, auf das Jungfraujoch, in das Opernhaus Zürich, in die Vogelwarte Sempach oder in die Marienkirche in Samstagern.

Ein Horgner Pionier

Begonnen hat die Geschichte des Beizenstuhls und der ältesten Stuhl- und Tischmanufaktur der Schweiz 1880. Und zwar nicht in Glarus, wo der Stuhl heute ausschliesslich hergestellt wird, sondern in Horgen. Emil Baumann eröffnete an der Zugerstrasse in der Unteren Mühle, wo heute eine UBS-Filiale steht, eine Schreinerei.

Als einer der ersten Schreiner wollte Baumann seine Stühle seriell herstellen, aber in einer Qualität, die mit Einzelanfertigungen mithalten konnte. Er griff daher die in Deutschland und Österreich verbreitete Bugholztechnik auf. Bei dieser wird das Holz nicht gesägt und geschraubt, sondern unter Wasserdampf erhitzt und danach gebogen. Das ermöglicht einerseits einen schnelleren Arbeitsprozess, andererseits einen stabileren Sitz. Nachdem Emil Baumann einige Jahre Kinderstühle hergestellt hatte, entwarf er 1918 den Beizenstuhl. Die Belle Époque und der aufkommende Tourismus begünstigten Baumanns Arbeit. Hotels und Restaurants überhäuften ihn mit Aufträgen.

Bereits vor seiner Erfindung des Beizenstuhls brauchte Emil Baumann 1902 mehr Platz. Seine Wahl für einen zweiten Standort fiel auf Glarus, weil die Gemeinde in einem der ersten Kantone mit einem ausgereiften Arbeitsrecht lag und eine grosse Entwicklungsfläche besass. Nach dem Zweiten Weltkrieg, lange nach Emil Baumanns Tod, wurde die Schreinerei in der Unteren Mühle in Horgen geschlossen. Der Kulturfonds Horgen widmet der Geschichte des Stuhls und seines Erfinders nun eine besondere Ausstellung.

«Was zu Zeiten von Emil Baumann als Industriell galt, nennt sich heute Manufaktur.»Marco Wenger, Geschäftsführer Horgenglarus

Noch heute produziert die «ag Möbelfabrik Horgenglarus», die mittlerweile zur Firmengruppe der Familie Von Nordeck gehört, um die 120 Stühle pro Tag. Ein Augenschein am Fusse der Glarner Alpen zeigt, wie die Möbel heute hergestellt werden.

Betritt man das Fabrikareal um den auffallenden Kamin aus roten Ziegelsteinen, fühlt man sich in der Zeit zurückversetzt. Das 10'000 Quadratmeter grosse Gelände der «Möbeli», wie die Glarner Horgenglarus nennen, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut. Es riecht nach frisch gesägtem Holz und nach Lack. In einem langen Saal des altehrwürdigen Gebäudes stehen die rund 80 Stuhlmodelle der Firma in einer Reihe. Sie alle sind verschieden und doch zieht sich das Schlichte und Zeitlose wie ein roter Faden durch das Sortiment. Architekten und Gestalter wie Max Bill, Werner Max Moser, Max Ernst Haefeli oder Hannes Wettstein stecken hinter den Designs.

«Pro Jahr kommen lediglich ein bis zwei neue Modelle hinzu», sagt Marco Wenger, der seit 2012 Geschäftsführer von Horgenglarus ist. Damit ein Stuhl im Sortiment aufgenommen wird, muss er die fünf wesentlichen Kriterien erfüllen: zeitlos, filigran, stabil, bequem und funktional muss er sein.

In der Firma arbeiten rund 50 Mitarbeiter. Jeder ist für einen anderen Arbeitsschritt zuständig. So legt ein Stuhl während seiner Produktion etwa 850 Meter durch die Fabrikhallen zurück, bis jeder Arbeiter seine Handgriffe vollbracht hat. «Was zu Zeiten von Emil Baumann als industriell galt, nennt sich heute Manufaktur», sagt Wenger.

Am Anfang war das Holz

Im Innenhof der Fabrik türmen sich Holzstapel auf. Es sind vor allem Stämme von Buchen und Eichen, die aus dem Kanton Jura angeschafft wurden. Da dort die Bäume wegen des feuchten und kalten Klimas eher langsam wachsen, liegen die Jahrringe besonders dicht beieinander, was das Holz robust macht. Zuerst werden die Stämme zerkleinert. In einer Werkstatt türmen sich Stapel an Holztranchen auf. Ein Mitarbeiter zersägt diese in gleichmässige Latten. Die Hälfte des Holzes ist mit Rinde, Rissen oder Astlöchern versehen und kann nicht für die Herstellung der Stühle gebraucht werden. Der Verschnitt landet in der Heizanlage des Betriebs.

