Wädenswil

An diesen 30 Kirchenbänken scheiden sich die Geister

Um Platz zu schaffen für die Anlässe im Jubiläumsjahr der Grubenmannkirche entfernten die Veranstalter 30 Kirchenbänke. Um diese hat sich jetzt eine Diskussion entfacht: Die Pfarrpersonen und eine Interessengemeinschaft wollen die Bänke nicht zurückhaben. Andere unbedingt.

Die 30 fehlenden Kirchenbänke in der Grubenmann-Kirche ermöglichten Begegnungen, sagen die Freunde des Freiraums. Das Baudenkmal werde zerstört, sagen die Freunde der Kirchenbänke.

Die 30 fehlenden Kirchenbänke in der Grubenmann-Kirche ermöglichten Begegnungen, sagen die Freunde des Freiraums. Das Baudenkmal werde zerstört, sagen die Freunde der Kirchenbänke. Bild: Manuela Matt

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie stark darf sich eine Kirche modernisieren, ohne Identität zu verlieren? Diese Frage, die heute die Kirchen bewegt, manifestiert sich in der reformierten Kirche Wädenswil in Gestalt von 30 Kirchenbänken. Die Frage, ob es diese Kirchenbänke braucht oder nicht, spaltet die Mitglieder in zwei Lager. Anfang Jahr wurden 30 Kirchenbänke aus der denkmalgeschützten Grubenmannkirche entfernt. Die Veranstalter der Feierlichkeiten zum 250-Jahre-Jubiläum der Kirche wollten Platz schaffen für verschiedene Aktivitäten. 1000 der 1275 Sitzplätze blieben verfügbar.

Der neue Freiraum stiess auf Begeisterung und Kritik zugleich. Zu den Befürwortern gehört eine Interessengemeinschaft mit dem Namen «FreiRaum Kirche», die rund 70 Mitglieder zählt. Die IG wünscht sich, dass sich die Kirchenpflege bei der kantonalen Denkmalpflege dafür einsetzt, einen Teil der Bänke dauerhaft aus der Kirche zu entfernen. Sie hat deshalb eine Petition lanciert und wird diese an der Kirchenpflegeversammlung vom 3. Dezember überreichen. Knapp 400 Personen haben unterschrieben.

Mehr Begegnungen möglich

Der neue Freiraum helfe, die Kirche zu einem lebendigen Ort der Begegnung zu machen, sagt Jürg Boos, Mitbegründer der IG und ehemaliger Vize-Kirchenpflegepräsident. Angesichts schwindender Mitgliederzahlen in den Kirchen müsse man sich fragen: «Wer will dieses Baudenkmal in 20 Jahren noch erhalten, wenn es nicht mehr genützt wird?» Gesucht sei jetzt ein bauliches Konzept, das den Freiraum ermögliche, denkmalpflegerisch wertvolle Elemente jedoch bewahre.

Der neue Freiraum helfe, die Kirche zu einem lebendigen Ort der Begegnung zu machen, sagt Jürg Boos, Mitbegründer der IG und ehemaliger Vize-Kirchenpflegepräsident.

Für die Beibehaltung des Freiraums plädieren auch die Pfarrpersonen der reformierten Kirche. «Der Freiraum inspiriert mich», sagt beispielsweise Pfarrer Ernst Hörler. Er bringt auch praktische Gründe für die dauerhafte Entfernung der Bänke vor. Hochzeitspaaren mit wenig Gästen sei es oft unwohl gewesen in der grossen Kirche. »Jetzt aber können wir im freien Raum Stühle aufstellen und schaffen damit eine behaglichere Atmosphäre», sagt er. «Besucher von Gottesdiensten oder Veranstaltungen bleiben länger, weil sie sich auf der freien Fläche begegnen können.» Verlege man den Apéro nach solchen Veranstaltungen ins Kirchgemeindehaus, blieben längst nicht so viele, hat Hörler beobachtet.

Als weiteren positiven Aspekt nennt er die Funktion der leeren Fläche als Bühne. Bisher zahlte die Stadt Wädenswil einen Beitrag, wenn lokale Vereine für Konzerte über den Kirchenbänken eine Bühne errichten wollten. Dieser Beitrag fällt jetzt weg. Blieben die Bänke draussen, müsste keine Bühne mehr errichtet werden.

Versprechen halten

Ein Kritiker des Freiraums ist Peter Ziegler, Historiker aus Wädenswil und Verfasser etlicher Werke über die Grubenmann-Kirche. Ihm passt nicht, dass die Kirche sich nicht an die Vereinbarung halten will, die sie mit der kantonalen Denkmalpflege getroffen hat; die Bänke Ende Januar 2018 wieder zu installieren. «So etwas geschieht nicht zum ersten Mal», sagt er und spielt damit auf zwei Stirnwände unter der Kanzel an, die trotz gegenteiliger Auflage dauerhaft entfernt wurden.

Ihm ist es wichtig, die Grubenmann-Kirche als Baudenkmal zu erhalten. Wichtiges Element der Kirche sei zum Beispiel das mit Bänken geformte Kreuz um den Taufstein: «Wenn wir dieses Geviert zerstören, machen wir das Werk kaputt.»

Dirigent Felix Schudel und Organistin Ursula Hauser, die viele Konzerte in der Grubenmann-Kirche geben, geht es auch um die Akustik: «Der Ton prallt an den Wänden ab und es hallt», sagt Ursula Hauser. Der Filzteppich auf dem Podium helfe nur begrenzt und schlucke den Klang, sagt Felix Schudel. «Man fühlt sich als Musiker etwas allein, wodurch der Zusammenklang leidet.» Er wäre dafür, eine Mittellösung auszuprobieren und jene Bänke unter der Empore wieder hineinzustellen. «Da hätte man immer noch einen grossen Freiraum.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 22.11.2017, 15:29 Uhr

Wie es weitergeht?

Wie aber stellen sich die Entscheidungsträger zur Kirchenbankfrage? Sowohl Kirchenpflegepräsident Peter Meier als auch die kantonale Denkmalpflege vertrösten auf später. Die Kirchenpflege begrüsse den Input der IG und werde Stellung nehmen, wenn die Petition ein­getroffen sei, sagt Peter Meier.

Die kantonale Denkmalpflege will Auskunft geben, wenn sie mit der Kirchenpflege über die Bedürfnisse diskutiert und ­gemeinsam nach Lösungen ­gesucht hat. Dies wird laut ­Auskunft der Denkmalpflege im ersten Quartal 2018 der Fall sein. (rau)

Artikel zum Thema

Kirchenbänke entfernen für eine moderne Kirche

Wädenswil 30 Sitzbänke sind in der Grubenmannkirche in Wädenswil entfernt worden. Der grosse Aufwand soll zu mehr Möglichkeiten führen, das Kirchenleben modern zu gestalten. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!