Die Herrin im Männerknast

In den Bündner Bergen steht das modernste Gefängnis der Schweiz. Die Direktorin weiss, wie man mit Schwerverbrechern umgeht.

Ihr Nein ist absolut, das verstehen auch zwei Meter grosse Schwerverbrecher: Ines E. Follador-Breitenmoser. Foto: Nicola Pitaro

Ihr Nein ist absolut, das verstehen auch zwei Meter grosse Schwerverbrecher: Ines E. Follador-Breitenmoser. Foto: Nicola Pitaro

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Pädophiler will ins Familienzimmer. Ein Islamist will nicht, dass eine weibliche Aufseherin seine Zelle kontrolliert. Ein Raser will ein Autoheftli abonnieren. Begehrlichkeiten von Männern, die Schlimmes getan haben. Für Ines E. Follador-Breitenmoser ist das Alltag. Ihr Job ist es, über die Erfüllung dieser Wünsche zu entscheiden.

Seit acht Jahren ist sie Direktorin der Justizvollzugsanstalt Sennhof in Chur. 54 Männer sitzen dort ein. Im Januar wird ihre Aufgabe noch anspruchsvoller, die Gefangenen verlassen den für seine Enge berüchtigten Bunker und zügeln in einen neuen Komplex. 23 Kilometer weiter hinein in die Bergwelt. Die neue Justizvollzugsanstalt Cazis Tignez kostete 119 Millionen Franken und bietet Platz für dreimal so viele Männer. Der Umzug beschäftigt die Sennhof-Chefin stark, er ist ihre bisher grösste Herausforderung.

Blick auf die neu gebaute Justizvollzugsanstalt Cazis Tignez, 23 Kilometer von Chur entfernt. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Die 59-Jährige sitzt in ihrem neuen Büro. Gerader Rücken, die Hände ruhen auf der Tischkante. Sie spricht vom Umzug, von der Freude auf kommende Aufgaben. Allgemeinsätze. Mehr gibt sie nicht preis. Vorerst.

Sie will keine Wohlfühloase

Kahl ist der Raum. Demnächst sollen Bilder vom Kunsthaus in Chur angeliefert werden, aber viel mehr Inneneinrichtung wird es hier nicht geben. Sie sei keine, die ihren Arbeitsplatz zur Wohlfühloase umbauen müsse, erklärt Follador-Breitenmoser. Durch die vergitterten Fenster geht der Blick auf Stacheldraht und Betonmauer. Das wird ihre Aussicht für die nächsten Jahre sein. In der Kargheit zwischen dicken Mauern hat sie ihre Berufung gefunden.

«Ich wurde hier im Sennhof als Frau nur ganz am Anfang infrage gestellt.»Ines E. Follador-Breitenmoser

Bei ihrer Anstellung 2011 war sie die einzige Frau, die eine Justizvollzugsanstalt für Männer leitete. Und natürlich tauchte da immer wieder die gleiche Frage auf: Wie behauptet sich eine Frau in diesem Milieu? Ines Follador-Breitenmoser zuckt mit den Schultern. «Ich wurde hier im Sennhof als Frau nur ganz am Anfang infrage gestellt.» Da sei sie von den Insassen getestet worden – sie hätten geschaut, wie weit sie gehen könnten mit ihren Forderungen, ihrem Benehmen. «Aber das war, weil ich neu war, nicht weil ich eine Frau war.»

Die Häftlinge kamen nicht weit. Mit der Quereinsteigerin, der Mutter, die mit 30 ihr Studium nachgeholt hatte, liess sich zwar reden. Aber Ausnahmen gabs bei ihr nicht. Das hatte sie als Chefin bereits in der Churer Migros-Klubschule so gehalten. «Konsequenz», sagt sie, «ist hier drin das Wichtigste.» Für alle müssten gleiche Regeln gelten, sonst... Sie bricht den Satz ab. Sie will offenbar keine Szenen von Chaos, von revoltierenden Häftlingen heraufbeschwören.

Der Hang zur Ordnung

Im Zuge der landesweit diskutierten Carlos-Affäre um jenen Inhaftierten, der mit seiner Gewalttätigkeit und seiner Renitenz den Justizvollzug an seine Grenzen bringt, diskutierte die Öffentlichkeit erst vor kurzem wieder über das Innenleben der Haftanstalten – über angemessene Strafe; den Umgang mit Menschen, die den Konsens einer Gesellschaft nicht mittragen.

Follador-Breitenmoser weiss um die manchmal verzerrte Aussenwahrnehmung ihres Arbeitsplatzes. Der Ort hinter Mauern bietet Raum für allerlei Klischees – in der Regel sind es dunkle. Sie vermeidet darum weitere Angriffsflächen. Natürlich gebe es Gewalt, aber die sei auch draussen ein Problem. Überhaupt: Dieser Wesenszug, Dinge zu benennen, ohne zu werten, ist wohl ihr ausgeprägtester. Sie hat eine fast schon zenhafte Haltung zu allem. Das macht es schwierig, sie zu fassen. Dazu kommt der fast schon zwanghafte Hang zur Ordnung.

Im Gefängnisalltag ist beides von grosser Bedeutung. Die Tage bestehen aus fixen Abläufen, klaren Regeln. Tagwache um 6 Uhr. Arbeiten ab 7.30 Uhr, Zelleneinschluss um 19.45 Uhr. Reibungen, Unregelmässigkeiten sind unerwünscht. Und doch sind da Männer mit Emotionen, viele mit extremen Lebensläufen, manche krank, andere geschädigt. Und alle sind in der Unfreiheit auf sich selbst zurückgeworfen – nicht selten zum ersten Mal in ihrem Leben.

