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In einer Welt ohne CoronaHiller träumt, Biel triumphiert

So hätte es am Wochenende sein können: Biel macht den grossen Schritt und feiert die Eishockey-Meisterschaft – der EV Zug bleibt in der Warteschlaufe.

Die Bieler jubeln mit ihrem Torhüter Jonas Hiller (Archivbild).
Die Bieler jubeln mit ihrem Torhüter Jonas Hiller (Archivbild).
Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Zug-Stürmer Lino Martschini zielt hoch. Trifft den Puck kaum. Die Scheibe gleitet auf Biels Goalie Jonas Hiller zu. Langsam. Ganz langsam. Plötzlich kleben dessen Schlittschuhe auf dem Eis, Hiller zieht und zieht, voller Hektik, kein Bein bewegt sich, verdammt noch mal, nicht einen Millimeter. Der Puck nähert sich in spöttischer Zeitlupe und … kullert zwischen den Schonern hindurch ins Tor. Hiller wird klar: Das wars, der Nackenschlag, von ihm verschuldet. Er blickt auf die Tribüne. Sieht seine Frau, die ihr Gesicht in den Händen vergräbt. Und denkt: Mensch, Hilli – deine Karriere könnte nicht grausamer enden.

Dann schreckt er auf, Hände und Haare bachnass, neben ihm liegt seine Frau, das Gesicht im Kopfkissen vergraben. Es ist mitten in der Nacht auf Samstag, 17 Stunden vor dem sechsten Finalspiel gegen Zug. Hiller schüttelt den Kopf, sagt sich: «Ein solches Ende willst du nicht. Und wirst du nicht haben.»

«Ein solches Ende willst du nicht. Und wirst du nicht haben.»

Jonas Hiller

Der Torhüter lacht, als er im vielleicht grössten Moment seiner grossen Karriere diesen Albtraum aus der Vornacht schildert. Drei Meisterschaften hat der Appenzeller mit Davos gewonnen, neun Jahre lang in der NHL gespielt. Nun erlebt er sein perfektes Ende, erfüllt sich mit 38 Jahren im letzten Spiel «diesen riesigen Wunsch, mit dem Meistertitel aufzuhören». Es ist Sonntag in der Früh, Biels Meisterparty auf dem Guisanplatz, für Hiller an Schlaf nicht zu denken.

Unweit entfernt erfährt Mathieu Tschantré im übervollen Eventlokal Volkshaus, wie viele Hände ein Mensch im Sekundentakt schütteln kann. «C’est fou», sagt Biels Captain nach links, «eifach nume geil» nach rechts. «Nach den beiden Zuger Siegen kehrten die bösen Geister zurück. Wir vertrieben sie. Das macht mich unglaublich stolz.» Tschantré, noch immer in Vollmontur, hüpft auf und ab. Die Schlittschuhkufen verewigen jede Landung im Holzparkett.

Die Rasenmäher sind wieder da

Tschantrés Geister und Hillers Albtraum belegen: Die Bieler waren vor dem sechsten Finalspiel gegen den EVZ wahrhaftig verunsichert. Obwohl sie 3:2 führten. Obwohl sie zuvor im Playoff ungemein stilsicher agiert, das unbequeme Genf im Viertelfinal in sechs und den favorisierten ZSC im Halbfinal gar in fünf Spielen eliminiert hatten. Weil sich auch Zug in der zweiten Runde gegen Davos kaum eine Blösse gegeben und nur eine Partie verloren hatte, begann die Finalserie früher als geplant. Auf den Punkt bereit war aber vorerst nur ein Team: jenes von Antti Törmänen.

Vorne traf Toni Rajala, provozierte Mike Künzle, luden Damien Brunner und Luca Cunti zum zweiten Frühlingswalzer. Hinten dokumentierte Beat Forster mit dem Messer zwischen den Zähnen sein Vorhaben, als erster Spieler in der Playoff-Ära sieben Titel zu erreichen. Und zwischen den Pfosten stach Hiller seinen ewigen Rivalen Leonardo Genoni aus. Biel flog, Biel gewann die ersten drei Finalspiele.