Wie vor 140 Jahren werden die Holzplanken nun nicht zersägt, sondern zwei Stunden bei 100 Grad Celsius in alten Eisenrohren erhitzt. Der Wasserdampf macht das Holz gefügig. Ist die Latte mittels metallener Schablone in die richtige Form gebogen, wird sie mehrere Stunden getrocknet. Die beiden Enden werden anschliessend mit gewöhnlichem Weissleim zusammengeklebt. Diese Technik macht das Holz enorm stabil. Nach den uralten Eisenrohren kommt der Stuhl in die modernste Abteilung der Fabrik: die Robotik. Ratternde Maschinen schneiden und schleifen die groben Stücke in präzise Stuhl- und Tischteile.

In der Fabrik hat alles seinen Platz. Tausende Holzstücke, halbfertige Stühle und Werkzeuge liegen, hängen und stehen in den Hallen. Alles fein säuberlich sortiert. «Ohne Ordnung geht hier nichts», sagt Marco Wenger und schiebt die Markierung auf einem Kalender auf den aktuellen Tag. Er geht an einer Wand voller hölzernen Schablonen vorbei. Will ein Handwerker überprüfen, dass seine geschliffene Stuhllehne die richtige Grösse und Form hat, kann er sich hier vergewissern.

Die Stuhl- und Tischteile werden anschliessend von zwei Mitarbeiterinnen nach Farbton des Holzes und Muster der Jahrringe sortiert. Stuhlbeine und Rückenlehnen werden zusammengeschraubt und von Hand der Feinschliff vollzogen. Zwei Drittel der Stühle kommen dann in die Lackiererei. Auf einer Art Karussell lackieren die Mitarbeiter die Sitzmöbel mehrmals, bis sich der Lack ins Holz gezogen hat.

Letztlich muss jeder Stuhl in die finale Kontrolle. Nur wenn kein Stäubchen, keine raue Stelle und kein anderer Makel am Stuhl besteht, darf er die Fabrik verlassen.

Nur Auftragsarbeiten

Heute führt Horgenglarus ausschliesslich Auftragsarbeiten durch. Meistens für Restaurants, Hotels oder Büros. Ein Grossteil der Arbeit liegt auch in der Restaurierung bestehender Stühle. «Viele bringen ihre alten Möbel zurück, um sie bei uns restaurieren zu lassen», sagt Wenger. Da die Stühle heute noch grösstenteils gleich wie vor hundert Jahren geschreinert werden, kann jedes dort einst erstandene Sitzmöbel wieder gebaut werden.

Ausser der Geschichte und dem Wort «Horgen» im Firmennamen, verbindet die Glarner Manufaktur heute noch wenig mit der Seegemeinde. «Und trotzdem rede ich fast täglich über Horgen», sagt Wenger. Denn ohne Emil Baumann aus der Seegemeinde, hätte es das Unternehmen in den Glarner Alpen wohl nie gegeben.

Erstellt: 26.08.2019, 14:35 Uhr

Beizenstuhl

Eine Ausstellung mit einer aussergewöhnlichen Aktion

Der Kulturfonds Horgen widmet der Geschichte des Beizenstuhls und dessen Schöpfer Emil Baumann eine Ausstellung unter dem Motto SitzKULTUR. Vom 29. August bis am 30. September wird die Geschichte anhand von Texten, Bildern, Videos und Gegenständen aus der damaligen Zeit in der Schinzenhofgalerie erzählt. An der Vernissage am 29. August wird Gemeinderat Hans-Peter Brunner (FDP) den Historiker Hubertus Adam interviewen, der die Ausstellung mitorganisiert hat.

Am Samstag, 7. September wird das Highlight des Programms auf der Unteren Zugerstrasse beim Hotel Schwan stattfinden. Also ganz in der Nähe der Unteren Mühle, wo Schreiner Emil Baumann einst seine Werkstatt hatte. Der Kulturfonds Horgen hat eine lange Tafel mit 17 Tischen organisiert, die vom Restaurant Fontana bis zur Seestrasse reicht. Wer einen Horgenglarus Stuhl besitzt, kann diesen mitbringen. Pro Stuhl werden Glarnerspezialitäten wie Zigerhörnli, Chalberwurst oder Glarnerpasteten serviert.

Wer keinen Horgenglarus Stuhl besitzt, kann einen für 10 Franken vor Ort mieten. Für die Kinder wird ein mit Beizenstühlen besetztes Karussell von 10 bis 21 Uhr seine Runden drehen. Gemeindepräsident Theo Leuthold (SVP) und Marco Wenger, Geschäftsführer von Horgenglarus, halten am 7. September um 18.30 Uhr eine Ansprache. Bei schlechtem Wetter findet der Event im nahegelegenen Dorfplatzzelt statt. Zudem wird es vom 4. bis 6. September jeweils von 17 bis 22.30 Uhr sowie am 7. September von 10 bis 22.30 Uhr eine Freiluftbar beim Hotel Schwan geben. (hid)

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