Ines Follador-Breitenmoser kennt die Geschichten der Männer, die ihr im Büro gegenübersitzen. Sie weiss um die Abgründe. Man müsse schon auf der Hut sein, sagt die Frau, zierliche Statur, 160 Zentimeter gross. Darum setzt sie sich immer auf den Stuhl, der näher zur Tür steht. Mehr Sicherheitsvorkehrungen brauche sie aber nicht. Eine brenzlige Situation habe sie noch nie erlebt.

Noch keinem gelang die Flucht

Für die gebürtige Gossauerin, aufgewachsen mit vier Geschwistern und bis zu fünf Pflegekindern, sind diese Täter Menschen, mit denen sie zusammenarbeitet. «Und dazu gehört, dass ich eine Beziehung zu ihnen habe, eine gewisse Nähe zulassen muss.» Natürlich sei dies eine Gratwanderung, erklärt sie, aber sie habe ja auch den Auftrag zur Resozialisierung der Gefangenen. 99 Prozent der Inhaftierten kommen eines Tages wieder raus.

Rund 7000 Personen sitzen derzeit in den 102 Schweizer Gefängnissen ein, die Auslastung liegt bei 94 Prozent. Dieser Wert ist in den letzten Jahren in etwa gleich geblieben. Das hat viel mit der Revision des Strafgesetzbuches von 2007 zu tun, die kurze Haftstrafen bei Erstdeliquenten fast gänzlich abgeschafft hat. Die Schweiz nimmt hier europaweit eine Vorreiterrolle ein. Auch in Bezug auf die Arbeit mit den Gefangenen.

Seit dem Mord in Zollikerberg, wo ein Sexualstraftäter während eines Hafturlaubs eine 20-jährige Pfadiführerin tötete, hat sich der hiesige Justizvollzug grundsätzlich gewandelt. 26 Jahre später ist die Gefängnistherapie stärker deliktorientiert, die Risikoeinschätzung professioneller, die Bewährungshilfe wichtiger. Laut Bundesamt für Statistik (BFS) liegt die Quote für eine Wiedereinweisung – innerhalb von drei Jahren – bei 17,3 Prozent. Im nahen Ausland (Deutschland, Frankreich, Italien) ist sie bis zu doppelt so hoch.

Wie eine Jugendherberge

Trotzdem wird immer wieder der zu starke Fokus auf die Täter kritisiert, von Kuscheljustiz ist dann die Rede. Im neuen Bündner Gefängnis ist, wenn man will, viel davon zu sehen. Die Gänge sind hell und weit, die Flügelfenster der 12 Quadratmeter grossen Zellen lassen sich öffnen, die Möbel sind aus Holz, und im Innenhof gibts eine Wiese mit einem Baum. Wären nicht die Gitter vor den Fenstern, hätte der Knast die Anmutung einer Jugendherberge.

«Ein Gefängnis darf kein toter Ort sein. Denn hier drin leben Menschen, zum Teil für sehr lange.»Ines E. Follador-Breitenmoser

Für Follador-Breitenmoser macht das alles Sinn. «Ein Gefängnis darf kein toter Ort sein. Denn hier drin leben Menschen, zum Teil für sehr lange.» Es sei auch hier immer noch ein Gefängnis, und das bedeute die radikale Beschneidung eines Grundrechts: der Freiheit. «Wie hart das ist, sieht man besonders gut an den Neuen. In den ersten Tagen blicken sie ständig umher, stets auf der Suche nach einem Fluchtweg.» Doch den gibts nicht. Zumindest bei Follador-Breitenmoser nicht. In ihrer Ägide gelang noch keinem der Ausbruch. Schweizweit fanden laut dem BFS in den letzten neun Jahren pro Jahr acht Personen den Weg in die Freiheit.

Jetzt steht im Sennhof der Umzug an. Die Gefangenen werden sich für eine kurze Zeit ausserhalb der Gefängnismauern bewegen. Wie gross das Risiko einer Flucht oder gar einer Befreiungsaktion dann ist, will sie nicht verraten. Details zum Umzug schon gar nicht. Nur: Er findet irgendwann im Januar statt. «Mehr kann ich nicht sagen – aus naheliegenden Gründen, Sie verstehen.» Dem Begehren des Journalisten, beim Transfer der Insassen dabei zu sein, gibt sie nicht statt.

Ihr Nein ist kategorisch und absolut. Keine weitere Diskussion. Ähnlich ist es Pädophilen, Islamisten und Rasern bei ihren unstatthaften Wünschen ergangen.

Erstellt: 02.12.2019, 23:42 Uhr

In Zahlen

119
So viele Millionen Franken kostet die Justizvollzugsanstalt Cazis Tignez. Sie ist für 152 Insassen gebaut worden – rund die Hälfte wird vom Kanton Zürich beansprucht.

7000
Dies ist die Anzahl Personen, die in den 102 Schweizer Gefängnissen derzeit einsitzen. Etwa drei Viertel der Insassen sind Ausländer. Die Belegungsrate in der Schweiz ist bei 94 Prozent. Dieser Wert ist in den letzten Jahren in etwa konstant geblieben. Die Rückfallquote liegt bei 17,3 Prozent.

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!

Kommentare

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.