Treffen auf mehreren Ebenen: Biel-Goalie Jonas Hiller und Zug-Stürmer Lino Martschini.
Treffen auf mehreren Ebenen: Biel-Goalie Jonas Hiller und Zug-Stürmer Lino Martschini.
Foto: Anthony Anex (Keystone)

Zur Erinnerung: 2018 gegen Lugano und 2019 gegen Bern hatten die Seeländer im Playoff eine exzellente Ausgangslage verspielt. «Hören Sie auf mit dieser alten Leier», keifte Forster nach dem dritten Sieg. «Da ist längst Gras darüber gewachsen.» Allein: Zwei Zuger Erfolge später waren die Rasenmäher wieder allgegenwärtig.

Ruhnkes Ratschlag

Mit dem Rücken zur Wand befolgten die Zentralschweizer Kent Ruhnkes Ratschlag, der in seiner Tamedia-Kolumne gefordert hatte: «Die Zuger schubsen die Gegner nur herum. Sie müssen endlich den Kampf annehmen und den Knüppel auspacken. Sonst tragen sie Biel in der Sänfte zum ersten Titel seit 37 Jahren. Quizfrage: Wer war damals mit zarten 30 der grossartige Trainer jenes Meisterteams?»

Durch sein Comeback hatte der EVZ vor Spiel sechs im Seeland ordentlich Nervosität entfacht. Eine Melange aus Zweifel und Zuversicht lag am Samstagabend über der Tissot-Arena. Das Startdrittel verlief emotions- und torlos. Und dann rammte ausgerechnet Johann Morant dem Zuger Express einen Keil unter die Räder respektive einem Bieler den Ellbogen ins Gesicht. Der künftige ZSC-Verteidiger wird im Übrigen ohne Sperre davonkommen: Player Safety Officer Ryan Gardner verspürte an seinem 42. Geburtstag offenbar wenig Lust zum Visionieren und stellte keinen Antrag.

Die Bieler Fans mussten seit 1983 auf einen Titel warten.
Die Bieler Fans mussten seit 1983 auf einen Titel warten.
Foto: Peter Schneider (Keystone)

Den Bielern wird das egal sein. Sie nutzten den Restausschluss durch Rajala und Brunner. Martschini verkürzte mit einem Hocheckschuss (36.). Danach liess sich Hiller nicht mehr bezwingen. Als der Puck zwei Sekunden vor Schluss aus der Bieler Zone spediert wurde, eruptierte der Vulkan der Emotionen.

«Machen Sie mit meiner Aussage vom Vorjahr Copy/paste: Die Frage ist nicht, ob wir Meister werden, sondern wann.»

Zug-CEO Patrick Lengwiler

Eine Stunde nach Spielende versuchte EVZ-Captain Raphael Diaz mit sanfter Stimme zu erklären, was kaum erklärbar ist. Zum dritten Mal in den letzten vier Saisons sind die Zuger die ersten Verlierer. «Ob das bitter ist? Natürlich ist das bitter», sagte Diaz. «Vielleicht brauchen wir auch noch diese Erfahrung, damit wir endlich den nächsten Schritt machen können.» Geschäftsführer Patrick Lengwiler stützte sich neben der Gästegarderobe an den Beton und sagte: «Machen Sie mit meiner Aussage vom Vorjahr Copy/paste: Die Frage ist nicht, ob wir Meister werden, sondern wann.»

Einmal mehr muss Zug-Captain Raphael Diaz nach dem Final einem Gewinner die Hand reichen.
Einmal mehr muss Zug-Captain Raphael Diaz nach dem Final einem Gewinner die Hand reichen.
Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Villards Shirt, Lüthis Worte

Kein Warten und Halten mehr gab es für Biels CEO Daniel Villard. Er zog sich mit der Schlusssirene das Meistershirt («Ici c’est Champion») über, richtete behände den Kragen, wischte sich eine Träne aus den Augen. Später entfuhr ihm im nächtlichen Meistertrubel: «Das Schönste am Ganzen ist: Der Titel wird für einmal nicht am Berner, sondern am Bieler Guisanplatz gefeiert!»

Apropos Bern: Der SCB wollte am Montag den Nachfolger von Alex Chatelain präsentieren. Davon sieht der Club nun ab. «Wir machen den Bielern in diesem Moment doch nicht Aufmerksamkeit und Medienpräsenz streitig», sagte Berns Geschäftsführer Marc Lüthi.

Mit Verlaub: Weshalb sollte ein neuer Sportchef schlagzeilenträchtiger sein als der erste Bieler Meistertitel seit 37 Jahren? Lüthi knurrig: «Sie werden schon sehen ...»

In unserer Serie «In einer Welt ohne Corona» lassen wir Sie in das fiktive Sportgeschehen eintauchentotal aktuell und total erfunden.